Wir in der Praxis, 21.04.2009

Ein dickes Ding

Haben sich die Deutschen noch vor einem halben Jahrhundert nach einer energiereichen Mahlzeit verzehrt, täte es heute vielen von ihnen gut, pro Tag auf mindestens eine solche zu verzichten. Dabei ist Abnehmen nicht das eigentliche Problem, sondern das Halten des Gewichtes nach erfolgreichem Kiloverlust. Langfristigen Erfolg hat nur, wer sich realistische Ziele setzt.

Von Stefanie Fastnacht und Julia Pflegel

Ein dickes Ding

In vielen übergewichtigen Menschen schlummert der anhaltende Wunsch nach der Traumfigur. Besonders vorm Sommer soll aus dieser Vision Realität werden. Auf den unterschiedlichsten Wegen wird versucht, vermeintliche Idealmaße zu erreichen: Das strikte Verbot bestimmter hoch kalorischer Nahrungsmittel und der Vorsatz, fünfmal in der Woche ins Fitnessstudio zu gehen, sind nur zwei Beispiele dafür. Die meisten Personen machen jedoch nach einer Weile die Erfahrung, dass sie den Heißhunger auf Schokolade, Schnitzel, Weißbrot oder Rotwein irgendwann befriedigen müssen. Tun sie es, kommen neben den Kalorien Schuldgefühle wegen der eigenen Schwäche hinzu: Der Anfang vom Ende der Diät hat begonnen.

Und schuld ist doch die Genetik?

Übergewichtige Menschen neigen vermeintlich zu Unrecht dazu, ihre überzähligen Pfunde und Kilos auf ihre genetische Veranlagung zu schieben. Sätze wie "Ich brauche ein Stück Torte nur anzusehen, und schon ist es auf meinen Hüften" werden gern mitleidig belächelt. Die Entstehung von Übergewicht (und Adipositas) wird den betroffenen Personen von der Gesellschaft allein angelastet: Sie sind einfach zu schwach, um abzunehmen, sich gesund zu ernähren, Sport zu treiben etc. Erst wenn die Adipositas extrem ist, tritt Mitleid in den Vordergrund.

"Der Kernpunkt, der letztlich die psychosozialen Probleme übergewichtiger Menschen eskalieren lässt, muss darin gesehen werden, dass Adipositas nicht als Krankheit, sondern als schuldhaft selbst verursachter Zustand bewertet wird", erklärt der Ernährungswissenschaftler und Psychologe Professor Volker Pudel, ehemaliger Leiter der Ernährungspsychologischen Forschungsstelle am Zentrum für Psychologische Medizin an der Universität Göttingen. Das spricht natürlich niemanden von der Verantwortung für seinen Körper frei. Aber: Aus Zwillingsstudien weiß man heute sehr genau um die genetischen Ursachen des Übergewichtes. Gerade hat ein internationales Wissenschaftlerteam (GIANT, Genetic Investigation of Anthropometric Parameters) mit Beteiligung des Helmholtz Zentrums München sechs neue Adipositasgene identifiziert, die in den Gehirnzellen aktiv sind.

Wahr ist jedoch auch, dass die genetische Prägung ohne den herrschenden Überfluss das Gewicht nicht ansteigen lässt. Das betonen auch die Experten des Helmholtz Zentrums: "Die beiden Hauptursachen für das Dickwerden sind natürlich falsche Ernährung und mangelnde Bewegung. Aber die Biologie dieser Gene deutet darauf hin, dass genetische Faktoren dahinterstehen, wenn Menschen auf Lebensstil und Umweltbedingungen unterschiedlich reagieren", so Prof. H.-Erich Wichmann und Dr. Iris Heid, die die deutsche Beteiligung an GIANT leiten.

Abnehmen ja, halten wird schon schwierig

Der großartige Schauspieler Gert Fröbe, der in einer seiner berühmtesten Rollen als Goldfinger James Bond das Fürchten lehrte, brachte es einmal auf den Punkt: "Das erste, was man bei einer Abmagerungskur verliert, ist die gute Laune". In seinen wahren Worten ist der Ansatz zum Scheitern schon erkennbar: Keine Ernährungsumstellung, keine Änderung der täglichen Gewohnheiten wird funktionieren, wenn die Lebensqualität darunter entscheidend leidet.

