Leserkommentare [2]

[11.09.2017, 15:11:10]
Dipl.-Med Peter Bühler 
soso, der Genehmigungsvorbehalt der Krankenkasse ... 
.... ist für einen Facharzt was?

Damit arbeite ich als Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie bei jeder Behandlung seit Jahren, egal ob ambulant oder stationäre EW. Also Misstrauen und per Gesetz vorgeschriebene Überprüfung meiner Behandlungsentscheidung. Fanden alle anderen Fächer bisher ganz normal wenn nicht sogar berechtigt. Grundsätzlich überprüfen und KV ja immer ob das was wir tun von uns auch richtig gemacht wird. Warum hier also eine Ausnahme?

Gruss Bühler zum Beitrag »
[06.09.2017, 22:34:23]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Am Morgen einen Joint, ... und der Tag ist dein Freund"?  
Im Frühjahr 2017 habe ich bereits kritisiert
"Am Morgen einen Joint, ... und der Tag ist dein Freund"?

"Mit einem kleinen Dosierlöffel könne der Patient die pulverisierten Blüten genau abmessen"? steht in den Ausführungsempfehlungen. Doch wer soll das denn kontrollieren? Etwa die Hausarztpraxen durch möglichst honorarfreies, "niedrigschwelliges Aufsuchen" und persönliche ärztliche Inaugenscheinnahme?

Was ist denn der Unterschied zwischen: "Cannabis könne mittels elektrischer Verdampfer inhaliert oder nach einer wässrigen Abkochung als 'Tee' getrunken werden" und: "Das Rauchen als 'Joint' oder das Einbacken von Cannabis in Kekse seien für medizinische Zwecke völlig ungeeignet"? Das ist doch eine völlig weltfremd-abstruse Fehleinschätzung!

Die aktuelle Freigabe von Cannabis-Blüten auf ärztlichem GKV-BTM-KASSENREZEPT mit Genehmigungsvorbehalt bzw. Genehmigungsverfahren durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gesetzlichen Krankenkassen ist nicht nur eine politische gewollte Bloßstellung medizinischer Kompetenz und Professionalität, sondern auch noch ein Rückschritt ins pharmazeutische Mittelalter:

Damals waren Pflanzen-Auszüge aus Wurzeln, Blättern, Trieben, Blüten, Essenzen, Abkochungen, Kräuterauszüge, Gewürzmischungen mit stark schwankenden oder unkontrollierbaren Wirkungen in der Wunderheiler-Szene en vogue.

Mit rationaler Pharmakotherapie und aufgeklärter, moderner Pharmazie hat gesundheitspolitisch freigegebener Cannabis-Blüten-Konsum auf Rezept absolut nichts mehr gemeinsam. Wenn dieser "Stoff" angeblich so positive Effekte bei Kranken haben soll, könnten das doch auch die Gesunden ohne Restriktionen genießen!

Bei der derzeitigen Rechts- und Verordnungslage hat doch mal wieder der/die Arzt/Ärztin den "Schwarzen Peter"!

Zuvor galt folgende Situation als der Deutsche Bundestag bereits Anfang Juli 2016 (!) einen Gesetzentwurf zur Änderung betäubungs­mittel­rechtlicher und anderer Vorschriften in erster Lesung beraten hatte, um u. a. bestimmten Patienten mit schwerwiegenden Erkrankungen im Einzelfall mit ärztlich verordnetem Cannabis als Therapiealternative besser helfen zu können.

Die bisher erteilten Genehmigungen zum Eigenanbau von Cannabis vernachlässigen wesentliche, lebenspraktische Hürden: Wie soll jemand, der schwer krank, Teilhabe-gemindert, Mobilitäts-, Belastungs- und Schmerz-eingeschränkt ist, die relativ komplizierte und aufwändige Cannabis-Anbau-Logistik bewerkstelligen? Ist er dann gar nicht so schwer krank?

Soll bei der "Verordnung häuslicher Krankenpflege" nach GKV-Vordruckmuster 12a etwa der Pflegedienst diese Aufgabe mit übernehmen? Was ist, wenn der Cannabis-Eigenanbau nur minderwertige Erntequalität bringt, unsachgemäß weiterverarbeitet oder unwirksam wird? Wenn Patienten bettlägerig ihren "Stoff" gar nicht mehr erreichen und ernten können?

Haben die Beteiligte etwa zu viel im "Handbuch für biodynamische Selbstversorger" gelesen? Antibiotika-Pilze werden doch auch nicht zu Hause, im Wintergarten, auf Balkon, Terrasse oder im Gewächshaus in der Petrischale (Nobelpreis A. Fleming für die Penicillinentdeckung) gezüchtet.

Sondern wie bei allen Medikamenten kommt es auf Qualität, Standardisierung, exakte Dosierung und Galenik an. Damit wird ausschließlich auf medizinisch-schmerztherapeutische Effekte fokussiert. Denn es geht nicht um Permissivität oder Förderung von Drogenkarrieren ("legalize it"?), sondern um die Erweiterung palliativ- und schmerzmedizinischer Handlungsoptionen.

In meiner hausärztlichen Praxis habe ich in einigen Einzelfällen mit (teurem) Tetrahydrocannabinol (THC) als Dronabinol (ATC A04AD10) und seinen antiemetischen, appetitstimulierenden, schmerzlindernden, entzündungshemmenden, muskelentspannenden, dämpfenden und psychotropen Eigenschaften als Heil- und Linderungsversuch gearbeitet, wenn mögliche Alternativen unwirksam waren. Doch Vorsicht: Es wirkt zentral sympathomimetisch. Die Wirkung setzt in ca. 60 Minuten ein. Psychotrope Effekte halten 4-6 Stunden, die Appetitstimulation bis zu 24 Stunden an.

Das Betäubungsmittelrezept (BTM) kann mit dem Rezepturarzneimittel folgendermaßen ausgestellt werden:

BTM-Rezeptur für Dronabinoltropfen in Neutralöl 2,5 %:
Dronabinol 0,25 g
Neutralöl ad 10,00 g NRF 11,4 (Oleum neutrale Miglyol 812)

Dosierung einschleichend beginnend mit 2 x 3 Tropfen (2 x 2,5 mg) tgl.

Zur Beachtung: In der GKV n i c h t erstattungsfähig (Regress!). Ausschließlich privat verordnungsfähig. Dosierung gemäß schriftlicher Gebrauchsanweisung.
Die höchstmögliche Verschreibungsmenge beträgt 500 mg Dronabinol pro Monat.
Hersteller von Dronabinol: Bionorica Ethics und THC Pharm.

Jetzt torpedieren und korrigieren der Medizinische Dienst der Krankenkassen und die GKV-Sachbearbeiter auch nach meinen persönlichen Hausarzt-Erfahrungen alle legalen, ärztlich begründeten und individuell indizierten Cannabis-Verordnungen mit völlig unangemessenen Prüfverfahren.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. Ramatuelle/F)

P.S. Ausführlicher dazu auf meinem DocCheckBlog
http://news.doccheck.com/de/blog/post/5764-morgens-ein-joint-und-der-tag-ist-dein-freund/ zum Beitrag »