Ärzte Zeitung online, 01.05.2017
 

DGIM-Kongresspräsidentin Schumm-Draeger

"Wir haben die Pflicht, das in uns gesetzte Vertrauen der Patienten zu rechtfertigen!"

Internisten im Spannungsfeld komplexer werdender Versorgungsstrukturen: Ein Thema, mit dem sich Kongresspräsidentin Professor Petra-Maria Schumm-Draeger in Mannheim beschäftigt hat. Wir dokumentieren Auszüge ihrer Rede, die uns vorab vorlag.

Von Petra-Maria Schumm-Draeger

"Wir haben die Pflicht, das in uns gesetzte Vertrauen der Patienten zu rechtfertigen!"

DGIM-Kongresspräsidentin Professorin Petra-Maria Schumm-Draeger (c) Zentrum / Innere Medizin / Fünf Höfe

(...) Das ärztliche Berufsbild erfährt derzeit drastische Veränderungen, wobei das veränderte System dazu führt, dass aus Ärzten Klinikmanager werden sollen, die sich zu zentralen Elementen dieser Ökonomisierungstendenzen machen lassen und das Primat der gesundheitlichen Daseinsvorsorge plötzlich zu einem "Marktgeschehen" mutiert. Um entsprechendes Handeln noch weiter zu forcieren, bieten Krankenhausträger der Ärzteschaft folgerichtig Bonusverträge an, die an die Art (gewinn- oder verlustbringend) sowie die Zahl der Fallpauschalen gekoppelt sind.

Wenngleich Ärzte letztlich so am Profit der Kliniken und Klinikträger partizipieren, führt das Vorgehen zu falschen und gefährlichen Anreizen und ökonomisch getriggerter Indikationsstellung.

Es ist daher aus ärztlicher Sicht abzulehnen. Denn wenn die Indikationsstellung für Diagnostik und Therapie aus ökonomischen Gründen optimiert wird, leidet zunächst das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient in unkorrigierbarer Art und im schlimmsten Fall kann eine "optimierte Diagnose und Behandlung" zur "Fehldiagnose und Fehlbehandlung" werden, die den Patienten nur schädigt.

Ein hohes Maß an Vertrauen

(...) Ich bin überzeugt, dass wir als Ärzte, neben der Wahrnehmung unserer praktischen Aufgaben in der Patientenversorgung, auch die Verpflichtung haben, aufgrund unserer Expertise und Kompetenz einen Beitrag zu gesundheitspolitischen, aber auch gesellschaftspolitischen Entwicklungen in den Diskurs einzubringen. Wie viele Umfragen immer wieder zeigen: Die Gesamtgesellschaft bringt dem ärztlichen Berufsstand ein besonders hohes Maß an Vertrauen entgegen. Dieser Vertrauensvorschuss wiederum sollte für uns Verpflichtung sein, nicht nur unser "praktisches" Handwerk auszuüben, sondern auch das gesundheitspolitische Umfeld im guten Sinne für die Patienten zu beeinflussen.(...)

Ich appelliere im Sinne einer Rückbesinnung auf (..) traditionelle Werte des Arztberufes an Sie. Nur mit diesem Selbstverständnis und einer transparenten Kommunikation der Werte ist es aus meiner Sicht möglich, auch zukünftig adäquate Möglichkeiten im Sinne des Patienten sicherzustellen.

(...) Angesichts der Vielzahl von Strömungen und Einflüssen, die neben ökonomischen Aspekten auch wissenschaftlicher oder berufspolitischer Natur sein können, entsteht der Eindruck, dass das einende heilkundlich-ethische Konzept der Inneren Medizin Gefahr läuft, verloren zugehen. (...)

Komplexes Umfeld

In den vergangenen Jahren ist uns allen sehr deutlich geworden, dass wir uns in einer Phase großer Fortschritte, aber auch großer und sehr unterschiedlicher Herausforderungen und Unsicherheiten bewegen. Als Ärzteschaft sind wir Bestandteil einer freiheitlich orientierten demokratischen Gesamtgesellschaft und mit den uns vertrauenden Patienten ein, wenn nicht das zentrale Element des Gesundheitssystems.

