Ärzte Zeitung online, 24.05.2017
 

120. Deutscher Ärztetag

KBV positioniert sich mit Acht-Punkte-Programm

Sascha Lobo: "Digitalisierung lässt sich nicht klein hoffen"

Mit eindringlichen Worten forderte Blogger Sascha Lobo beim Deutschen Ärztetag die Mediziner auf, die Digitalisierung im Gesundheitswesen aktiv mit zu gestalten – gerade auch zum Schutz der Patienten.

 Von Rebekka Höhl

Sascha Lobo: "Digitalisierung lässt sich nicht klein hoffen"

„Sie sind verpflichtet, hier aktiv mitzugestalten“ – deutliche Worte von Blogger Sascha Lobo an die Ärzte.

© Köppe

FREIBURG. So hoch gehängt wie in diesem Jahr wurde die Digitalisierung noch nie. Aber: Das allein reicht noch nicht. "Bitte gestalten Sie den Prozess aktiv mit!", appellierte Blogger und Internet-Experte Sascha Lobo an die Ärzte, "sonst werden Sie irgendwann den Präge-Anschluss verlieren."


Patient-Arzt-Internet: Im Video-Interview der „Ärzte Zeitung“ spricht der Internet-Experte Sascha Lobo von der Gratwanderung zwischen hemmender und produktiver Skpesis im Umgang mit den digitalen Möglichkeiten in der Medizin. (jk/mh)


"Wir leben in einer Zeit des exponentiellen Fortschritts", sagte Lobo. Die Technik lasse sich nicht mehr aufhalten. Laut dem Blogger entstehen immer mehr Datenströme – in den Jackentaschen der Patienten, sprich auf ihrem Smartphone. Lobo: "In den letzten zehn Jahren sind wir von einer regelrechten Flut von Sensoren überschwemmt worden." Dabei dürften Ärzte nicht den Fehler machen, nur auf die Technik zu schauen. "Wir müssen auf das Verhalten der Menschen – ihren Umgang mit der Technik – achten", stellte er klar.

Der Blogger erkennt eine immer größere Bereitschaft der Menschen, auch von Patienten, ihre Daten zu sammeln und zu teilen. Daran würden weder Cyberattacken noch die Diskussionen um die Späh-Attacken der NSA etwas ändern. Lobo sprach beim Deutschen Ärztetag von der "Weltmacht Convenience": Für ein bisschen Bequemlichkeit seien die Menschen bereit, selbst sensible Daten weiterzugeben. Irgendwann gehen diese Daten, da ist sich Lobo sicher, auch an Versicherer.

Dann sei es eine Frage der gesellschaftlichen Debatte, wie weit ein Versicherer dem Patienten hier Vorschriften machen dürfe, bevor er etwa eine Zusatzpolice kündigt. "Diese Debatte müssen Sie dann informiert mitführen", mahnte er die anwesenden Mediziner. Gleichzeitig sei es notwendig, den Patienten Hilfestellung zu geben. Die vielen Daten, die Patienten erheben könnten, seien nur schwer durch diese selbst zu bewerten, erläuterte Lobo – der als digitaler Heavy-User weiß, wovon er spricht. Auch hier brauche es den "digital informierten" Arzt, der als Berater tätig wird.


Datenschutz und Angst vor Veränderungen: Im Video-Interview der „Ärzte Zeitung“ erläutert Dr. Franz-Joseph Bartmann, Vorsitzender des Telematik-Ausschusses der BÄK, was Ärzte bei diesem Thema bewegt. (jk/mh)


Es tut sich auch etwas innerhalb der Ärzteschaft: Erstmals bei einem Ärztetag werde die Digitalisierung "tatsächlich diskutiert", sagte Dr. Franz Bartmann, Vorsitzender des Ausschusses Telematik der Bundesärztekammer, am Mittwoch in Freiburg.

Dicht dran am Deutschen Ärztetag

Die "Ärzte Zeitung" ist für Sie beim 120. Deutschen Ärztetag vom 23. bis 26. Mai vor Ort in Freiburg – und berichtet live und umfassend:

Videos von allen wichtigen Events

Twitter live vom Geschehen über www.twitter.com/aerztezeitung oder über #daet17

Unsere aktuellen Berichte im Überblick: www.aerztezeitung.de/aerztetag17

Lobbo wiederum machte keinen Hehl daraus, dass Digitalisierung ab einem gewissen Grad auch einen "Gruselfaktor" bekommt. Ganz im Gegenteil, mit einer Vielzahl von Beispielen und Szenarien, wie etwa der Theorie des IT-Gurus Ray Kurzweil, dass wir 2030 alle mit Nano-Computern im Gehirn herum laufen, die sich direkt mit dem Internet verbinden, spitzte er die Entwicklung zu. Denn: "Wenn Sie den Gruselfaktor nur leicht spüren, spüren Ihre Patienten ihn dreifach." Dann müssten die Ärzte ebenfalls "informiert" und nicht "aus dem Bauch heraus" ihre Patienten beraten. Es gebe nämlich längst auch Entwicklungen, die versuchen, per Nano-Chip in der Tablette etwa die Adhärenz von Patienten bei der Arznei-Therapie zu prüfen.

