Organentnahme: Hirntod ist nicht gleich Tod
Der Hirntod bedeutet nicht zwangsläufig, dass jemand tot ist, erläutert der Philosoph und Ethikexperte Professor Dieter Birnbacher. Es gibt dennoch gute Gründe, am Hirntodkriterium für die Organentnahme festzuhalten.

Leserkommentare [4]

[16.03.2015, 13:05:14]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Liebe Frau Heidemarie Heubach, mich entsetzt viel mehr Ihr Entsetzen. Dazu gibt es keinen Grund! 
Was ist bitte "ungeheuerlich" daran, einem definitiv hirntoten Mensch ein Organ zu entnehmen, das lebenserhalten für einen anderen Mensch ist? Ethisch fraglos eine positive Maßnahme!
Warum soll denn bitte dazu Mut gehören, das nur auszusprechen???
Da verstehe ich weder einen Philosophen,
noch Prof. Dr. Volker von Loewenich , wenn er von Bewusstlosigkeit redet,
wenn es nur um irreversiblen Hirntod geht.
Das kann nur Panikmache sein.
Das Hirntod-Kriterium ist im übrigen nicht neues und darüber wurde zu keinem Zeitpunkt ein Geheimnis gemacht, seit es in Deutschland und weltweit Transplantationen gibt. Es ist daher hochgradig scheinheilig,
zu sagen, dass hier endlich mal darüber gesprochen wird.

Neu ist nur eine kategorische Transplantationsgegnerschaft,
die sich ebensowenig auf Ethik berufen darf,
wie die kategorische Impfgegnerschaft.
 zum Beitrag »
[25.02.2015, 14:19:47]
Heidemarie Heubach 
Dankbar für lang überfällige Diskussion ! 
Eigentlich können wir dem Ethikrat ja dankbar sein für diese Veröffentlichung der kontroversen Positionen. Dadurch kommt jetzt hoffentlich eine - lang überfällige! - öffentliche Diskussion in Schwung. Zumindest hat die Minderheitsfraktion stichhaltig bewiesen, daß ein sogenannter "Hirntoter" eben noch kein Leichnam ist. Es entsetzt allerdings die Schlußfolgerung daraus : Organentnahme soll trotzdem - grundgesetzkompatibel (?) - möglich sein, selbst mithilfe von Angehörigenzustimmung, ja selbst bei betroffenen Kindern. Das ist ungeheuerlich !
Da hatte doch die bayrische Gesundheitsministerin Melanie Huml - ursprünglich bezogen auf Sterbehilfe - Recht, wenn sie sagte : "die Frage ist doch, will ich an der Hand eines lieben Menschen sterben oder durch die Hand des Arztes". Ob sich diese sogenannten Ethiker darein fühlen können ? - ich befürchte, kaum. zum Beitrag »
[24.02.2015, 15:00:02]
Prof. Dr. Volker von Loewenich 
Hirntod vs. Tod 
Zu den hier referierten Ausführungen von Dieter Birnbacher, vorausgesetzt diese sind in jeder Hinsicht korrekt wiedergegeben, ist etwas zu bemerken, um Missverständnissen der Ausführungen des Philosophen vorzubeugen:
U.a. auf den Verlust des Bewusstseins abzuheben ist unzweckmässig, denn dieses kann möglicherweise wiederkehren. Beim totem Gehirn gibt es kein Bewusstsein, andererseits bedeutet auch dauerndes Fehlen des Bewusstseins noch nicht Hirntod.
Der Vergleich mit Embryonen und Feten, ebenfalls festgemacht an dem Vorhandensein oder Fehlen von Bewusstsein, hinkt. Bei Embryonen besteht regelhaft die Potenz, dass Bewusstsein im Laufe der Entwicklung zum Kind bzw. beim Kind zustande kommt. Bei einem toten Hirn, das nicht mehr durchblutet ist (man kann das sogar fühlen: der Kopf ist kälter als der übrige Körper) und das sich bei einer Autopsie als zerfallen und z.T. verflüssigt darstellt, gibt es keine Potenz zur Wiedergewinnung irgendwelcher Funktionen.
Noch eine Überlegung: Verschiedene Organe kann man transplantieren. Der Empfänger wird dadurch nicht zu einem anderen Menschen. Könnte man ein Gehirn transplantieren, dann wäre der Empfänger ein anderer Mensch. Ein Mensch im Sinne von Person ist nur denkbar mit seinem eigenen lebenden Gehirn, mit dem er denkt und handelt so wie er ist. Ist das Gehirn abgestorben, dann ist auch die menschliche Person nicht mehr, selbst wenn noch andere Reste des Körpers für eine begrenzte Zeit funktionierend gehalten werden können.  zum Beitrag »
[24.02.2015, 14:51:21]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Mut, Unaussprechliches auszusprechen 
Endlich eine klare Ansage: "Der Hirntod bedeutet nicht zwangsläufig, dass jemand tot ist", erläutert der Philosoph und Ethikexperte Professor Dieter Birnbacher. Insofern kann man auf die Stellungnahme des Deutschen Ethikrates "Hirntod und Entscheidung zur Organentnahme" gespannt sein.

