Leserkommentare [17642]

[15.08.2017, 15:32:35]
Dr. Segei Jargin 
Kindesmisshandlung, Autismus und Alkoholmissbrauch: mögliche Ursache-Wirkungs-Beziehungen 
Die Misshandlungen können in den Familien über mehrere Generationen persistieren. In einigen Bevölkerungsgruppen ist die häusliche Gewalt mehr oder weniger akzeptiert. Die Aufdeckung der Misshandlung hängt unter Umständen vom Opfer ab. Es kann einfach sein, einen sozial ungeschützten Täter, z.B. einen Alkoholiker oder psychisch Erkrankten, bloßzustellen; anderenfalls werden verschiedene Mittel verwendet, um die Aufdeckung zu verhindern: Drohungen, Bestechung, usw. Es sollte auch vermerkt werden, dass die Studien über Kindesmisshandlung überwiegend in entwickelten Ländern durchgeführt wurden, während in weniger fortgeschrittenen Gesellschaften die Misshandlung ohne viel Publizität fortbestehen kann.
Kindesmisshandlung kann langanhaltende Effekte auf die psychische Gesundheit haben: posttraumatische Belastungsstörungen, spätere Drogen- und Alkoholprobleme, Tendenz zum kriminellem oder suizidalen Verhalten usw. [1,2] Hier folgt eine Fallbeschreibung mit einer Diskussion möglicher Ursache-Wirkungs-Beziehungen zwischen der Misshandlung, Symptomen einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Autismus-Spektrumstörung (ASS) und dem Alkoholkonsum beim jugendlichen Opfer.
Fallbeschreibung
Bis zum Alter von 3-4 Jahren war die Entwicklung von S. unauffällig. Als er drei Jahre alt wurde, waren seine Eltern im Begriff sich scheiden zu lassen, während S. mit einer Kinderfrau in eine Vorstadt gesandt wurde. Dort verbrachten sie auch zwei nachfolgende Sommer. Eine Kindervernachlässigung ließ sich retrospektiv feststellen. Es gab fast keinen Kontakt mit anderen Kindern. Die Kinderfrau hat Bekanntschaften gefunden; der Junge wurde oft allein im verschlossenen Zimmer gelassen, saß auf einem Divan, was zur körperlichen Entwicklung und der sozialen Kompetenz nicht beigetragen hat. Das Einsperren wird als Form einer seelischen Misshandlung angesehen [2]. Die Kinderfrau hat dem Kind ab und zu süßen verstärkten Wein gegeben, wahrscheinlich um ihn zu beruhigen bzw. in der Nacht nicht gestört zu werden. Der Vater kam einmal unerwartet und roch Alkohol; das hatte keine Folgen. Nach Erinnerungen beteiligter Personen konnte auch eine Kopfverletzung vorgekommen sein. Im Alter von 6 Jahren wurden bei S. Kommunikationsstörungen und eine motorische Ungeschicklichkeit bemerkt. Das Auftreten autistischer Symptome koinzidierte mit dem Mobbing (bullying) des sozial naiven Kindes, als die Anforderungen die eingeschränkten Kapazitäten überstiegen. Die Symptome verschlimmerten sich weiter nach dem Beginn der Misshandlung zu Hause. Zusammengenommen waren die Symptome mit einer ASS vereinbar. Einige Merkmale der ADHS waren ebenfalls vorhanden, wobei die Hyperaktivität vorwiegend in der familiären Umgebung ausgeprägt war. Als S. 7 Jahre alt wurde, hat seine Mutter erneut geheiratet; der neue Partner, der 15 Jahre älter als S. war, begann den letzteren körperlich zu misshandeln. Die Misshandlung erfolgte mittels Schlagen mit der flachen Hand in Gesichts- und Kopfbereich sowie Schlagen mit einem Hosenriemen. Die Misshandlung wurde oft unter dem Vorwand einer Bestrafung oder Erziehung vorgenommen, fand aber auch ohne Grund statt. Der ethnische Faktor spielte dabei offensichtlich eine Rolle: der Täter war jüdischer Abstammung, während S. seine russische ethnische Zugehörigkeit zu betonen pflegte. Die körperliche Misshandlung wurde mit einer Einschüchterung durch Gesten und Mimik kombiniert. In seltenen Fällen beteiligte sich auch die Mutter an der Misshandlung von S., was dem Schema entspricht, dass Mütter ihre Kinder öfter misshandeln, wenn ihre Partner keine Väter der Opfer sind [3]. Abgesehen von einer mitunter irregulären Ernährung kann das folgende Beispiel als Beleg einer Vernachlässigung interpretiert werden. Im Grundschulalter wurde S. wiederholt, ungeachtet schriftlicher Ermahnungen vom Lehrer, zum Turnunterricht in einer unpassenden Kleidung geschickt, so dass seine Genitalien beim Turnen sichtbar waren. Das war eine der unmittelbaren Ursachen von Mobbing in der Schule und auch vom Zurückbleiben in der körperlichen Entwicklung: der Lehrer ließ ihn während des Turnunterrichts auf einer Bank sitzen. S. hat selbst am Mobbing anderer Kinder teilgenommen; seine Rolle kann als bully-victim (Täter-Opfer) bezeichnet werden, was angeblich mit einem höheren Risiko vom Substanzmissbrauch assoziiert ist [4]. Abgesehen vom Trinken bis zu einer Flasche Bier mit einem Mitschüler, hat S. bis zum Alter von 13 Jahren wenig Alkohol getrunken. Zum ersten Mal trank er eine 0,75 l Flasche Portwein mit einem älteren Jungen. Während des anschließenden Schuljahres hat sein Alkoholkonsum bis zu 250 ml Wodka plus Bier oder einer 0,75 l Flasche Portwein in einer Sitzung angestiegen. Eine Gelegenheit, von der häuslichen Gewalt fernzubleiben, wurde von einer Gruppe trinkender Mitschüler geboten, wo ältere Jungen den Kauf und Konsum von Alkohol inspirierten. Im Alter von 22,5 Jahren wurde S. ein Disulfiram-Präparat Esperal implantiert, worauf eine 8-monatige Abstinenzperiode folgte. Im Alter von 35 Jahren hat S. den Alkoholmissbrauch endgültig eingestellt, weil es mit seinen beruflichen Verpflichtungen nicht vereinbar war. Im Laufe der Zeit sind ihm die Antriebe zum Alkoholkonsum klargeworden, und zwar das Überwinden der Kommunikationsbarrieren. Das illustriert den Mechanismus, der zum Alkoholkonsum nicht nur bei den ASS-Patienten beiträgt: durch eine gemeinsame Zecherei Insider zu werden. Dieser Mechanismus wurde ausgebeutet: in den Arbeiter-, Studenten- und Intelligenzija-Gruppen gab es Anstifter, die andere zum übermäßigen Alkoholkonsum manipulierten [5].
