Cannabis auf Rezept: Cannabis-Report lässt Blütenträume platzen
Ein Jahr nach dem Start gibt es bei der Verordnung von Cannabis noch keinen Boom. Wissenschaftler und Kassenvertreter fordern ein Nutzenbewertungsverfahren. Sie wollen außerdem die Schmerzgesellschaften stärker involviert sehen.

Leserkommentare [1]

[18.05.2018, 11:12:58]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Die TK-Kritik muss sich an den richtigen Adressaten richten! 
Es bleibt der Techniker Krankenkasse und ihrem Vorstandsvorsitzenden Dr. med. Jens Baas natürlich völlig unbenommen, den wahllosen und regional völlig unterschiedlichen Cannabis-Einsatz zu kritisieren.

Aber schuld daran sind weder Ärztinnen und Ärzte, noch die Apotheken oder unsere Patientinnen und Patienten. Einzig und allein der Gesetzgeber und der Deutsche Bundestag haben in einer beispiellos dilettantisch-populistischen Schnellschuss-Reaktion eine nicht validierte pflanzliche Mischdroge in krassem Widerspruch zum gültigen Arzneimittelgesetz zugelassen: Nur, um damit dem Druck von Öffentlichkeit und Medien nachzugeben.

Im Gegensatz zu Standards bei pharmakologischer Forschung und Entwicklung hat der Gesetzgeber sich nicht auf bereits verfügbare, standardisierte und kontrollierte Cannabis-Zubereitungen beschränkt, sondern auch auf Cannabis-Blüten oft unbestimmbarer Provenienz und Wirksamkeit als therapeutische Alternative kapriziert, ohne jemals einen überprüfbaren Indikationenkatalog vorlegen zu können.

So wurde das mit weitem Abstand substanz- und haltloseste, schlechteste und unbestimmbarste Gesetz verabschiedet, das ich kenne. Wer den Wortlaut recherchiert, wird erst nach langem Suchen fündig. Hier ist er:

"§ 31 Arznei- und Verbandmittel, Verordnungsermächtigung“.
2. Folgender Absatz 6 wird angefügt:
„(6) Versicherte mit einer schwerwiegenden Erkrankung haben Anspruch auf Versorgung mit Cannabis in Form von getrockneten Blüten oder Extrakten in standardisierter Qualität und auf Versorgung mit Arzneimitteln mit den Wirkstoffen Dronabinol oder Nabilon, wenn
1. eine allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Leistung
a) nicht zur Verfügung steht oder
b) im Einzelfall nach der begründeten Einschätzung der behandelnden Vertragsärztin oder des behandelnden Vertragsarztes unter Abwägung der zu erwartenden Nebenwirkungen und unter Berücksichtigung des Krankheitszustandes der oder des Versicherten nicht zur Anwendung kommen kann,
2. eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome besteht.
Die Leistung bedarf bei der ersten Verordnung für eine Versicherte oder einen Versicherten der nur in begründeten Ausnahmefällen abzulehnenden Genehmigung der Krankenkasse, die vor Beginn der Leistung zu erteilen ist. Verordnet die Vertragsärztin oder der Vertragsarzt die Leistung nach Satz 1 im Rahmen der Versorgung nach § 37b, ist über den Antrag auf Genehmigung nach Satz 2 abweichend von § 13 Absatz 3a Satz innerhalb von drei Tagen nach Antragseingang zu entscheiden. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte wird mit einer bis zum 31. März 2022 laufenden nicht interventionellen Begleiterhebung zum Einsatz der Arzneimittel nach Satz 1 beauftragt. Die Vertragsärztin oder der Vertragsarzt, die oder der die Leistung nach Satz 1 verordnet, übermittelt die für die Begleiterhebung erforderlichen Daten dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in anonymisierter Form; über diese Übermittlung ist die oder der Versicherte vor Verordnung der Leistung von der Vertragsärztin oder dem Vertragsarzt zu informieren. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte darf die nach Satz 5 übermittelten Daten nur in anonymisierter Form und nur zum Zweck der wissenschaftlichen Begleiterhebung verarbeiten und nutzen. Das Bundesministerium für Gesundheit wird ermächtigt, durch Rechtsverordnung, die nicht der Zustimmung des Bundesrates bedarf, den Umfang der zu übermittelnden Daten, das Verfahren zur Durchführung der Begleiterhebung einschließlich der anonymisierten Datenübermittlung sowie das Format des Studienberichts nach Satz 8 zu regeln. Auf der Grundlage der Ergebnisse der Begleiterhebung nach Satz 4 regelt der Gemeinsame Bundesausschuss innerhalb von sechs Monaten nach der Übermittlung der Ergebnisse der Begleiterhebung in Form eines Studienberichts das Nähere zur Leistungsgewährung in den Richtlinien nach § 92 Absatz 1 Satz 2 Nummer 6. Der Studienbericht wird vom Bundesinstitut
für Arzneimittel und Medizinprodukte auf seiner Internetseite veröffentlicht.“ (Zitat Ende)

Bundesgesetzblatt Jahrgang 2017 Teil I Nr. 11, S. 403 ff., ausgegeben zu Bonn am 9. März 2017
https://www.bgbl.de/xaver/bgbl/start.xav#__bgbl__%2F%2F*%5B%40attr_id%3D%27bgbl117s0403.pdf%27%5D__1526564143918
Bundesgesetzblatt Teil I 2017 Nr. 11 vom 09.03.2017 Gesetz zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften.

Die Techniker Krankenkasse und Kollege Dr. med. Jens BAAs sollten sich also direkt beim Gesetzgeber beschweren, statt den Status quo nur zu bejammern, für den wir Ärztinnen und Ärzte am wenigsten verantwortlich sind.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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