Die Übergänge sind beim Sterbeprozess wie bei der Geburt fließend. Die "Dead-Donor Rule", welche eine objektiv und subjektiv nachprüfbare Dokumentation eines Todeszeitpunkts voraussetzt, und das schiere "Non-Heart-Beating-Donor"-Konzept mit sofortigem Eingreifen des Explantationsteams, sobald der Herzschlag länger aussetzt, sind legalisierte Fiktionen ("Legal Fictions"). Denn entscheidend ist die gesellschaftlich-juristische Vereinbarung bzw. der möglichst weit voran getriebene sozialmedizinische Diskurs mit dem Hauptaspekt, ob jemand als tot gilt und nicht ob jemand wirklich verstorben ist.

Das moralisch-ethische Dilemma bleibt: Die Entnahme möglichst vitaler Organe zur Rettung des Empfängers bei unwiderruflichem Sterben des Organspenders lässt sich nie für alle Beteiligten befriedigend lösen. Die Krankenhäuser der Maximal- und Intensivmedizin präsentieren ihre operativen Explantations- und Transplantationshelden. Die Schattenseiten der Erfolge bleiben intransparent, um der Öffentlichkeit Glauben zu machen, sämtliche zur Verfügung stehenden Organe würden ausnahmslos neues Leben schenken, und alles würde immer korrekt nach Schema F ablaufen.

Bei allen Beteiligten wie Patienten auf der Warteliste, potenziellen Organspendern und -empfängern, Mitarbeiter/-innen im Gesundheitswesen, Politik und Medien ist ein offener Diskurs zum Themenkomplex Organspende im Leben und im Sterben notwendig.

• Die Bundesärztekammer (BÄK) hat jetzt endlich geschafft, ihre 18 Jahre alten Hirntodkriterien durch Professor Dieter Birnbacher als Mitglied der Zentralen Ethikkommission der Bundesärztekammer zu überprüfen.
• Die privatrechtliche Konstruktion von Eurotransplant muss hinterfragt und Ungereimtheiten bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) und ihrem Procedere ausgeräumt werden.
• Die Warteliste potentieller Organempfänger wird grundsätzlich immer größer sein, als die Zahl der in Frage kommenden Organspender (Blutgruppen- und Histologie-Inkompatibilität, Zielorganschädigung, Zeit-, Machbarkeits- und Logistikfaktoren, Erweiterung medizinischer Indikationen und Transplantationstechniken).
• Eklatant vernachlässigt werden immer noch die Arbeits- und Zielkonflikte derjeniger, die in Intensivpflege, ärztlichem Dienst bzw. Logistik den endgültigen Sterbeprozess bei hirntoten Patienten aufhalten sollen, bis nach den operativen Organentnahmen die Apparatemedizin abgeschaltet wird, alles weggeräumt ist und die dann endgültig Verstorbenen ihre Organspenden besiegeln.

Auf ökonomische Aspekte des medizinisch-industriellen Komplexes, Grundlagen- und Zielkonflikte zwischen spendergebundener Organtransplantations- und Stammzellforschung bzw. das "verleugnete" Paradigma von der menschlichen Endlichkeit und Sterblichkeit will ich hier nicht eingehen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

 zum Beitrag »