Ärzte Zeitung online, 14.11.2017
 

Medizin 2.0

Digitalisierung setzt die Akzente der Medica 2017

Mobiler Ultraschall selbst für Kardiologen, 3D-Datenbrille im OP, intelligentes Pflaster – an vielen Stellen verändert die Digitalisierung die Medizin. Die Medica in Düsseldorf führt die verschiedenen Entwicklungsstränge wie in einem Brennglas zusammen.

Von Dorothea Hülsmeier

Digitalisierung setzt die Akzente der Medica 2017

Schnelle mobile Ultraschalldiagnostik im Notfall? Bei der Medica wird gezeigt, was mit einer Ultraschall-App selbst für Kardiologen möglich ist.

© Düsseldorf

DÜSSELDORF. Die Digitalisierung in der Medizin hat viele Gesichter: Das "intelligente Pflaster" überwacht die Wundheilung und meldet Unregelmäßigkeiten per App dem Arzt oder Patienten. Ein Handschuh mit Sensoren misst Signale, leitet die Daten an einen externen Netzwerkspeicher weiter. So sollen für bestimmte Epilepsie-Typen Anfälle vorausgesagt werden können. Oder der Chirurg setzt eine 3D-Brille auf, die ihm bei einer Tumoroperation die exakte Position eines Lymphknotens übermittelt.

In Arztpraxen, Kliniken oder auf dem Handy des Patienten ist die Digitalisierung längst den Zukunftsszenarien entwachsen, sie ist Realität. Bühne für den technischen Fortschritt in der Medizinbranche ist noch bis Donnerstag wieder die weltgrößte Medizinmesse Medica in Düsseldorf.

Kein Allheilmittel

Ein Allheilmittel ist die Digitalisierung nach Experten-Einschätzung aber nicht: "Nicht alles, was digital ist, ist automatisch gut, und nicht alles, was man selber messen kann, ist immer hilfreich", sagt Corinna Schaefer vom Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ). So könnten ständige Messungen und kleine Abweichungen, die man sonst gar nicht bemerkt hätte, auch für Beunruhigung beim Patienten sorgen, so Schaefer mit Blick auf Gesundheitsapps fürs Smartphone. "Bei den wenigen unterstützenden Apps, zu denen man Studien gemacht hat, ist der Nutzen meist nicht nachweisbar oder marginal."

Auch um das Thema Datensicherheit kommt kein Hersteller herum. Mit einem Sensor-Handschuh zur Epilepsie-Diagnostik etwa liefen noch Studien zur klinischen Bewertung, auch belastbare Aussagen zur Datensicherheit könnten erst später getroffen werden, sagt Urs-Vito Albrecht von der Medizinischen Hochschule Hannover. Albrecht forscht unter anderem über Chancen und Risiken der Gesundheits-Apps. Die "üblichen Datensicherheitsrisiken" für Cloud-Dienste, wie etwa die unerwünschte Auswertung durch Anbieter von Online-Speichern, bestünden auch hier, sagt er.

Kostenlose Ultraschall-App

Neu auf der Medica ist auch eine Ultraschall-App aus dem Google Play Store, die als "Ultraschall to go" etwa in der Notfallmedizin an Unfallorten Einsatz finden soll. Die App "Lumify" von Philips (Halle 10) ermöglicht dem Anwender, überall und jederzeit eine orientierende Sonographie durchzuführen, um schnellstens die Weichen für den weiteren Behandlungsweg zu stellen. Die gesamte Software des Systems befindet sich im Inneren der USB-Ultraschall-Sonde. Die Inbetriebnahme ist denkbar einfach: Der Anwender startet die kostenlose App auf seinem Smartphone oder Tablet, schließt die Sonde per USB-Kabel an das mobile Endgerät an und kann dann mit der Untersuchung beginnen.

"Alexa" gibt Antworten

Insbesondere in der präklinischen Notfallmedizin am Einsatzort stelle die mobile Sonographie eine sinnvolle Ergänzung des Leistungsspektrums dar, da ihr Ergebnis unmittelbare Konsequenzen für die Therapie, die Prognose und nicht zuletzt die Verweildauer haben kann, heißt es. Das Sondenportfolio sei erst kürzlich um die Sektorsonde S4-1 erweitert worden. Dadurch sei jetzt auch eine kardiale Bildgebung mit Lumify möglich. Traditionell gilt die Kardiologie als Disziplin, die besondere Anforderungen an die Sonographie stellt.

Solche Kombinationen aus App und Hardware sind laut Urs-Vito Albrecht leicht, oft günstiger und ermöglichten eine schnellere einordnende Diagnostik vor Ort als klassische Diagnosehilfen. Die Sicherheit hänge dann letztlich vom Hersteller ab.

Es gibt aber auch viele Elemente der Digitalisierung für Patienten: Wie viele Stunden habe ich geschlafen? Habe ich einen gesunden Blutdruck? Diese persönlichen Gesundheitsfragen soll künftig der cloud-basierte Sprachdienst "Alexa" von Amazon beantworten können. Zunehmend widmeten sich inzwischen fachfremde Akteure kommerziell dem Thema digitale Gesundheit, berichtet Albrecht. "Grundsätzlich wäre gesellschaftlich zu diskutieren, wo denn hier die Grenzen gezogen werden sollen." Bei Fragen der Diagnostik und Therapie gelten laut Albrecht andere Maßstäbe als für Fitness- und Wellness-Apps. "Die Menschen haben in der Regel schon ein gutes Gespür dafür, mit welchem Thema sie sich wem anvertrauen oder ausliefern."

Verlieren Hausärzte an Bedeutung?

Für Dr. Franz Bartmann von der Bundesärztekammer haben manche sensorischen Messsysteme – "ob in Handschuh, Schuh oder Unterhemden integriert" – derzeit eher noch experimentellen Charakter, für die Versorgung "aber noch keine unmittelbare Relevanz". Allerdings würden Gesundheits-Apps "erhebliche Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Arzt und Patient" haben, prognostiziert Bartmann. Der Patient sei künftig "der Herr der Daten", die er dem Arzt zur Verfügung stelle.

Es gebe schon erste Vorhersagen, dass der klassische Hausarzt "der erste sein könnte, der angesichts dieser Entwicklungen seine Bedeutung verlieren wird". Für die ältere Generation mit großer Krankheitslast mag der Gang zum Arzt noch eine emotionale Komponente haben. "Die jungen Leute, die mit digitalen Techniken groß geworden sind, entwickeln, bis es für sie so weit ist, mit Sicherheit eine ganz andere Einstellung", glaubt Bartmann.

Das gilt im übrigen wohl auch für die Datensicherheit. Corinna Schaefer sagt: "Ich glaube, dass die meisten Menschen schon jedes Gefühl für die Privatheit von Daten verloren haben." Für Schaefer ist wichtig: "Bei medizinischen Interventionen sollte der Arzt den Patienten auch gesehen haben und nicht nur den Computer, der Algorithmen rechnet."(dpa)

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