Ärzte Zeitung online, 22.11.2008

Mit ärztlicher Hilfe bleiben mehr Raucher abstinent

Entwöhnungskurse in Gruppen kosten pro Woche nicht mehr als ein paar Schachteln Zigaretten. Auf der Medica werden Ärzte als Kursleiter ausgebildet.

Von Ursula Armstrong

Mit ärztlicher Hilfe bleiben mehr Raucher abstinent

Bis zu 40 Prozent der Raucher schaffen es mit professioneller Hilfe, aus der Sucht auszusteigen.

Foto: AOK

Seit in Deutschland immer mehr öffentliche Gebäude und Plätze zu rauchfreien Zonen geworden sind und auch in den meisten Restaurants und Kneipen Rauchverbot herrscht, wollen auch immer mehr Menschen vom Nikotin loskommen.

Hier liegt eine Chance für Ärzte: Sie können ihren Patienten Raucher-Entwöhnungskurse anbieten. Die Angebote müssen Raucher als sogenannte Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) allerdings selbst bezahlen. Wie sich solche Kurse gestalten lassen, können Ärzte auf der Medica in Düsseldorf lernen. In einem Seminar auf der weltgrößten Medizinmesse mit angeschlossenem Kongress gibt es nach erfolgreicher Teilnahme sogar ein Kursleiter-Zertifikat.

Rauchen ist nicht mehr in. Ärzte können die momentane Stimmung gegen das Rauchen nutzen und rauchende Patienten auf die gesundheitlichen Gefahren durch Zigaretten ansprechen. Wichtig ist allerdings, dabei nicht belehrend zu wirken, betont Dr. Wolfgang Grebe aus Frankenberg. Denn so mancher Raucher fühle sich durch Nichtraucher-Aktivisten nur terrorisiert und raucht deshalb erst recht weiter.

Wer aber Aufhören möchte, sollte dazu besser Hilfe in Anspruch nehmen. Denn ohne Unterstützung schaffen es nur zwei bis vier Prozent der Raucher, vom Glimmstängel loszukommen. Mit Hilfe jedoch ist die Erfolgsrate viel höher: bis zu 40 Prozent. Besonders effektiv ist die Unterstützung von Ärzten.

"Allein ein vertiefendes Arztgespräch hat in Studien den Anteil derer, die ein Jahr abstinent geblieben sind, um sechs Prozent erhöht", sagt Grebe. Der Internist bietet in seiner Praxis IGeL-Kurse zur Raucherentwöhnung an. "Danach schaffen es sogar bis zu 50 Prozent der Teilnehmer, mindestens ein Jahr lang nicht mehr zu rauchen", sagt der Internist. Sein Konzept stellt er auf der Medica vor und bildet Ärzte zu Kursleitern aus.

In seinen Entwöhnungskursen macht Grebe ein sechswöchiges Gruppentraining mit je einer einstündigen Sitzung pro Woche. Zunächst wird analysiert, in welcher Situation zur Zigarette gegriffen wird. Dann setzt Grebe auf die Schlusspunkt-Methode. Das habe den größten Erfolg, sagt der Internist. "Runtertitrieren oder irgendwo noch Zigaretten aufzubewahren, das bringt nichts. Das hat eine hohe Rückfallquote." Deshalb legt jeder Kursteilnehmer gleich zu Anfang einen Tag fest, ab dem nicht mehr geraucht wird. Das kann etwa ein Tag mit einem besonderen Bezug sein wie ein Geburtstag. Meist ist es der dritte Kurstag. Ab dann ist endgültig Schluss mit den Zigaretten.

Ein wichtiges Thema in den Kursen ist die Rückfall-Prophylaxe. "Es wird zunächst visualisiert, was in den nächsten Tagen passieren wird", erklärt Grebe. Manche Menschen nehmen zu, wenn sie aufhören zu rauchen, andere werden gereizt, wieder andere leiden vor allem unter Schlafstörungen. Für jeden hat Grebe viele handfeste Tipps.

Gegen das Zunehmen hilft zum Beispiel, sich morgens gesunde Zwischenmahlzeiten vorzubereiten wie Möhren, Paprikastreifen, auch mit Yoghurt-Dip. Das wirkt gegen das Hungergefühl, und man hat etwas zu kauen. Auch Kaugummi sollte man immer parat haben. Wer besonders unruhig wird, weil er nicht mehr raucht, dem rät Grebe, morgens eine halbe Stunde früher aufzustehen, damit er nicht in Zeitverzug kommt.

Und denen, die vor allem im Auto geraucht haben, empfiehlt der Internist, sich während der Kurs-Zeit das Auto von einem Nichtraucher zu leihen oder sich gleich ein neues Auto zu kaufen. "Dann merkt man hinterher, wie sehr das alte Auto gemieft hat."

Grebe versucht, Rauchern zunächst ohne Medikamente aus ihrer Sucht zu helfen. Ist das schwierig, setzt er Vareniclin (Champix®) oder auch Nikotin-Ersatzpräparate wie Pflaster oder Kaugummis ein. Das sei jedoch nicht häufig nötig, berichtet der Internist. Von den zwölf Teilnehmern seines letzten Entwöhnungskurses seien acht mit der Führung durch ihn, seinen Erklärungen und kleinen Tricks zurechtgekommen. Drei Teilnehmer, die vorher schlechte Erfahrungen mit anderen Nichtraucherkursen gemacht hatten, hätten Tabletten gebraucht. Der letzte Teilnehmer schließlich sei sehr kreislauflabil gewesen. Er habe Nikotinpflaster bekommen, die ihm auch gut getan hätten.

Pro Raucher-Entwöhnungskurs hat Grebe 30 bis 40 Anmeldungen. Aber das Maximum sind zwölf Teilnehmer. Für eine Stunde Gruppentraining berechnet er 15 Euro (GOÄ-Ziffer 20, 2,14-facher Satz). Bei sechs Kursstunden bezahlen die Teilnehmer 90 Euro für den Kurs. Nach den Erfahrungen von Grebe erstatten die gesetzlichen Krankenversicherungen nach Vorlage einer Bescheinigung einen großen Teil der Gebühren für das Gruppentraining. Bedingung ist allerdings, dass der Kursleiter ein Zertifikat für Raucher-Entwöhnungskurse hat.

Das Zertifikat können Ärzte auf der Medica erwerben, allerdings nur wenn sie zu diesem Zeitpunkt selbst Nichtraucher sind. "Besonders überzeugend als Kursleiter sind natürlich Ärzte, die selbst durch die Schlusspunkt-Methode Nichtraucher geworden sind." Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. "Die Obergrenze sind 40 Ärzte", so Grebe. "Mehr geht nicht, sonst verliert die Veranstaltung den Seminar-Charakter."

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"Raucherberatung für Ärzte"
Samstag, 22. 11. 2008,
14.30 bis 17.30 Uhr,
CCD-Pavillon Raum 17
Leitung: Dr. Wolfgang Grebe,
Frankenberg

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