In diesem komplexen Umfeld, in dem sich das Gesundheitswesen und wir Ärztinnen und Ärzte jeden Tag bewegen, erscheint es ratsam, das Wissen und die Kräfte der einzelnen ärztlichen Interessengruppen, Gesellschaften und Organisationen zu bündeln. Ich darf die Behauptung wagen, dass keine einzelne, sich wie auch immer definierende Interessengruppe in der ärztlichen Gemeinschaft der Inneren Medizin, zukünftig ausreichend in der Lage sein wird, alten Anforderungen und neuen Herausforderungen alleine zu begegnen: Wir erleben eine verstärkte Internationalisierung medizinischen Wissens in Forschung, Lehre und klinischer Anwendung. (...)

Die ethischen Herausforderungen der Ökonomisierung, genauso wie die angemessene Adaption der digitalen Transformation im Gesundheitssektor und neu sich entwickelnd Zweige der medizinischen Wissenschaft, beispielsweise die Gender-Medizin, müssen mit gemeinsamem Sachverstand bearbeitet und begleitet werden. Die unterschiedlichen Perspektiven und Fachkompetenzen in der Inneren Medizin werden uns ermöglichen, die neue Komplexität mit sicherem Urteilsvermögen zu bewältigen. Lassen Sie uns gemeinsame Anstrengungen unternehmen, dieses Synergiepotential zu nutzen.

Die Gesamtheit der Inneren Medizin in Deutschland hat als Einheit die besten Chancen, in den auf uns zukommenden Zeiten des Wandels und Wechsels die richtigen und konstruktiven Antworten zu geben, und proaktiv zukünftige Entwicklungen mitzugestalten. Wir wissen um die vielfältigen Zusammenhänge und Verknüpfungen zwischen den Teilgebieten und Spezialisierungen der Inneren Medizin.

Wir wissen um die stets vorhandene Versuchung, unsere Gemeinsamkeiten in der fortschreitenden Spezialisierung der Medizin zu vernachlässigen. Wir wissen aber auch, dass Medizin von Menschen für Menschen gemacht wird, und wir damit im Sinne unserer Patienten dazu verpflichtet sind, den fachlichen und menschlichen Austausch über alle Unterschiedlichkeiten hinweg zu leben. (...)

Was wünsche ich mir für uns alle gemeinsam?

Position beziehen!

Wachsamkeit: Ich wünsche mir unsere gemeinsame Wachsamkeit gegenüber allen Versuchen und Rahmensetzungen, unser ärztliches Handeln in einer Weise zu beeinflussen, welches nicht dem Patientenwohl dienlich ist.

Wir haben als Ärzteschaft die Pflicht, das von den Patienten in uns gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen. Dieses gibt uns das Recht, Position zu beziehen und uns in die für uns wichtigen Themen unseres Gesundheitssystems unserer Gesellschaft konstruktiv einzumischen.

Achtsamkeit: Ich wünsche mir, dass wir unsere gemeinsame Achtsamkeit aufrechterhalten, um insbesondere jungen Ärztinnen und Ärzten die notwendige Orientierung und Kraft zu geben, ihren Beruf und ihre Berufung uneingeschränkt in den Dienst des Patientenwohls zu stellen. Uns muss dabei stets gegenwärtig sein, dass wir immer auch Vorbild für die jungen Kolleginnen und Kollegen sind, die uns in der gemeinsamen Arbeit für unsere Patienten unterstützen und eines Tages ersetzen werden.

Gemeinsamkeit: Ich wünsche mir für uns die Gemeinsamkeit der medizinischen Disziplinen und der Ärzteschaft der Inneren Medizin, ein Wunsch, der gerade in der langen Tradition dieses Kongresses stets eine große Bedeutung hatte und hat.

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