Diskussion
Mehrere Studien weisen daraufhin, dass eine Überlappung von ASS und ADHS in vielen betroffenen Kindern vorliegt [6]. Psychosoziale Faktoren können den Verlauf der ASS beeinflussen [7]. Es ist bekannt, dass eine Viktimisierung und eine posttraumatische Belastungsstörung die autistischen Charakterzüge hervorrufen oder verstärken können [8]. Eine Rolle von Hirnschädigungen in der Ätiologie der ASS, bzw. Ähnlichkeit der Symptome nach einem pädiatrischen Schädelhirntrauma und bei der ASS, werden auch diskutiert [9,10].
Nach Meinung des Verfassers ist die Kindesmisshandlung ein unterschätzter ätiologischer Faktor bei ASS. Einige Patienten mit autistischen Symptomen sind wahrscheinlich misshandelte Kinder mit einer ADHS, hyperkinetischen Störung oder ursprünglich Gesunde. Unter den Bedingungen des Mobbings und der häuslichen Gewalt können die ADHS-Symptome wie die Hyperaktivität und Impulsivität regelmäßig bestraft werden. Im Gegenteil kann ein abnormes, mit der ASS mehr oder weniger vereinbares Verhalten bewusst oder unbewusst gezeigt werden, um Mobbing und Trauma zu vermeiden. Die Ursache-Wirkungs-Beziehung kann bidirektional sein: die autistischen Symptome erhöhen das Mobbing- bzw. Misshandlungsrisiko, während das Mobbing und die häusliche Gewalt das abnorme Verhalten verfestigen und verstärken. Die ASS und ADHS sind mit Störungen der Eltern-Kind-Beziehungen, mütterlicher Stressbelastung und Kindesmisshandlung assoziiert [8,11,12]. Mütter können sich vom Kind überfordert fühlen und geraten selbst in soziale Isolation, indem sie sich das Kind mit in die Öffentlichkeit nicht zu nehmen trauen [13]. Im Hinblick auf die bestimmte neurobiologische Basis der ASS [14,15], sind exogen bedingte Fälle im gewissen Sinne als „Nachahmer“ zu sehen [16], die als solche zu erkennen sind, weil die Patienten eine ursachenorientierte Behandlung brauchen können.
Vor dem Hintergrund einer Störung der sozialen Interaktion kann der Alkoholkonsum bewusst oder unbewusst zum Überwinden der Kommunikationsbarrieren benutzt werden. Außerdem kann ein Misshandlungsopfer mit trinkenden jugendlichen Gruppen herumlungern um der häuslichen Gewalt zu entweichen. Eine frühzeitige Identifizierung, Unterstützung und Behandlung dieser gefährdeten Jugendlichen könnte es verhindern, dass sie in Bezug auf Schule und Berufsausbildung aus den normalen Entwicklungswegen herausfallen [17].
Literatur
1. Jacobi G, Dettmeyer R, Banaschak S, et al. Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern - Diagnose und Vorgehen. Dtsch Arztebl 2010;107:231-39.
2. Remschmidt H: Misshandlungsfolgen. Seelische Belastungen und Spuren im Gehirn. Dtsch Arztebl 2011;108:285-6.
3. Alexandre GC, Nadanovsky P, Moraes CL, Reichenheim M. The presence of a stepfather and child physical abuse, as reported by a sample of Brazilian mothers in Rio de Janeiro. Child Abuse Negl 2010;34:959-66.
4. Radliff KM, Wheaton JE, Robinson K, Morris J. Illuminating the relationship between bullying and substance use among middle and high school youth. Addict Behav 2012;37:569-72.
5. Jargin SV. Alcohol and alcoholism in Russia: insider’s observations and review of literature. J Addiction Prevention 2016;4(1):6.
6. Stollhoff K. Autismus und ADHS häufig gepaart. Pädiatrie 2011;23:447.
7. Müller T. Lang erwartete Antworten. Pädiatrie 2016;28:57-59.
8. Roberts AL, Koenen KC, Lyall K, et al. Association of autistic traits in adulthood with childhood abuse, interpersonal victimization, and posttraumatic stress. Child Abuse Negl 2015;45:135-42.
9. Remschmidt H, Kamp-Becker I. Das Asperger-Syndrom - eine Autismus-Spektrum-Störung. Dtsch Arztebl 2007;104:A873-82.
10. Singh R, Turner RC, Nguyen L, et al. Pediatric traumatic brain injury and autism: elucidating shared mechanisms. Behav Neurol 2016;2016:8781725.
11. Duan G, Chen J, Zhang W, et al. Physical maltreatment of children with autism in Henan province in China: A cross-sectional study. Child Abuse Negl 2015;8:140-7.
12. Weber-Börgmann I, Burdach S, Barchfeld P, Wurmser H. ADHS und das Ausmass der elterlichen Stressbelastung bei mangelnder Spielfähigkeit im Säuglings- und Kleinkindalter. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2014;42:147-55.
13. Frölich J. Möglichkeiten des pädagogischen Umgangs mit hyperkinetischen Kindern mit Störungen des Sozialverhaltens im Alter von 6-12 Jahren. Bonn: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, 1993.
14. Bölte S, Feineis-Matthews S, Poustka F. Neuropsychologie des Autismus. Zeitschrift für Neuropsychologie 2001;12:235-45.
15. Freitag CM, Petermann F. Autismus-Spektrum-Störungen. Kindheit und Entwicklung 2014;23:1-4.
16. Jargin SV. Child abuse, autism spectrum disorder and alcohol overconsumption: possible cause-effect relationships. Psychiatr Danub 2017;29:94-95.
17. Purtscher K. Traumatisierung in der Kindheit - Folgen für die Entwicklung. Psychiatr Danub 2008;20:513-20.


