Ärzte Zeitung online, 21.11.2008

Kontinent werden, kontinent bleiben

Nur jeder zehnte Inkontinenz-Patient geht deswegen zum Arzt. Dabei könnte den meisten Betroffenen bereits mit Verhaltensmaßnahmen und Toilettentraining geholfen werden.

Von Sabine Stürmer

Kontinent werden, kontinent bleiben

Frauen haben häufiger eine Inkontinenz als Männer. Beckenbodentraining beugt vor.

Foto: Lerich©www.fotolia.de

Wenn die Kontrolle über den Urin- oder Stuhlabgang fehlt, sprechen Mediziner von Inkontinenz. Sie tritt gehäuft im Alter auf und hat meist mehrere Ursachen, darunter Beckenbodensenkung oder Muskelverletzungen. Schätzungsweise macht sie hierzulande vier bis acht Millionen Erwachsenen zu schaffen. Allerdings geht nur jeder Zehnte deswegen zum Arzt. Die meisten verschweigen aus Scham ihre Probleme. Dabei könnten oft bereits einfache Verhaltens- und Trainingsmaßnahmen helfen. Auf der Medica in Düsseldorf, der weltgrößten Medizinmesse mit angeschlossenem Kongress, werden Experten die Störungen und die Therapiemöglichkeiten vorstellen.

Frauen haben zwei- bis dreimal häufiger eine Inkontinenz als Männer. Das liegt daran, dass es bei Frauen durch Schwangerschaften häufiger zu einer Beckenbodensenkung kommt, die im Alter eine Harn- oder Stuhlinkontinenz begünstigen kann.

Bei der Blasenschwäche werden hauptsächlich zwei Formen unterschieden: die Drang- und die Belastungsinkontinenz. Die Dranginkontinenz wird auch als Reizblase bezeichnet. Die Patienten müssen häufig zur Toilette gehen. Bei der Belastungsinkontinenz kommt es zu einem unwillkürlichen Harnabgang bei körperlichen Anstrengungen wie Husten, Niesen, Lachen oder Treppensteigen. Beide Formen der Blasenschwäche können das Leben stark einschränken.

Noch schlimmer ergeht es Menschen, die keine Kontrolle mehr über ihren Stuhlgang haben. Ihre Angst vor dem Malheur und davor, dass andere es bemerken, ist so groß, dass sie sich häufig komplett von der Gesellschaft isolieren.

Toilettentraining: Willentlich wird die Blase entleert

Die Patienten sollten ihre Hemmungen überwinden und mit ihrem Arzt reden, betont Professor Thomas Frieling von der Helios-Klinik in Krefeld. Denn den meisten Inkontinenz-Patienten könne mit einfachen Maßnahmen geholfen werden. Dazu erfolgen anfangs eine ausführliche Anamnese und eine körperliche Untersuchung. In einem Stuhl- und Toilettentagebuch tragen die Patienten ein, wann sie unfreiwillig Urin oder Stuhl verlieren. Dadurch kann der Arzt mögliche Zusammenhänge zwischen Inkontinenz und Auslösern erkennen. Auch ein Ernährungs-Tagebuch ist wichtig, um Unverträglichkeiten zu erkennen, die bei der Stuhlinkontinenz eine Rolle spielen können. Bei Bedarf kann der Facharzt verschiedene Untersuchungen machen und überprüfen, wie gut sich Blase oder Enddarm entleeren und wie es um die Funktion der Schließmuskeln bestellt ist.

Bei leerer Blase ist keine Inkontinenz zu befürchten

Durch einfache Verhaltensmaßregeln und ein Toilettentraining lernen die Patienten, den Enddarm oder die Blase willentlich zu entleeren. Das verschafft ihnen anschließend Zeit, in denen sie keine Inkontinenz befürchten müssen und ihren sozialen Aktivitäten nachgehen können. "Wenn Blase oder Darm komplett entleert sind, kann in den nächsten zwei bis fünf Stunden keine Inkontinenz stattfinden," bringt Frieling das simple Prinzip auf den Punkt.

Auch medikamentöse Therapien kommen in Frage

Bei einigen Patienten können Medikamente diese Maßnahme unterstützen. Zum Beispiel, wenn der Stuhl wegen eines sogenannten Prolaps nur unvollständig entleert werden kann. Bei einem Prolaps (Vorfall) bildet sich im Enddarm eine Schleimhautfalte, die sich vor den Darmausgang legt und somit ein Hindernis bildet. Durch ein Zäpfchen, das im Enddarm Kohlendioxid bildet, wird der Enddarm etwas aufgebläht und der Prolaps zurückgedrängt, sodass der Stuhl passieren kann. Bei einer überaktiven Blase helfen muskelentspannende Medikamente, bei einer inaktiven Blase hingegen Präparate, die die Muskelspannung fördern. Wichtig bei einer Blasenschwäche ist aber auch die Stärkung des Beckenbodens durch gymnastische Übungen.

Es gibt Inkontinenz-Operationen, bei denen der Beckenboden gestrafft und angehoben wird. Außerdem kann mit speziellen Techniken die Funktion des Schließmuskels verbessert werden. Bei der Gracilis-Plastik unterstützen oder ersetzen die Chirurgen in einen großen Eingriff den Schließmuskel durch ein Stück Oberschenkelmuskel. Einfacher ist ein relativ neues Verfahren, die Sakralnervenstimulation.

Dabei werden Nerven des Beckenbodens und der Schließmuskel durch eine Art Schrittmacher elektrisch stimuliert. "Experten gehen davon aus, dass die Sakralnervenstimulation das Verfahren der Zukunft für die Stuhl- und Harninkontinenz ist," erläutert Frieling. Der Experte empfiehlt Ärzten, Patienten in schwierigen Fällen an ein zertifiziertes Inkontinenzzentrum zu vermitteln.

Veranstaltung324

"Kontinent werden - kontinent bleiben"

Freitag 21.11.08
14.30 bis 17.30 Uhr
CCD-Süd, Raum 7a
Leitung: Professor Günter H. Willital, Münster, Professor Thomas Frieling, Krefeld

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