Innovationen: Warum die GKV hinterher hinkt
Oft dauert es Jahre, bis eine Innovation Kassenleistung wird. Ein Grund ist: Weder die Industrie noch anwendende Ärzte sind beim GBA antragsberechtigt. Ein Webfehler im Gesetz, meint Dr. Gerhard Brenner in seinem Gastbeitrag.

Leserkommentare [3]

[05.11.2014, 15:44:53]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Liebe Frau Dr. Patricia Klein  
Ihr Beitrag könnte so verstanden werden, dass Innovationen überhaupt überflüssig seien.
Dieser Eindruck ist in der Tat im Verhalten von Gesundheitspolitik und GKV naheliegend, sodass deutsche Innovationen erst im Ausland Karriere machen müssen.
Das war mal genau umgekehrt, schon etwas länger her.
Merke:
Es gibt auch Innovationen, die nicht nur den Kranken helfen, sondern sogar Kosten sparen,
wie die endoskopische Chirurgie, die heute noch durch falsch Honorierung behindert wird.
Gegen Dummheit kämpfen selbst Götte vergebens!
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[05.11.2014, 14:33:41]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Nicht nur der G-BA ist eine "lame duck" 
Unabhängig davon, ob nun der neuere immunologische Stuhltest (i-FOBT) auf Blut im Stuhl zur Darmkrebsfrüherkennung verwendet wird oder der ältere guajakharzbasierte Test (g-FOBT) Blutungsquellen im Stuhl detektieren soll, der G-BA entwickelt sich immer mehr zu einer "lahmen Ente". Ob mögliche Anwendung eines DPP-4-Hemmers bei Niereninsuffizienz (Vildagliptin) unterbunden, die Verordnung von Blutglukose-Teststreifen bei Typ-2-Diabetes mellitus zur Selbstmessung und Stärkung der Patientenautonomie ausgeschlossen oder das international geschätzte Pioglitazon im Strudel des Nebenwirkungs-trächtigen Rosiglitazon quasi "verboten" wurde: Immer geht es beim G-BA zunächst im Streckentempo los, um in der entscheidenden Abschlusssitzung eine von fachfremden Erwägungen geleitete, krasse Fehlentscheidung zu treffen.

Während die ambulante haus- und fachärztliche "Kassen"-Medizin vom G-BA mit immer neuen Ausschlussregeln am Gängelband geführt wird, ist in den Kliniken erlaubt was gefällt: Unsinnige, indikations- und wirkungslose renale Denervation, massenweise TAVI's, unkritisches Stenting an beliebigen Organen und Körperregionen, experimentelle Blaseninstillationen etc. pp. dürfen ebenso wie off-label-Medikationen, naturheilkundliche Außenseiterverfahren, Hippotherapie bzw. Heil- und Erlebnispädagogik in spezialisierten Krankenhaus-Abteilungen schrankenlos durchgeführt werden.

Zugleich wird in der Debatte um die immunologischen Stuhltests (i-FOBT) vs. dem seit 1971 gebräuchlichen guajakharzbasierten Test (g-FOBT) übersehen, dass Akzeptanz und praktische Durchführbarheit nicht nur gender-spezifisch mangelhaft sind. Ein Bruchteil der Männer führt diese Stuhlprobe überhaupt durch. Frauen werden schon im Rahmen der gynäkologischen Krebs-Vorsorge- und -Früherkennungsuntersuchungen eher erreicht.

Zunehmende Probleme bei der häuslichen Durchführung des Stuhltests sind n i c h t medizinisch-, sondern Toiletteninstallations-bedingt: Es gibt keine Flachspüler, sondern nur noch Tiefspüler als Toiletten-Schüsseln, wenn man von der französisch-historischen Variante der "Steh- und Hock-Klos" absieht. Unsere Patientinnen und Patienten, und ehrlicherweise wir Ärzte auch, haben unsere Schwierigkeiten, mit einem Spatel zur Entnahme einer minimalen Stuhlprobe bewaffnet zu erhaschen, was als Untersuchungsobjekt vollständig in das Toilettenbecken eingetaucht ist. Okkultes Blut und Blutzellen werden in Anwesenheit von H2O verdünnt und osmotisch zersetzt. Deswegen wären einige artistische Verrenkungen auf der Toiletten-Brille notwendig, um wenigstens einen kleinen Teil der menschlichen Faeces an der Wand des Porzellan-Beckens zum vorübergehenden Verbleiben zu bewegen, bis die Folgen der Schwerkraft einsetzen. Denn nur von diesem Anteil ist eine korrekte Entnahme einer Stuhlprobe möglich.

Bliebe noch nachzutragen, dass der G-BA an einem weiteren Dilemma schuld ist: Empfiehlt er doch b i s zum 55. Lebensjahr e i n m a l jährlich einen Stuhlbrief-Test. A b dem 55. Lebensjahr, wenn die D a r m k r e b s-Morbidität und -Mortalität entscheidend z u n e h m e n, wird der Stuhltest neben der präventiven Koloskopie mit dem 55. und 65. Lebensjahr nur noch alle z w e i Jahre empfohlen? Da fehlt es ganz offensichtlich nicht nur an installatorisch-epidemiologischem Verständnis, sondern auch an gastroenterologisch-tumorbiologischen Grundkenntnissen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund.

Glossar:
1. Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA):
https://www.g-ba.de/
Oberstes Beschluss­g­re­mium der gemein­samen Selbst­ver­wal­tung der Ärzte, Zahn­ärzte, Psycho­the­ra­peuten, Kran­ken­häuser und Kran­ken­kassen in Deut­sch­land. Immer als "G-BA" abgekürzt

2. (Gemeinsamer) Be w e r t u n g s ausschuss, oft irreführend als GBA ohne Bindestrich abgekürzt, auch als Erweiterter Bewertungsausschuss und Ergänzter Bewertungsausschuss möglich. Der Bewertungsausschuss legt die Rahmenbedingungen für die vertragsärztliche Vergütung fest...ist paritätisch besetzt mit jeweils drei Vertretern der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und des GKV-Spitzenverbandes. Seine Hauptaufgabe ist es, den einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) zu erstellen.
http://www.bmg.bund.de/glossarbegriffe/b/bewertungsausschuss.html

3. AOK-Eigendefinition: Die Kassen(zahn)ärztlichen Bundesvereinigungen, der GKV-Spitzenverband und die Deutsche Krankenhausgesellschaft bilden einen Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA). Der GBA bestimmt als oberstes Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärzten, Zahnärzten, Psychotherapeuten, Krankenhäusern und Krankenkassen in Form von Richtlinien den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für mehr als 70 Millionen Versicherte. Er legt damit fest, welche Leistungen der medizinischen Versorgung von der GKV erstattet werden.
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[05.11.2014, 12:27:22]
Dr. Patricia Klein 
Nicht arbeitsfähig... 
...wäre der g-BA, wenn die Innovatoren direkt Anträge stellen könnten. Die Flut der Anträge würde endgültig verhindern, dass etwas zeitgerecht abgearbeitet werden könnte, also genau das Gegenteil des hier geforderten verursachen.

Die Zwischenschaltung von den Antragsberechtigten (also GBA-Trägerorganisationen, der Patientenvertretung oder den unparteiischen Mitgliedern) kann durchaus ein sinnvoller Filter sein, um Scheininnovationen aus dem Markt zu halten.
Und man darf es getrost den Antragsberechtigten überlassen, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden (auf jeden Fall wesentlich eher, als den sogenannten Innovatoren). Vielleicht ist es nicht die innovationsfreudigste Lösung, aber es ist eine pragmatische. zum Beitrag »