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[15.08.2017, 13:52:29]
Dr. Jürgen Schmidt 
Einerseits und andererseits und außerdem 
Ohne für einen der beiden Kollegen Partei ergreifen zu wollen, sollten wir Ärzte - wenn wir es nicht schon wissen - uns Gedanken machen, wie sich eine Schicht "bio-psycho-sozial Abgehängter" bildet und erhält.
Durch den etwas wenig motivierten Zusatz "bio" wird ein Vertretungsanspruch dokumentiert, der von einer bestimmten Fachgruppe gerne wiederholt wird. Diese Experten-Position führt ebenso wenig weiter, wie abschätzige Distanzierung.
Wir Ärzte sind Wissenschaftler (jedenfalls die besseren von uns). Die besagt Abgehängten sind ein gesellschaftlicher Sprengsatz, der sich aller Voraussicht nach durch Integrationsfehlschläge vermehren wird. Besondere Beachtung sollten neuere Erkenntnisse der Lerntheorie finden, sowie alte Überzeugungen aus den besten Zeiten des deutschen Schulwesens. Hirnforscher wie Roth weisen uns den Weg. zum Beitrag »
[15.08.2017, 13:31:50]
Dr. Jürgen Schmidt 
Die Demokratie setzt die Wahl durch eine beschränkte Mehrheit an die Stelle der Ernennung durch eine bestechliche Minderheit ( G.B.Shaw) 
Nach meinem Eindruck bestimmen Ärzte als Mulitplikatoren der politischen Stimmungslage Wahlentscheidungen nicht unwesentlich.

