Ärzte Zeitung online, 25.05.2017
 

Ärztetag 2017

Digitale Gesundheit – Mehr als eine Finanzierungsfrage

Wie viel Transparenz verkraftet die Versorgung? Überraschend offen diskutierten die Delegierten des Deutschen Ärztetages die zunehmende Digitalisierung des Gesundheitswesens.

Von Rebekka Höhl

FREIBURG. "Das, was ein Dr. Watson kann, werden wir nicht leisten und lernen können. Was wir aber können, ist Empathie." – Worte, mit denen Dr. Eva Müller-Dannecker von der Ärztekammer Berlin ihren Kollegen auf dem Deutschen Ärztetag nicht nur Mut zusprechen, sondern sie auch wachrütteln wollte. Das Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen wurde am Mittwoch in der Tat heiß diskutiert – allerdings fern von der grundlegend ablehnenden Haltung vorangegangener Ärztetage. "Ich wünsche mir, dass wir alle etwas agiler werden in der digitalen Welt", sagte denn auch Müller-Dannecker.

Dr. Franz Bartmann: Angst vor Veränderungen bremst die Digitalisierung

Umdenken erforderlich

Zuvor hatte bereits Dr. Franz Bartmann, Vorsitzender des Ausschusses Telematik bei der Bundesärztekammer, an die Ärzteschaft appelliert, ihre Rolle im digitalen Prozess neu zu denken: "Wenn wir uns als Navigator in der digitalen Welt sehen, werden wir in Zukunft auch neben Dr. Apple, Dr. Google und allem, was da noch kommt, unverzichtbar in der Versorgung sein."

Dass es auch auf dem 120. Deutschen Ärztetag (DÄT) keine Quantensprünge bei den Beschlüssen zu E-Health und Digitalisierung gab, war abzusehen. Aber die Delegierten haben sich in diesem Jahr doch etwas mehr vorgewagt. Immer wieder wurde in der Diskussion deutlich, dass die Ärzte durchaus ihre Verantwortung für die Patienten sehen, die vermehrt mit selbst per App gesammelten Datensätzen oder Wissen aus dem Internet in die Praxen kommen. Ebenso wie ihre Verantwortung gegenüber der nächsten Ärztegeneration.

"Wir müssen profunde Kenntnisse erlangen", forderte etwa Kai Sostmann (Ärztekammer Berlin). Dazu sei es notwendig, den Ausbau der digitalen Kompetenz in die Curricula von Aus-, Fort- und Weiterbildung zu übernehmen. Dem zugehörigen Antrag stimmte auch die Mehrheit der Delegierten zu.

Allerdings gab es auch den klaren Ruf nach dem Gesetzgeber. Der Ärztetag forderte – ebenfalls mit "einer großen Mehrheit", wie es BÄK-Präsident Dr. Frank Ulrich Montgomery kommentierte, den Gesetzgeber und die Selbstverwaltung auf, eine Digitalisierungsstrategie zu schaffen, die folgende Punkte klären soll:

» die ethischen Grundsätze zum Umgang mit neuem Wissen und neuen Methoden,

» die Rolle digitaler Methoden und Verfahren in der Gesundheitsversorgung,

» den Umgang mit Grundsätzen des Datenschutzes (gemeint sind Erforderlichkeit, Zweckgebundenheit und Sparsamkeit der Datenerhebung) im Zusammenhang mit Big Data

» sowie die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen.

Insbesondere die Frage der Finanzierung trieb die Delegierten in gleich mehreren Beschlussanträgen um: Telemedizin dürfe nicht zu zusätzlichen Kosten und auch nicht zu einem zusätzlichen Zeitaufwand für Ärzte in Praxis und Klinik führen, stellten die DÄT-Delegierten klar. Die Mittel für die ärztliche Tätigkeit dürften insgesamt nicht durch telemedizinische Anwendungen reduziert werden. Vielmehr sollen E-Health-Anwendungen künftig angemessen und außerhalb der morbiditätsorientierten Gesamtvergütung bezahlt werden (wir berichteten). "Auch der Arzt in der Praxis ist ein Unternehmer, der die Dinge finanzieren muss", sagte Detlef Merchel von der Landesärztekammer Westfalen-Lippe sehr deutlich. Derzeit werde aber der Brief, den er elektronisch versende, geringer vergütet als das Fax.

"Wahnsinnige Transparenz"

Dabei würde er sich freuen, wenn er die digitalen Möglichkeiten besser nutzen könnte und etwa die Daten, die die Patienten auf dem Smartphone sammeln, einfach in die Praxis-EDV einlaufen würden. Bislang müssten die Ärzte seiner Meinung nach für die nötigen Softwarelösungen hier zu tief in die Tasche greifen. Merchel: "Bei unseren budgetierten Einkommen ist das nicht bezahlbar."

Die Digitalisierung bringt laut Dr. Lydia Berendes von der Ärztekammer Nordrhein aber auch eine "wahnsinnige Transparenz". In der Klinik, in der sie tätig ist, wird bereits ein digitales Narkoseprotokoll eingesetzt, das viele Vorteile bringe. Berendes machte jedoch keinen Hehl daraus, dass die Fehlerkultur im deutschen Gesundheitswesen noch nicht bereit sei für so viel Transparenz. Die Delegierten forderten daher, dass es für Ärzte Rechtssicherheit beim Einsatz digitaler Anwendungen geben müsse. Die Ärztekammern wurden außerdem aufgerufen, die berufsrechtlichen Regelungen den digitalen Möglichkeiten der Berufsausübung angemessen anzupassen.

Akktuell aus Freiburg

- Video-Interviews zur GOÄ-Reform und zur Musterweiterbildungsordnung

- Weitere Video-Beiträge unter www.aerztezeitung.de/webtv

- Alle Berichte und Live-Tweets von den ersten drei Tagen des Ärztetages www.aerztezeitung.de

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