Ärzte Zeitung, 14.04.2011

Interview

Diabetiker regelmäßig gründlich untersuchen!

Wie sieht eine individuell optimale Blutzuckereinstellung bei Diabetikern aus? Was gibt's Neues aus der Forschung? Welche Versorgungsprobleme müssen gelöst werden? Zu diesen Fragen biete der DGIM-Kongress 2011 aktuelle Informationen und Weiterbildungsmöglichkeiten, so Kongress-Sekretär Dr. Sebastian Schmid.

Dr. Sebastian Schmid

Diabetiker regelmäßig gründlich untersuchen!

"Der Übergang jugendlicher Diabetiker ins Erwachsenenalter ist eine Herausforderung." Dr. Sebastian Schmid

© privat

Aktuelle Position: Dr. Sebastian Schmid ist Arzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Medizinischen Klinik I des Uniklinikums Schleswig-Holstein, Campus Lübeck.

Werdegang/Ausbildung: Schmid studierte bis 2005 in Frankfurt am Main und Lübeck Medizin. In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit der hormonellen Regulation der Glukosehomöostase in Abhängigkeit von Schlaf und Wachheit.

Karriere: Seit 2009 leitet Schmid eine Arbeitsgruppe zum Sonderforschungsbereich "Plastizität und Schlaf" am Institut für Neuroendokrinologie der Universität Lübeck. Er ist in diesem Jahr als Kongress-Sekretär einer der Mitorganisatoren des DGIM-Kongresses.

Ärzte Zeitung: Herr Dr. Schmid, wann kommt das künstliche Pankreas?

Dr. Sebastian Schmid: Darauf werden Typ-1-Diabetiker wohl noch eine Weile warten müssen. An Closed-loop-Systemen, also Systemen mit permanenter Glukosemessung und automatisierter Insulinabgabe, wird schon lange geforscht, ohne dass bislang das Experimentalstadium verlassen werden konnte.

 Auch andere experimentelle Therapieformen wie die Betazelltransplantation werden zwar intensiv beforscht. Für die meisten Diabetiker werden das zumindest kurz- bis mittelfristig aber keine Optionen sein. Und gerade für die häufigste Form des Diabetes mellitus, den Typ 2, müssen wir sicher mit anderen Therapieansätzen arbeiten.

Ärzte Zeitung: Der britische Grundlagenforscher Professor Steve O'Rahilly aus Cambridge wird beim Internistenkongress unter anderem zu den genetischen Hintergründen des Diabetes mellitus referieren. Kann man davon neue Therapieoptionen erwarten?

Schmid: Womöglich wird man künftig mit Genscreenings Patienten mit erhöhtem Diabetesrisiko identifizieren und früher als heute behandeln können. Dies würde Langzeitkomplikationen eventuell verhindern.

Andererseits gibt es aber zum Beispiel MODY-Diabetes-Formen, die bereits jetzt genetisch identifiziert werden können und von denen man weiß, dass je nach Typ des genetisch bedingten Enzymdefekts moderne Antidiabetika nicht, Klassiker aber sehr gut helfen.

Ärzte Zeitung: Welche Konsequenzen muss die Erkenntnis haben, dass so genannte Spätfolgen des Diabetes in Wahrheit bereits sehr früh im Krankheitsverlauf beginnen, sich zu entwickeln?

Schmid: Jeder Diabetiker muss konsequent und von Anfang an in Bezug auf mögliche Organkomplikationen regelmäßig untersucht werden. In den Diabetiker-Pässen finden sich für die einzelnen Check-ups die entsprechenden Aufgabenfelder.

Die müssen ausgefüllt werden! Der Diabetiker gehört bei jedem Arztkontakt gründlich körperlich untersucht. Es reicht einfach nicht, nur die aktuellen Blutzuckerwerte zu betrachten. Und selbstverständlich muss die individuell optimale Blutzuckereinstellung unser Ziel sein.

Ärzte Zeitung: Nun scheint man ja wieder etwas abzurücken von den Empfehlungen einer sehr scharfen Blutzuckereinstellung in der Vergangenheit - täuscht der Eindruck?

Schmid: Jein. Es gab etwa in der ACCORD-Studie vermehrt Komplikationen wie Hypoglykämien und eine erhöhte Mortalitätsrate bei scharfer, HbA1c-orientierter Blutzuckereinstellung. Der HbA1c bildet allerdings nur bedingt die Qualität der Blutzuckereinstellung ab, er ist ja nicht viel mehr als ein Mittelwert.

Wichtig sind auch die Blutzuckertagesprofile, die je nach individuellen Gegebenheiten mehr oder weniger häufig, aber auf alle Fälle regelmäßig erstellt werden sollten, sowie die wieder zunehmend diskutierten postprandialen Blutzuckerspitzen.

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft hat in ihrer Leitlinie bereits auf die neuen Erkenntnisse reagiert. Bei hohem kardiovaskulären Risiko zum Beispiel soll die Blutzuckereinstellung nicht zu straff erfolgen, da Hypoglykämien ein wichtiges Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse darstellen.

Ärzte Zeitung: "Lebensphasen" lautet ein Hauptthema beim DGIM-Kongress. Wo sehen Sie auf dem Feld des Diabetes Verbesserungsbedarf?

Schmid: Ganz große Probleme haben wir mit Typ-1-Diabetikern beim Übergang von der Kindheit in die Adoleszenz, eine hochkritische Phase, besonders erschwert in der Pubertät! Viele der Jugendlichen haben an diesem Übergang in eine neue Lebensphase keinerlei Krankheitseinsicht.

 Dies ist eine potenziell lebensbedrohliche Situation. In einigen Kliniken Deutschlands wird versucht, diese Probleme mit einer Transitionssprechstunde aufzufangen. Dort werden die Jugendlichen schrittweise vom Pädiater an den Erwachsenen-Diabetologen übergeben. Dafür wollen wir beim Internistenkongress ein verstärktes Bewusstsein schaffen, Erfahrungen und funktionierende Konzepte vermitteln.

Aber auch auf dem weiteren Lebensweg müssen wir individuelle Gegebenheiten und Bedürfnisse unserer Patienten re-evaluieren und dürfen nicht einfach ein einmal erarbeitetes Therapiekonzept unkritisch weiterführen.

 So sind in der Geriatrie Komorbiditäten ein wichtiges Thema. Wir haben ein eigenes Symposium im Programm des DGIM 2011, das die altersspezifischen diabetologischen Probleme von der Kindheit bis ins Seniorenalter thematisieren wird.

Interview: Thomas Meißner

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