Gröhe zeigt zwar den gewohnten Aktionismus der Gesundheitspolitiker, hat aber die Geldbeutel der Ärzte nicht belastet, wie Seehofer das tat und dafür abgestraft wurde. Gröhe scheint ein beflissener Gefolgsmann von Merkel zu sein, so dass man eine gewisse Schonung der CDU-Stammwählerschaft erwarten kann, zu denen sich wohl auch die Mehrheit der Ärzte zählt.

Die FDP verspricht gern und viel. Als 1987 mit der Reduzierung der Multiplikatoren für die GOÄ die Kostensenkungsidee auch auf den Privatsektor übegriff, übte sich der damalige Wirtschaftsminister Lambsdorf im verbalen Widerstand, fehlte dann aber am Tag der Kabinettsentscheidung wegen einer Visite in Brüssel.

Die SPD vertritt ideologische Positionen, die weniger einer Fortentwicklung des Gesundheitswesens dienen, als vielmehr einer Binnenlegitimation gegenüber ihren Restwählern.

Ob im Programm der Grünen etwas zum Gesundheitswesen steht, entzieht sich meiner Kenntnis. Bislang war dies in den divergierenden Reihen der Grünen kein Kernthema und dürfte im Koalitionsfall zur Verhandlungsmasse gehören.

