Kongress, 13.06.2012

Wie Medizin zu den Armen kommt

Arme Menschen in Entwicklungsländern medizinisch zu versorgen ist schwer. Sie wissen nicht, wie Medikamente helfen, und können den Arzt nicht bezahlen. Auch Ärzte sind oft schlecht ausgebildet. Das heißt für Arzneimittelhersteller: umdenken - eine Studie zeigt, wie.

Von Johanna Dielmann-von Berg

Wie Medizin zu den Armen kommt

Blutdruck messen in einem Health Camp von Grameen Kalyan in Bangladesch. Die Kliniken sichern die Basisversorgung auf dem Land.

© Solveig Haupt

BERLIN. Länder der Dritten Welt sind für Arzneimittelhersteller der Wachstumsmarkt der Zukunft - und eine große Herausforderung.

Der Grund: Die klassischen Geschäftsmodelle aus Industrieländern greifen hier nicht. Es fehlt an grundsätzlichen Strukturen wie Transportwegen, Elektrizität oder gesundheitlichem Basiswissen der Bevölkerung.

In einer Studie hat der Arzneimittelhersteller Sanofi-Aventis ein Konzept ermittelt, wie auch die ärmere Weltbevölkerung medikamentös versorgt werden kann.

Unterstützt von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hat die Firma über 100 Dritte-Welt-Projekte von Arzneimittelherstellern sowie Nichtregierungsorganisationen und 30 Experteninterviews ausgewertet.

Die Ergebnisse fasst Sanofi-Aventis in vier Punkten zusammen. Demnach sollten Arzneimittelhersteller

ihre Produkte so gestalten, dass sie von Patienten akzeptiert werden,

ein Verständnis für den Nutzen moderner Medizin aufbauen,

Medizinprodukte auch für Arme zugänglich und bezahlbar machen,

mit erfahrenen Partnern vor Ort wie Nichtregierungsorganisationen oder der Regierung zusammenarbeiten.

Was einfach klingt, ist in Entwicklungsländern schwer zu verwirklichen. So sollte die Einnahme des Arzneimittels nicht beschrieben, sondern bildlich gezeigt werden.

Denn viele Menschen, die auf dem Land oder in Slums leben, können nicht lesen. Ebenso sollte die Anwendung so einfach wie möglich sein, da nicht nachgelesen werden kann, wie oft und womit zum Beispiel Tabletten zu schlucken sind.

Bewährt haben sich für viele Pharmaunternehmen daher Fixkombinationen, die Patienten nur einmal am Tag nehmen müssen.

Bei der Herstellung gilt es aber, weitere lokale Gegebenheiten zu beachten. So sollten die Präparate hitzeresistent sein, da es häufiger zu Stromausfällen kommt. Das erschwert etwa die Lagerung vieler Impfstoffe.

Auch müssen Unternehmen davon ausgehen, dass Patienten kein sauberes Trinkwasser zur Verfügung haben, um Tabletten einzunehmen.

Unter Umständen kann sich durch das schmutzige Wasser der Gesundheitszustand noch verschlechtern, wodurch beim Patienten das Vertrauen in die Arznei verloren geht.

Für Arzneimittelhersteller ist es daher besonders wichtig, die Bevölkerung über die Wirkung moderner Medizin aufzuklären. Doch gerade ärmere Menschen sind mit klassischen Werbemitteln schwer zu erreichen, da sie zum Beispiel keinen Fernseher besitzen.

Firmen sollten daher auf Plakate an Busstationen oder unkonventionelle Maßnahmen setzen wie Straßentheater oder Mundpropaganda.

Darüber hinaus muss sichergestellt werden, dass Patienten auch versorgt werden können. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass 1,7 Milliarden Menschen weltweit von der nötigen medizinischen Versorgung abgeschnitten sind.

Das heißt, sie können mit einer Stunde Fußmarsch keine Gesundheitseinrichtung erreichen, in der jederzeit die Behandlung gewährleistet und für sie bezahlbar ist.

Zudem sind Kliniken oft nur unzureichend mit Behandlungsmaterial und Medikamenten ausgestattet und viele der Mitarbeiter im Gesundheitswesen sind schlecht ausgebildet.

Arzneimittelhersteller sollten daher in die Ausbildung investieren und ihre Produkte nur an qualifiziertes Gesundheitspersonal wie Ärzte oder Apotheker liefern. Ein erfolgreicher Ansatz sind sogenannte Health Camps.

Diese lokalen Praxen sichern die Basisversorgung der Landbevölkerung im Umkreis von bis zu zehn Kilometern. Damit sich Patienten die Arzneien leisten können, sollten die Preise zwischen den Bevölkerungsgruppen gestaffelt werden, heißt es in der Studie.

Mit lokalen Partnern wie Regierungen können Firmen helfen, Krankenversicherungen oder Mikro-Kredite für den Krankheitsfall bereitzustellen.

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