Ärzte Zeitung online, 23.11.2017

E-Health

Abgehängte Patienten?

In puncto Datenschutz und -sicherheit wird in der Diskussion immer wieder die mangelnde Kompetenz vieler Patienten vergessen, warnen Experten.

Von Ilse Schlingensiepen

DÜSSELDORF. Die Diskussion über Datenschutz und Datensicherheit bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen darf nicht zu einer Entmündigung der Patienten führen, warnt Günter van Aalst, Leiter der NRW-Landesvertretung der Techniker Krankenkasse (TK). Oft entstehe der Eindruck, man müsse die Menschen vor sich selbst schützen. "Das ist nirgendwo sonst im Lebensumfeld der Fall", sagte van Aalst beim Medica Econ Forum der TK in Düsseldorf.

Es sei geklärt, dass der Patient Herr seiner Daten ist. "Dann muss er auch die Daten bekommen, über die er herrschen kann." Dabei müsse natürlich sichergestellt werden, dass die Daten geschützt sind, betonte er. Wenn sich das deutsche Gesundheitswesen angesichts der digitalen Möglichkeiten nicht bewegt, wird der Markt das Thema regeln, fürchtet van Aalst. Insbesondere internationale Unternehmen könnten die Versicherten mit ihren Angeboten überzeugen. Während die Digitalisierung im ersten Gesundheitsmarkt noch nicht richtig angekommen sei, sehe es im zweiten ganz anders aus, sagte Christiane Grote, Leiterin der Gruppe Gesundheits- und Pflegemarkt bei der Verbraucherzentrale NRW. "Wir haben geradezu eine Schwemme von Anwendungen, deren Qualität und Risiken der Nutzer nicht einschätzen kann."

Für notwendig hält sie eine bessere digitale Kompetenz und eine bessere Gesundheitskompetenz der Bevölkerung. "Wir brauchen ein Gesundheitsportal, das zuverlässige und sichere Erkenntnisse im Gesundheitswesen bündelt und verständlich macht." Auch die Entwicklung von Qualitätskriterien für Apps oder eine Zertifizierung sind für Grote ein geeignetes Mittel, um die Position der Patienten zu stärken. "Ich möchte die Menschen aufmerksam machen auf die Risiken."

Nicht jeder habe dieselben Voraussetzungen für den Umgang mit digitalen Angeboten wie Apps oder einer elektronischen Gesundheitsakte, betonte die Verbraucherschützerin. "Diejenigen, die keine Digital Natives sind, haben vielleicht den größten Bedarf, aber die holen wir nicht ab."

Der Medizininformatiker Professor Peter Haas von der Fachhochschule Dortmund sieht die Gesellschaft ethisch in der Pflicht. "Wir haben die Verantwortung, Technologien zu nutzen und dafür einen sicheren organisatorischen Rahmen zu schaffen." Der Patient wolle seine Daten teilen, aber in einer sicheren Umgebung. Das müsse möglich sein. "Das erwarte ich von einem Staat, der mir jeden Monat Steuern und Sozialabgaben abzieht", sagte Haas.

Er sieht es als Aufgabe des Staates, für die Produktsicherheit zu sorgen. So sei es auch in anderen Lebensbereichen wie der Lebensmittelsicherheit oder der Logistik. Niemand checke die Milch, bevor er sie trinkt, oder untersuche erst einmal das neu gekaufte Auto. Der Staat müsse sich nicht in die konkrete Gestaltung von Produkten einmischen. "Aber er muss sagen, dass etwas nicht schaden wird", erläuterte er. Das sei bei der Digitalisierung nicht anders.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Fehldiagnose lässt "Thrombophilie"-Patientin zittern

Bei einer Frau mit Venenthrombose wurde eine Thrombophilie-Diagnostik vorgenommen. Der Verdacht erhärtete sich und bescherte ihr angstvolle Wochen. mehr »

Schärfe und Säure kurbeln das Immunsystem an

Was wir essen, beeinflusst maßgeblich, wie gut die Immunabwehr im Speichel funktioniert. Das haben Münchener Forscher untersucht. mehr »

Was tun gegen sexuelle Belästigung?

Anzügliche Bemerkungen, obszöne Witze, schlüpfrige Mails bis hin zu Berührungen: Sexuelle Aufdringlichkeit gehört auch in Praxen und Kliniken manchmal zum Alltag. Statt die Belästigungen zu ignorieren, sollten sich Betroffene wehren - dazu gibt es mehrere Möglichkeiten. mehr »