Ärzte Zeitung online, 22.11.2008

Herzpatienten testen Telemedizin

In Sachen Telemedizin bleiben Herzpatienten die Vorreiter. Das zeigt sich auch hier auf der Medica: Dieses Jahr stehen innovative IT-Systeme für die Fernbetreuung von Patienten mit Herzklappen-Op im Fokus.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Herzpatienten testen Telemedizin

Eine gute telemedizinische Betreuung erspart vor allem Herzpatienten unnötige Krankenhausaufenthalte

Foto: HDZ NRW

Von etwa 20 000 Menschen, die sich in Deutschland pro Jahr einem operativen Eingriff an den Herzklappen unterziehen, erhält die Hälfte eine mechanische Herzklappe aus Metall. Diese Patienten müssen eine orale Antikoagulation machen, also eine Blutverdünnung mit Tabletten (Marcumar®, Falithrom®). "Nur etwa fünfzig Prozent dieser Patienten sind annähernd gut eingestellt", betont Privatdozent Heinrich Körtke, der Leiter des Instituts für angewandte Telemedizin (IFAT, Halle 16, Stand A05) am Herzzentrum Bad Oeynhausen.

Die besten Resultate bei der oralen Antikoagulation gibt es, wenn die Patienten den Blutgerinnungsparameter INR selbst zu Hause mes- sen und die Dosierung der gerinnungshemmenden Medikation gegebenenfalls in Eigenregie anpassen ("INR-Selbstmanagement"). Das aber traut sich nicht jeder zu. "Genau für diese Patienten ist unser Telemedizinangebot gedacht", so Körtke.

Experten werten die Messdaten gleich aus

Zusammen mit dem Unternehmen Roche Diagnostics (Halle 2, Stand A07), einem großen Hersteller von Messsystemen für die Blutgerinnung (z. B. Coaguchek XS), hat Körtke am IFAT die TeleQin-Studie konzipiert, an der insgesamt 1300 Patienten teilgenommen haben. Bei der Studie übermittelten jene Patienten, die telemedizinisch betreut wurden, ihre Messwerte über die Infrarotschnitt-stelle des Messgeräts von Roche an ein Handy. Von dort wurden die Daten dann automatisch an das IFAT übertragen. Die Experten analysierten die Messwerte und meldeten sich beim Patienten und beim betreuenden Arzt, wenn es Handlungsbedarf gab. "Das Resultat ist, dass die telemedizinische Betreuung bei über 80 Prozent der Patienten zu einer guten Einstellung der Gerinnung führt", so Körtke. Dies sei in etwa das Resultat, das auch mit dem Goldstandard, dem INR-Selbstmanagement, erreicht werde.

Für Körtke ist die auf ein Jahr befristete telemedizinische Betreuung deswegen eine ideale Möglichkeit, um mehr Herzklappenpatienten als bisher an das INR-Selbstmanagement heranzuführen. "Jetzt suchen wir große Arztpraxen, die routinemäßig eine orale Antikoagulation anbieten und die bei unserem Angebot mitmachen möchten", so Körtke. Der erste niedergelassene Kooperationspartner des IFAT wurde jetzt in Dresden begrüßt. Finanzieren möchte Körtke das Angebot über einen bundesweiten Vertrag zur integrierten Versorgung, der mit den Krankenkassen ausgehandelt werden soll.

Tatsächlich hat sich die Telemedizin in den vergangenen zwei Jahren von einer eher exotischen Technik immer stärker in Richtung Regelversorgung bewegt. Gerade die Kardiologie gehörte hier zu den treibenden Kräften. So wird in Deutschland derzeit eine vierstellige Zahl von Patienten mit chronischer Herz-schwäche telemedizinisch betreut: Die Patienten übermitteln unter anderem ihr Körpergewicht, manche auch ein EKG. Hier sind diverse Anbieter im Markt aktiv, und viele von ihnen sind hier auf der Medica vertreten. Auch Patienten mit implantierbaren Defibrillatoren und Herzschrittmachern werden zunehmend telemedizinisch betreut.

Einer der großen Anbieter bei der telemedizinischen Betreuung von Defi- und Schrittmacherpatienten ist der US-amerikanische Konzern Medtronic (Halle 9, Stand B40), der in Europa Anfang des Jahres die Telemedizinplattform CareLink eingeführt hat. Bei CareLink stellen die Patienten eine kleine Konsole auf den Nachttisch. Der Schrittmacher oder Defi überträgt an diese Konsole wichtige Funktionsparameter, die der betreuende Arzt dann über eine verschlüsselte Internetverbindung abrufen kann. Stimmt irgendetwas nicht, wird der Patient informiert und muss seinen Arzt aufsuchen. Weltweit nutzen bereits über 250 000 Patienten diese telemedizinische Betreuung. Allein in Deutschland sind es mehrere tausend.

EKG-Recorder wird direkt unter die Haut implantiert

Zum Jahresende startet Medtronic jetzt mit einer Weiterentwicklung der CareLink-Plattform: Ab Ende 2008 können auch winzige EKG-Recorder, so genannte Reveal®-Recorder, telemedizinisch über die Medtronic-Plattform bedient werden. Diese Recorder werden in einer nur wenige Minuten dauernden Prozedur unter der Haut implantiert und liefern Informationen über Herzrhythmusstörungen.

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