Ärzte Zeitung online, 23.05.2017
 

120. Deutscher Ärztetag

KBV positioniert sich mit Acht-Punkte-Programm

Gerechtigkeitsdebatte geht an der Sache vorbei

Kommentar von Wolfgang Van den Bergh

Es war ein eindruckvolles Plädoyer für ein bewährtes, von allen geschätztes gegliedertes Krankenversicherungssystem, das der Präsident der Bundesärztekammer gleich zu Beginn seiner Eröffnungsrede vor den Gästen des 120. Deutschen Ärztetages hielt. Fürwahr kann darüber gestritten werden, ob das System Schwächen hat, auch Ungerechtigkeiten, die schnellstmöglich abgestellt werden müssen. Daraus allerdings den Rückschluss zu ziehen, dass Menschen der Zugang zur gesundheitlichen Versorgung verwehrt werden würde, geht an der Realität völlig vorbei.

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Montgomery hatte damit das Thema aufgegriffen, das seit Monaten die politische Debatte beherrscht: das Thema Gerechtigkeit im Wahlprogramm der SPD. Zu der wenig differenzierten Betrachtung bot der Kammerchef gestern einen wohltuenden Kontrapunkt. Es ist nicht das Versäumnis von Kassen und schon gar nicht von Ärzten in Kliniken und Praxen, dass sich Menschen abgehängt fühlen.

Übrigens ein Reflex , der gerne von Sozialdemokraten genutzt wird, um soziale Ungerechtigkeiten am Leistungsspektrum der Krankenversicherung festzumachen. Erinnert sei in diesem Kontext an Wahlkämpfe aus den 1990er-Jahren, in denen Gerhard Schröder noch wetterte, dass er den sozialen Status Jugendlicher nicht an den Zahnlücken erkennen wolle, um damit gegen die Union zu polemisieren.

Es ist richtig, es gibt diesen Unterschied, wenn man sich anschaut, dass ein Kind, das ins unterste Perzentil der Gesellschaft hineingeboren wird, im Vergleich mit einem zur selben Zeit Geborenen aus dem obersten Perzentil eine um zehn Jahre geringere Lebenserwartung hat. Das sei eine Schande, sagt Montgomery und spricht damit vielen Kollegen aus dem Herzen.

Diese Feststellung korrespondiert übrigens mit Erkenntnissen des Robert Koch-Instituts, wonach die Korrelation sozialer Status und Erkrankung sowie kürzere Lebenszeit offensichtlich ist. Seit Jahren wird hier der Versuch unternommen, dieses gesellschaftliche Problem in Angriff zu nehmen – eher mit mäßigen Erfolg, wie Mitarbeiter des RKI immer wieder beklagen. Die politische Verantwortung dafür vagabundiert parteiübergreifend durch alle Ressorts – zuständig fühlt sich am Ende keiner so richtig; es mangelt am politischen Teamplay.

Es stellt sich aber zu Recht die Frage, ob der Begriff der Gerechtigkeit dafür herhalten muss, ein bewährtes System aus den Angeln zu heben und durch eine Bürgerversicherung abzulösen. Wird dadurch das System etwa besser oder gerechter? So recht daran glauben wollen selbst altgediente SPD-Genossen nicht. Für sie wäre es eine echte Hilfe, die Argumente Montgomerys zu studieren.

Lesen Sie dazu auch:
120. Deutscher Ärztetag: Gröhe demonstriert Harmonie mit den Ärzten

Lesen Sie dazu auch:
Eröffnungsrede: Schelte für die SPD und die Bürgerversicherung

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