Apotheker kritisieren: Medikationsplan-Projekt funktioniert nicht
Der vor einem Jahr eingeführte bundeseinheitliche Medikationsplan für Versicherte verfehlt aus Sicht der Apotheker sein Ziel, die Sicherheit der Medikation zu erhöhen. Sie fordern nun Konsequenzen.

Leserkommentare [1]

[08.11.2017, 22:08:20]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Medikationsplan verkommt mehrheitlich zur Generika-Lotterie...  
und führt eher zum Medikations-Destabilisations-Management (MDM).

Mittels r e i n e r Wirkstoffverordnung ohne Zuordnung zu einer bestimmten Hersteller- oder Markenfirma wird bewirkt, dass

– ärztliche “(non) aut-idem”-Möglichkeiten systematisch ausgehebelt,
– Patienten durch ständig wechselnde Generika-Ausgaben völlig verunsichert,
– Generika-Quoten ohne geprüfte Indikationen und Galenik gezielt erhöht,
– Verschreiben von teureren Originalpräparaten eingeschränkt bis verhindert,
– freie Apotheken-/Arztwahl durch fixe Kooperation und Beratung einschränkt
werden.
Vgl. auch http://news.doccheck.com/de/191722/rabattvertraege-das-taegliche-generika-lotto/
http://news.doccheck.com/de/133229/arzneimittelrisiken-alles-pille-palle/

Die Generierung eines Mehrwerts für die Arznei­mittel­-Therapie­sicherheit lässt z. B. ARMIN, ein Projekt zur angeblichen Verbesserung der Arzneimittel-Versorgung durch reine Generika Verordnungen, nicht erkennen. Ein als Beispiel gezeigter und publizierter ARMIN-Medikationsplan mit 7 verschiedenen Generika-Präparaten, einem hoffnungslos unterdosierten Antibiotikum Clarithromycin 250 mg (hoffentlich nicht bei einer Virusinfektion) und einem niemals doppelblind bzw. im “head-to-head” Vergleich geprüften Gelomyrtol mit 3×2 Dosierung verwirrt unsere Patientinnen und Patienten nur. Siehe
http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/rezepte/article/910704/medikationsplan-patient-redet.html

Sieben Wirkstoffverordnungen pro Quartal, morbiditäts- und leitliniengerecht bzw. angeblich evidenzbasiert für unsere GKV-Patienten verordnet, bedeuten je nach Marktlage bis zu a c h t u n d z w a n z i g verschiedene Generika-Verpackungen, -Logos, -Tabletten-Formen und -Farben, -Herstellernamen oder -Reimporte aus EU-Ländern in einem e i n z i g e n Behandlungsjahr.

Damit muss nicht nur der in wenigen Neuen Bundesländern eingeführte ARMIN-Medikationsplan bis zu 28-mal im Jahr um- und neu geschrieben werden, weil jedes mal ein anderer, geheimer Rabattvertrag bei einem zum Wirkstoff passenden Generikum greift bzw. die Hersteller gar nicht immer alles liefern können.

Auf der beratungs- und versorgungs-fernen pharmazeutischen Suche nach tagesaktuellen Medikamenten-Höchstrabatten ist dies nichts weiter als ein “Medikations-Destabilisations-Management” (MDM) mit erhöhten Arzneimittelrisiken durch Verringerung von Compliance und Adhärenz bei unseren Patientinnen und Patienten. Selbst das ewig besserwisserisch-klinikferne und pharmakologisch-theoretisierende Arzneitelegramm (AT) läuft in dieser Sache fehl! Dort formuliert man 2016 völlig unlogisch und unkritisch:
“Fälschlicherweise wird der Akzeptanzbereich für die Bio-Äquivalenz häufig so interpretiert, dass die Bioverfügbarkeit von Generikum und Original sich (im Extremfall) um 45% unterscheiden könnten. Dabei handelt es sich um ein Missverständnis. Da beide erlaubten Schwankungsbereiche nach unten bis auf 80% und nach oben bis auf 125% auf das Original bezogen sind, dessen Bioverfügbarkeit dabei als 100% gesetzt ist, ist es unsinnig, sie zu addieren.” (Zitat Ende) https://www.arznei-telegramm.de/register/C4581OO

Dabei wird von den AT-Autoren irreführend verkannt, dass Patient A mit dem Generikum X und 80% Bioverfügbarkeit sich von Patient B mit dem Generikum Y und 125% Bioverfügbarkeit in der pharmakologische Wirkstärke bzw. klinisch relevanten Performance tatsächlich um 45% unterscheiden müssen. Nur bei 100% Bioverfügbarkeit sind bei Wirksubstanz-identischen, unterschiedlichen Generika wie Originalpräparaten die klinisch-pharmazeutische bzw. pharmakologische Effizienz und Effektivität zu 100% vergleichbar. Nur dann wäre der Medikationsplan richtig gewichtet. Anderes zu behaupten, ist auch der interessengeleiteten wissenschaftlichen Irreführung (“scientific misconduct”) verdächtig.

Medikamente bzw. deren Umverpackungen mit den handschriftlichen Dosierungsempfehlungen aus der Apotheken-Offizin werden vorsorglich nicht eingenommen oder müssen kostentreibend wegen verwirrender Namens- und Hersteller-Vielfalt mehrfach verordnet werden. Doppel- und Mehrfach-Anwendungen sind möglich. Die verwirrenden Medikationspläne landen reihenweise im Haus-Müll...
Wie gut,dass die “Versorgungs-Experten” von Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV), Bundesärztekammer (BÄK) und Deutschem Apothekerverband (DAV) darüber mit den versorgungsnäheren Patienten, Apothekern und Ärzten gar nicht erst wirklich gesprochen haben?
http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/rezepte/article/910475/medikationsplan-aerzte-apotheker-einigen.html

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

P.S.: Eigentliche Ursache für die bundesweite Notwendigkeit der Pseudo-Innovation eines Medikationsplans ist, dass Kassen-/Vertragsarzt-Rezepte nach Muster 16 schon seit vielen Jahrzehnten dem (unmündigen?) Patienten in der Apotheke abgenommen werden, damit für ihn keinerlei formale und inhaltliche Konrolle gegenüber dem ärztlichen Verordner und dem Herausgeber in der Offizin mehr möglich ist. Rote Kassenrezepte gehören einfach wieder als Dokument in die Hände der Patienten z u r ü c k und n i c h t allein in die Fänge der Abrechnungs-Bürokratie!
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