Und das wird sie unweigerlich, ist der diätetische Ansatz zu rigide, sind die gesteckten Ziele zu hoch. So zeigen Studien deutlich, dass eine strikte Kalorienreduktion zwar zu Beginn die Kilos schmelzen lässt, dauerhaft aber kaum durchzuhalten ist. In einer amerikanischen Studie aus den 90er-Jahren hielten Patienten entweder eine energiereduzierte Mischkost (1000 kcal/Tag) ein oder bewegten sich aktiver (zum Beispiel regelmäßiges Walken). Nach einem Jahr hatten die "Diätler" im Schnitt 6,8 Kilogramm abgenommen, was bei einer 1000 kcal/Tag-Kost nicht verwundert. Die Sportler hingegen verloren "nur" 2,9 Kilogramm.

Wenn der gefürchtete Jo-Jo-Effekt eintritt

Nun "überließ" man die Testpersonen sich selbst, mit der Aufgabe, ihr Programm weiterhin einzuhalten. Nach weiteren zwölf Monaten wurde das Gewicht erneut kontrolliert. Das Ergebnis überraschte die Experten nicht: Bei denjenigen Personen, die in dem Jahr zuvor mit Hilfe der Kalorienreduktion knapp sieben Kilogramm verloren hatten, lag nun das durchschnittliche Gewicht 0,9 Kilogramm über dem Ausgangswert! Umgangssprachlich wird das treffend als "Jo-Jo-Effekt" bezeichnet. Die Sportler hingegen konnten ihren Gewichtsverlust fast halten: Sie lagen 2,7 Kilogramm unter ihrem Ausgangsgewicht, hatten also in einem Jahr durchschnittlich nur 200 Gramm zugenommen.

Das Wichtigste für den langfristigen Erfolg einer Gewichtsreduktion ist, sich realistische Ziele zu stecken. Das sollte auch im Mittelpunkt eines Beratungsgespräches stehen: Es nutzt nichts, in zwei Monaten den Mount Everest erklimmen zu wollen, wenn man heute noch nicht mal die Treppe in den ersten Stock schafft. Ebenfalls wichtig: ausreichende Bewegung und die Veränderung des Lebensstils.

Vermehrte körperliche Aktivität unterstützt das Abnehmen und das Halten des Gewichtes. Die aktuelle Leitlinie der Deutschen Adipositas-Gesellschaft, der Deutschen Diabetes Gesellschaft, der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin gibt dazu folgendes an: "Um messbar das Gewicht zu reduzieren, ist ein zusätzlicher Energieverbrauch von 2500 kcal/Woche erforderlich. Das entspricht einem Umfang von mindestens fünf zusätzlichen Stunden körperlicher Bewegung pro Woche." Um das Gewicht langfristig zu stabilisieren, seien drei bis fünf Stunden pro Woche angebracht (minus 1500 kcal/Woche).

Verhaltenstherapeutische Maßnahmen beinhalten die Dokumentation des Ess- und Bewegungsverhaltens. Besonders wichtig ist es, eine flexible Selbstkontrolle zu erlernen, also die Kontrolle des eigenen Verhaltens, die auch Misserfolge einschließt.

Einfach zur Schlankheitspille greifen?

Für die medikamentöse Unterstützung der Gewichtsabnahme stehen die Substanzen Sibutramin und Orlistat zur Verfügung. Sibutramin ist verschreibungspflichtig und indiziert bei einem Body-Mass-Index von 30 kg/m² und höher sowie bei einem BMI von 27 kg/m² und höher für Patienten, die adipositasbedingte Risikofaktoren wie Diabetes mellitus Typ 2 oder Dyslipidämie haben. Für Orlistat in der verschreibungspflichtigen Einzeldosis (120 mg) gilt dasselbe, allerdings ist für die risikobehafteten Patienten ein BMI von 28 kg/m² und höher festgelegt worden.

http://www.adipositas-gesellschaft.de/leitlinien.php

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