Ärzte Zeitung online, 02.05.2017
 

Endokrinologie

Für was gilt "Daumen hoch", für was nicht?

Die Qualitätsoffensive "Klug entscheiden" soll Ärzte im Bereich der Endokrinologie dafür sensibilisieren, dass nicht alles Machbare gemacht werden sollte, zumal es für Patienten sogar nachteilig sein kann.

Von Peter Stiefelhagen

 Für was gilt "Daumen hoch", für was nicht?

© Robert Kneschke / Fotolia

MANNHEIM. In der Initiative "Klug entscheiden" haben auch die Endokrinologen ihre Positiv- und Negativempfehlungen veröffentlicht.

Positiv-Empfehlungen

- Zu den Positiv-Empfehlungen, also zu den Maßnahmen, die zu wenig gemacht werden, gehört die Osteoporosetherapie bei älteren Patienten nach einer Osteoporose-typischen Fraktur. Jeder vierte Betroffene entwickelt nämlich innerhalb eines Jahres eine weitere osteoporotische Fraktur, es besteht also ein hohes Risiko für eine Folgefraktur. Deshalb erfordern solche Patienten sofort nach der Fraktur ergänzend zu den Basismaßnahmen Vitamin D und Kalzium eine medikamentöse Therapie zum Beispiel mit einem Bisphosphonat oder Denosumab. "Eine Knochendichtemessung vor Einleitung einer solchen Medikation ist nicht erforderlich", so Privatdozent Dr. Joachim Feldkamp, Städtische Kliniken Bielefeld Klinikum Mitte, beim DGIM-Kongress.

- Auch im Bereich der Diabetologie gibt es Unterversorgung; denn sogar von den in die DMP-Programme eingeschriebenen Patienten haben nur 30 Prozent eine strukturierte Schulung erhalten. Deshalb gilt die Forderung: Alle Diabetiker sollen bei Einleitung einer Pharmakotherapie eine spezifische Schulung erhalten.

- Was die Schilddrüse betrifft, so sollte heute allen Schwangeren eine Jod-Supplementation angeboten werden. Diese Empfehlung basiert auf der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass in der Schwangerschaft der Jodbedarf deutlich erhöht ist und sogar ein milder mütterlicher Jodmangel zu kognitiven Entwicklungsstörungen beim Kind führt. Und bei Frauen im fertilen Alter ist die Jodversorgung meist nur grenzwertig gut oder sogar unzureichend.

- Auch bei der Abklärung einer Hypertonie bei jüngeren und therapierefraktären Patienten besteht eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit; denn bei solchen Patienten sollte unbedingt nach einer endokrinen Ursache geforscht werden. Dazu gehören der Hyperaldosteronismus, das Phäochromozytom und der Hypercortisolismus. Als Screening-Test beim primären Hyperaldosteronismus wird die Bestimmung des Renin-Aldosteron-Quotienten empfohlen.

- Ein nicht seltener Zufallsbefund ist die Hyperkalzämie. Meist wird sie durch Medikamente, insbesondere Thiazide verursacht. Zu den selteneren Ursachen gehören maligne Erkrankungen wie das Multiple Myelom oder metastasierende Karzinome (Lunge, Mamma, Prostata), die Sarkoidose und der primäre Hyperparathyreoidismus, der immer häufiger diagnostiziert wird. "Bei dieser Erkrankung ist das Parathormon erhöht im Unterschied zu den anderen Ursachen, bei denen es erniedrigt ist", so Feldkamp.

Negativ-Empfehlungen

? Zu den Maßnahmen, die gar nicht so selten gemacht werden, ohne dass es gerechtfertigt ist, gehört die Testosteronsubstitution aufgrund eines einzelnen erniedrigten Testosteronwertes; denn der Testosteronwert wird von einer Reihe von Faktoren wie Medikamenten oder Begleiterkrankungen beeinflusst und es besteht auch eine tageszeitliche Rhythmik. "Unspezifische Symptome wie Müdigkeit oder Abnahme der Libido sind kein eindeutiges Indiz für einen Hypogonadismus", so Feldkamp.

? Auch sollten bei Verdacht auf eine hormonelle Erkrankung grundsätzlich bildgebende Verfahren erst nach Sicherung der Diagnose eingesetzt werden.

- Ein Ultraschallscreening auf Schilddrüsenveränderungen bei über 60-Jährigen ist auch nicht sinnvoll; denn man findet immer etwas. Durch ein solches Screening stiege, so Feldkamp, die Zahl unnötiger Schilddrüsen-Operationen gewaltig an mit den damit verbundenen Risiken.

- Die beste Evidenz für einen günstigen Therapieeffekt bei einer Struma nodosa hat die Kombination aus L-Thyroxin und Jod. Doch Studiendaten, die den Nutzen einer Dauertherapie mit L-Thyroxin belegen, gibt es nicht. Es muss aber mit einem erhöhten Risiko für Vorhofflimmern gerechnet werden.

- Ein gravierender Fehler ist es, wenn bei substitutionspflichtigen Patienten in relevanten Stresssituationen keine Dosisanpassung des Hydrokortisons erfolgt. Besonders gefährlich sind Magen-Darm-Infektionen, die dazu führen, dass das lebensnotwendige Medikament nicht mehr eingenommen oder nicht mehr resorbiert werden kann.

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