Ärzte Zeitung, 11.08.2011

Interview

"Lüftungs- und Klimatechnik sind immer noch Stiefkind der Planer"

Auf die Größe, die fachliche Ausrichtung und auf die Lage kommt es an, wenn in Praxen Lüftungs- und Klimasysteme geplant werden. Der Experte für Klimatechnik Claus Händel spricht in der "Ärzte Zeitung" über weitere wichtige Details für ein angenehmes, gesundes Raumklima.

Ärzte Zeitung: Kommt eine moderne Arztpraxis heute noch ohne Lüftung aus?

Claus Händel

"Lüftungs- und Klimatechnik sind immer noch Stiefkind der Planer"

© privat

Aktuelle Position: Diplom Ingenieur Claus Händel ist seit dem Jahr 2000 technischer Referent beim Fachverband Gebäude-Klima e.V. (FGK). Dort ist er zuständig für die Technik und Normung im Bereich der Klima- und Lüftungstechnik. Er wirkt maßgeblich in vielen DIN-Normungsgremien mit und arbeitet als Obmann, etwa in DIN-Gremien zur Wohnungslüftung und zur Berechnung von Lüftungs- und Klimaanlagen.

Werdegang: Claus Händel hat 20 Jahre Erfahrung im Bereich der Klima- und Gebäudetechnik. Den Schwerpunkt seiner Tätigkeiten bildeten unter anderem Produktentwicklung von klimatechnischen Bauteilen, Entwicklung von Gebäude- und Anlagensimulationsprogrammen, Dienstleistungsentwicklung im Bereich der Gebäude- und Klimatechnik sowie Planung und Ausführung von Projekten im Anlagenbau und Contracting.

Dipl. Ing. Claus Händel: Eine Lüftung ist fast in jeder modernen Arztpraxis notwendig. Denn gerade Neubauten oder sanierte Gebäude sind so gut isoliert und luftdicht, dass die Sicherstellung der Raumluftqualität für die Menge an Personen, die sich in der Praxis aufhalten, sowie der Raumkomfort eine mechanische Lüftung nahezu einfordern.

Ärzte Zeitung: Gilt das auch für die Klimatisierung von Praxisräumen?

Händel: Angenommen, es handelt sich um einen Altbau mit massiver Bausubstanz, der wenig verglast ist, in dem ein Augenarzt oder ein praktischer Arzt praktiziert, so kann meist auf eine Klimaanlage verzichtet werden. Je höher der Technikbedarf in einer Praxis ist, umso sinnvoller ist eine Klimaanlage.

Weitere Faktoren sind die Anzahl der Personen, die sich über längere Zeit etwa im Wartezimmer aufhalten, und die baulichen Gegebenheiten wie abgehängte Decken oder intensive Beleuchtungsstärken. Oder wo die Praxis liegt, beispielsweise im innerstädtischen Bereich von Frankfurt am Main oder Stuttgart - Orte, die als Wärmeinseln gelten. Das sind Punkte, die für eine Klimaanlage sprechen.

Ärzte Zeitung: Was raten Sie Ärzten, die einen Neubau, eine Sanierung oder auch einen Umzug in neue Räume planen. Ist auf Architekten allein Verlass?

Händel: Gerade um das Thema Lüftung sollten sich Architekten stärker kümmern, das ist immer noch ein Stiefkind in der Planung! Und bei größeren Projekten wie Investorenbauten wird aus Kostengründen oft darauf verzichtet. Der Arzt muss hier frühzeitig und klipp und klar seine Ziele formulieren.

Oder bei Neubau oder Einzug auf die Hilfe eines zusätzlichen Experten setzen und einen TGA-Ingenieur - TGA steht für Technische Gebäudeausrüstung - zu Rate ziehen, der den Bedarf erläutern kann. Helfen kann auch ein Energieberater, wenn er einen TGA-Schwerpunkt hat. Steht ein Gutachten an oder geht es um die Vermittlung von Experten, so kann man sich an den Fachverband Gebäude-Klima wenden.

Ärzte Zeitung: Zu welchen Lüftungs-Systemen raten Sie, und wie hoch sind die Kosten?

Händel: Lüftung ist ein sehr individuelles Thema und stark vom Gebäude abhängig. Die Kosten können bei etwa 1500 Euro pro Raum beginnen, wenn nachgerüstet wird.

Ärzte Zeitung: Welche Klimaanlagen kommen für Praxen in Frage?

Händel: Bei kleineren Einheiten ist meist ein Raumklimagerät mit Anschlussmöglichkeit für mehrere Inneneinheiten - ein Multigerät - eine gute Wahl. Es hat eine stetige Leistungsregelung und kann mit einer Außeneinheit und bis zu acht Inneneinheiten arbeiten.

Die Anschaffung, der Einbau und die Konfiguration schlagen mit etwa 10.000 Euro zu Buche, dafür erhält man schon eine energieeffiziente Anlage. Handelt es sich um eine große Praxis über 500 Quadratmeter, raten wir zu einem sogenannten VRF-System, für Variable Refrigerant Flow.

Abhängig von der aktuellen Leistungsanforderung der Innengeräte wird die jeweilige, dem Innengerät zugeführte Kältemittel-Menge verändert, wodurch sich ein besonders wirtschaftlicher Betrieb ergibt.

Ärzte Zeitung: Sollten im Gesundheitsbau nur Experten an Klima und Lüftung arbeiten?

Händel: Man sollte sich die Referenzen der Auftragnehmer anschauen. Es muss nicht für jeden Auftrag einer Praxis explizit Krankenhauserfahrung nachgewiesen werden, aber die sogenannte VDI-6022-Schulung - für Hygieneanforderungen an raumlufttechnische Anlagen - ist ein Muss!

Wird allerdings eine Praxis mit OP klima- und/oder lüftungstechnisch betreut, so sollte die ausführende Firma sehr wohl Erfahrung im Klinikbau belegen können.

Das Gespräch führte Sabine Henßen

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Prima Klima in der Praxis!

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