Lobo: "Ich halte es für wichtig, dass man Vorbehalte gegenüber der Digitalisierung äußert und diskutiert." Es könne aber nicht darum gehen, sie "abzuwehren oder klein zu hoffen". Die großen Konzerne, die die Datenströme der Patienten auswerten könnten, "sind da". Hier sei es wichtig, dass jemand mit Sachverstand der IT- und Internet-Industrie auf die Finger schaue. "Sie sind verpflichtet, hier aktiv mitzugestalten!" Ethik-Expertin Professor Christiane Woopen forderte die Ärzte auf, gemeinsam mit Patientenvertretern eine Zukunftswerkstatt einzurichten, in der das Leitbild des digitalen Gesundheitswesens erarbeitet wird. Dann könnte es künftig heißen: "An App a day and the doctor will stay."

[24.05.2017, 15:06:47]
Michael Traub 
Die Digitalisierung in der Medizin besitzt weiter unerschöpfliches Potenzial
Die Bundesärztekammer begleitet seit bald 40 Jahren kompetent die Digitalisierung der Medizin. Seit der ersten universitären medizinischen Informatik, die ebenfalls in dieser Zeit in München begründet worden ist, hat sich in Deutschland viel auf diesem Gebiet getan. Wir sind gut gerüstet für die Zukunft, und wir sollten diesen Vorsprung weiter ausbauen. Sicher, die Datenvernetzung birgt Risiken, wie groß aber sind die Chancen gerade in puncto Medizin! zum Beitrag »
[24.05.2017, 14:41:27]
Horst Grünwoldt 
Digitalisierung
Wenn analoge Begrifflichkeiten in digitale Speichermedien umgewandelt werden, dann ist das zunächst nur eine elektronische Tansformations-Technik, die inhaltlich noch nichts verändert!
Der "Blogger" S. Lobo, der sich in politischen TV-talk-shows gelegentlich in seiner Argumentation militant zeigt, spricht nun diffus von der "exponentiellen Wirkung" der digitalen Datenverarbeitung.
Dabei sind doch bloße "Daten" (Einzelwerte) noch zu nichst nutze, solange sie nicht in "Dateien" (Sinnzusammenhang) vernünftig interpretiert werden.
Da frage ich mich manchmal, ob in den Naturwissenschaften manche eifrigen Datensammler, zu dem qualitativ höheren Schritt des Datendeutens überhaupt in der Lage sind? Insbesondere wenn sie ihre vielen Daten schon hypothetisch voreingenommen zur Betonierung einer fragwürdigen Theorie verwenden wollen.
(Dabei fällt mir als Tierarzt u.a. die Manifestierung des Phantoms "BSE" zur "Seuche" ein; und die Erklärung eines körpereigenen Eiweißes zum "Kranheitserreger Prion")
Jedenfalls dürften unsere Ärzte im Zweifelsfall immer noch analoge (reale) Krankheitsbilder nicht nur digital (virtuell) beurteilen, und daraus ihre untersuchungs- und behandlungswürdigen Schlüsse ziehen.
So wird die klassische, unmittelbare operative "Fingertechnik" letztlich immer zur Ultima ratio führen - und zum bestmöglichen Heilungserfolg!
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Wie Grippeviren ihr Erbgut steuern

Forscher haben nachgewiesen, wie Gene von Influenza-A-Viren an- und abgeschaltet werden. Die Erkenntnisse sollen die Entwicklung neuer Therapien vorantreiben. mehr »

6000 Euro Strafe für Informationen über Abtreibung

Wegen unerlaubter Werbung für Schwangerschaftsabbrüche hat das Amtsgericht Gießen am Freitag eine ortsansässige Allgemeinärztin zu 6000 Euro Geldstrafe verurteilt. mehr »

Mehr Transparenz soll die Wogen der SPRINT-Studie glätten

Der Streit um die SPRINT-Studie hält an. Im Fokus steht die genutzte Methode der Praxisblutdruckmessung, um die sich Gerüchte rankten. Jetzt hat die SPRINT-Gruppe für mehr Transparenz gesorgt. mehr »