Zusammenfassend erscheint mir das Übel diesmal größer, das man als das kleinere wählen kann. zum Beitrag »
[15.08.2017, 12:48:45]
Dr. Wolfram Benoist 
Bei einem Austausch muss ein neues Rezept ausgestellt werden 
Wieso muss bei Betrug ein neues Rezept ausgestellt werden.
Das geht ja hier zu wie bei der Autoindustrie, keiner will Verantwortung für den Beschiss übernehmen und der Kunde oder hier der Arzt soll dann wegen Unwirtschaftlichkeit zahlen. Dabei kann man ruhig die weißen Tabletten einnehmen, sie enthalten den Wirkstoff in identischer Dosierung und Galenik, war aber für den ägyptischen Markt bestimmt und deshalb preiswerter.
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[14.08.2017, 14:31:46]
Dipl.-Med Doris Reis 
Wahlen 
Ich persönlich möchte eine realere Politik deshalb habe ich in die Wahlprogramme gesehen. Mir gefallen die Aussagen der Freien Wähler. Sie haben schon in vielen kommunalen Parlamenten erfolgreiche Politik gestaltet und ich denke, eine Chance im Bundestag hätten sie verdient.

MfG
Doris Reis zum Beitrag »
[14.08.2017, 14:17:14]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Lieber Kollege Dr. Robert Künzel... 
als jahrzehntelanger Hausarzt im Dortmunder Zentrum betreue ich auch Patientinnen und Patienten in sozialen Brennpunkten. Ich kann Ihnen versichern, dass Sie einer multimedial gepflegten Desinformationskampagne aufsitzen, wenn Sie behaupten: 'Die "bio-psycho-sozial Abgehängten", lieber Kollege Schätzler...haben aber sehr wohl das Geld, sich Unmengen von Tattoos für hunderte € stechen zu lassen. Ebenso für Speed, um sich die Zähne zu ruinieren, Stichwort "Meth-Mouth".'

Derartige Fehlinformationen sind doch nur Projektionsfläche für zahlreiche Hass-Botschaften die im Netz und anderswo gepflegt werden, um die Unterschicht zu diskriminieren und zu stigmatisieren. Daran sollten Sie sich als Arzt gar nicht erst beteiligen.

Und was ist mit den zahlreichen "Leistungsträgerinnen und -trägern" in unserer Gesellschaft aus Wirtschaft, Handel, Politik, Medien, Meinungsbildung und Öffentlichkeit, die mit Fehlernährung, Bewegungsmangel, Sucht, Drogenmissbrauch, Adipositas, Rauchen, Alkoholabusus, Hochrisiko-Sportarten in unseren Vertragsarzt-Praxen aufschlagen bzw. nach "all-you-can-eat"- und "flatrate"-Manier als Negativ-Vorbild unerfüllbare Forderungen zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) stellen?


Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[14.08.2017, 11:45:35]
Dr. Wolfgang Albrecht 
Unding 
Auch 0,01 % sind zuviel für eine Therapie ohne nachgewiesenen Nutzen.
Genauso wie die TV - und Internet Werbespots der Barmer Kasse, die ja mit Versicherten Beiträgen bezahlt werden.  zum Beitrag »
[12.08.2017, 07:51:18]
Dr. wolfgang baertl 
"Honorarpolitik ist Strukturpolitik" 
Kein Wort über das "Neubauer-Gutachten", das von der KVB selbst in Auftrag gegeben wurde und eine ganz klare Aussage hatte: "in keiner der untersuchten Arztgruppen ( Hausarzt und grundversorgenden Fachärzte) ist es in den ländlichen Regionen Bayerns möglich ein sog. "angemessenes Arzteinkommen zu erzielen." Deshalb werden die Defizite gerade auch in der fachärztlichen Grundversorgung in den Regionen noch überproportional zunehmen, da die Einnahmen für diese Gruppierungen mangels Kompensationsmöglichkeiten aus anderen als Kollektivvertragserträgen der KV dort definitiv nicht ausreichen. Wenn mangelnde strukturelle Attraktivität in den Regionen auf unterdurchschnittliche und damit unattraktive Vergütung trifft, werden keine kurzfristig angelegten Förderprogramme den Nachwuchs langfristig aufs Land "locken".
Die Verantwortung liegt bei den KV-en und der KBV , die trotz Kenntnis dieser Unterfinanzierung in der haus - und fachärztlichen Grundversorgung keine geeigneten, langfristigen honorarpolitischen Maßnahmen ergreifen. Denn " Honorarpolitik ist Strukturpolitik" lautet ein Kernsatz, der bekanntlich aus der Selbstverwaltung selbst stammt.
Auch die Zahlen beschönigen das tatsächliche, zu erwartende Defizit. Wenn Herr Kaplan bei 12,5 tatsächlichen Abschlüssen von 20 % Bedarf an Facharztanerkennungen bei den Hausärzten spricht, entspräche dies in kommenden 5 Jahren in Bayern einem Defizit von 760 Hausärzten. Wir wissen aber auch, dass dabei in der Regel sog. " Einzelkämpfer" , die in der Regel weit Überdurchschnittliches geleistet haben, durch eine Nachwuchsgeneration ersetzt wird, die andere Vorstellungen in ihrer Lebens - und Arbeitsgestaltung hat, zunehmend in den Angestelltenstatus tendiert und vor allem weiblich ist mit den bekannten, biologisch bedingten Konsequenzen. Wir werden also nicht 1:1 ersetzt bekommen, sondern nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 1:1,5 bis zu 1: 2,8. Damit erhöht sich das zu erwartende Defizit in der Grundversorgung dramatisch auf 1140 bzw. bis zu 2100 Hausärzte im Jahr 2021 in Bayern wobei die Fachärzte in der Grundversorgung mit 2-3 Jahren bekanntlich dieser Tendenz folgen! Momentan liegen die " Fehlzahlen" noch deutlich unter 100! Welche Antworten haben wir auf diese katastrophale Entwicklung wirklich? Ohne eine grundsätzliche Korrektur der Honorarpolitik wird es nicht gelingen. Dazu fehlen mir bislang die Vorschläge der KV!
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[11.08.2017, 20:52:52]
Dr. Robert Künzel 
Die "bio-psycho-sozial Abgehängten", lieber Kollege Schätzler... 
.....haben aber sehr wohl das Geld, sich Unmengen von Tattoos für hunderte € stechen zu lassen. Ebenso für Speed, um sich die Zähne zu ruinieren, Stichwort "Meth-Mouth". Na klar ist theoret. auch das Geld dafür da, um die Folgeschäden zu begleichen. Aber aufgewiegelt durch die Phrasen sozialromantischer Politiker in Funk und Fernsehen schöpft man viel lieber sein "all-you-can-eat" Chipkärtchen bis zum Anschlag. Im konkreten Fall aus meiner Sprechstunde sah das wie folgt aus: Konsultation mehrerer Nervenärzte zwecks Ausstellung entsprechender Atteste, Absolvierung etlicher Psychotherapiesitzungen beim Kassenpsychologen und schliesslich Genehmigung der Entfernung der "übermäßig entstellenden" Tattoos auf GKV-Kosten. Nun, nach kurzer Zeit, neue und "modernere" Tattoos machen lassen. Das alles hat m.E. nichts mit PKV oder GKV zu tun, sondern schlicht mit dem perversen System der Sachleistung. Der Tattoo-Künstler verlangt stets cash und ist angesehen, der Arzt kostet "nichts" und dessen Leistung wird als wertlos empfunden. Von mir aus kann eine Bürgerversicherung ruhig kommen, wenn aber das irrwitzige Sachleistungssystem nicht verlassen wird fährt das Gesundheitssystem zwangsläufig gegen die Wand. zum Beitrag »
[11.08.2017, 20:32:02]
Thomas Georg Schätzler 
GKV-Kassen Finanzdienstleister für unsere Patientinnen und Patienten! 
GKV-Kassen Finanzdienstleister für unsere Patientinnen und Patienten!
Die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) hat vollkommen Recht, wenn sie fordert, neben dem Ersttrimester-Screening bei Schwangeren zusätzlich die Aufnahme einer umfassenden Organ-Ultraschalluntersuchung um die 20. Schwangerschaftswoche in die Mutterschaftsrichtlinie und damit in die Regelversorgung der GKV zu integrieren.

Vergleichbares gilt auch für die qualifizierten Ultraschalldiagnostik bei der Endometriose
http://news.doccheck.com/de/181976/endometriose-kassen-ihr-zahlt-zu-spaet/
und bei Vorsorge und Früherkennung des Ovarialkarzinoms! Sie ist  alternativlos!

Trotzdem ‘hetzt’ der “IGeL-Monitor des Medizinischen Dienstes der Gesetzlichen Krankenkassen” als Körperschaften Öffentlichen Rechts und damit zu juristischer Objektivität und transparenter Nachprüfbarkeit verpflichtet, weiterhin g e g e n “Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung”, um von den eigenen Unzulänglichkeiten auch bei anderen Präventionszielen abzulenken:
http://www.igel-monitor.de/IGeL_A_Z.php?action=abstract&id=58

Unter “IGeL-Info kompakt” steht dort wörtlich: “Einen Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung bewerten wir mit „negativ“. Eierstockkrebs, auch Ovarialkarzinom genannt, ist die fünfthäufigste Krebstodesursache bei Frauen. Zur Früherkennung wird von den gesetzlichen Krankenkassen ein jährliches Abtasten ab dem 20. Lebensjahr bezahlt. Frauenärzte bieten darüber hinaus Ultraschalluntersuchungen der Eierstöcke an, oft im Rahmen einer „gynäkologischen Krebsvorsorge“. Besteht ein Verdacht auf Eierstockkrebs ist der Ultraschall eine GKV-Leistung, ohne Verdacht eine IGeL. Ultraschalluntersuchungen sind als IGeL bei vielen Arztgruppen weit verbreitet: Jede fünfte angebotene IGeL ist ein Ultraschall.”

Wohlwissend, dass die bi-manuelle Tastuntersuchung als Krebsvorsorge bei der Frau das Ovarialkarzinom gerade n i c h t rechtzeitig erfassen kann, hebt der GKV-IGeL-Monitor im Folgenden darauf ab, dass “eine im Juni 2011 veröffentlichte große Studie bestätigte, was andere Studien bereits angedeutet haben: Mit Ultraschalluntersuchung sterben gleich viele Frauen an Eierstockkrebs wie ohne Untersuchung.”

Er verschweigt dabei, dass bei einer derartig hochmaligne und aggressiv verlaufenden Krebserkrankung eine Frühdetektion gar nicht sofort auf die Gesamtmortalität durchschlagen kann. Es ist ein diagnostisches Armutszeugnis, zu behaupten: “Diese und andere Studien zeigen jedoch, dass Frauen durch Fehlalarme häufig unnötig beunruhigt und sogar eigentlich gesunde Eierstöcke entfernt werden. Eine erneute Suche nach aktuelleren Studien im Juli 2014 bestätigte unsere Bewertung. Auch ärztliche Fachgesellschaften raten inzwischen von der Untersuchung ab.”

Ein Nachweis über diese vorwissenschaftlichen, abenteuerlichen und z. T. wahrheitswidrigen Behauptungen wird nicht geführt. Die Einlassung, “der IGeL-Monitor wird von einem Team erstellt, das der evidenzbasierten Medizin verpflichtet ist". Initiator und Auftraggeber des IGeL-Monitors ist aber  der eigene Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V. (MDS). Finanziert wird der MDS vom Spitzenverband Bund (SpiBu) der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und identifiziert sich damit als medzin-bildungs- und versorgungs-fern.

Es bleibt die Frage, warum das, was bei einem bloßen Verdacht oder zum Ausschluss von… eben offiziell n i c h t von den Gesetzlichen Krankenversicherungen der GKV honoriert werden soll? Das müssen doch die behandelnden Vertrags-Ärztinnen und -Ärzte selbst entscheiden dürfen, statt ein ebenso insuffizienter wie hypertropher Medizinischer Dienst mit seinem fragwürdigen SpiBu-IGeL-Monitor. Die GKV-Kassen sind doch eher Finanzdienstleister für unsere Patientinnen und Patienten!

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. Trzebiatów/Polen)  zum Beitrag »
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