Ärzte Zeitung online, 06.06.2018

Montgomery fordert

Schluss mit dem Machtgerangel bei der Digitalisierung!

Um mehr Tempo in die Digitalisierung des Gesundheitswesens zu bringen, braucht es laut BÄK-Chef vor allem eines: ein Ende der Machtdebatte um die Datenautobahn.

Schluss mit dem Machtgerangel bei der Digitalisierung!

Es braucht vernünftige Speichermedien, wenn die Digitalisierung vorankommen soll, forderte BÄK-Präsident Frank Ulrich Montgomery.

© Pilick

BERLIN. "Das Gesundheitswesen der Zukunft beginnt auf dem Smartphone." – Das Szenario, das Dr. Martin Hirsch, Gründer der Ada Health GmbH, auf dem 21. Hauptstadtkongress zeichnete, mag nicht jedem Arzt in der Versorgung gefallen.

Durch personalisierte Prävention und ausgefeilte Anamnesebögen, die auf Algorithmen basieren und über eine App laufen, könnten Patienten künftig gezieltere Infos zu ihrem Gesundheitszustand erhalten und mit eben diesen zum Arzt gehen.

"Das kann vor allem bei seltenen Erkrankungen eine große Hilfe sein", so der Hirnforscher. "Welcher Arzt kann sich schon 7000 seltene Erkrankungen merken?"

Für Hirsch, dessen System Ada längst eine solche Symptombeurteilung vornimmt – und es gibt tatsächlich auch eine Version für Patienten – ist einer der Haupttreiber, der das deutsche Gesundheitswesen künftig aus dem Hinterbänklerstatus in Sachen Digitalisierung herausholen wird, daher der Patient.

"Die Zeit, wo man über Google auf Panikwebsites landet, ist vorbei", prognostizierte er.

Montgomery: An der Gesetzgebung liegt's

Wenn es bei solchen Lösungen darum gehe, "Tools" zu schaffen, "die Ärzten helfen", stehe auch die Ärzteschaft dahinter, erklärte Bundesärztekammerpräsident Professor Frank Ulrich Montgomery bei der Eröffnungsdiskussion des Kongresses.

Denn die Ärzte hätten tatsächlich oft wenig Zeit für die wichtige Anamnese. "Wir müssen dann aber auch darüber diskutieren, wie rechtssicher Ihre Algorithmen sind", mahnte er.

Dass die Digitalisierung nicht so recht vorankommt, liegt laut dem BÄK-Präsidenten aber vor allem an der Gesetzgebung, genauer am Paragrafen 291a SGB V.

"Da ist ein großer Webfehler drin", sagte er. Die Gesundheitskarte, die Ulla Schmidt 2004 festgeschrieben habe und die 2006 schon an den Start hätte gehen sollen, sei zu einem Machtinstrument zwischen Kassen und Leistungserbringern geworden.

"Einem, das uns bislang eine Milliarde Euro gekostet hat", kritisierte er. "Wir müssen uns fragen, wie wir aus der Machtdebatte rauskommen."

Dazu brauche es vernünftige Speichermedien und einen Zugang für die Patienten. Montgomery: "Die Gesundheitskarte wurde in einer Zeit angedacht, wo es noch kein Smartphone gab."

Wenig Verständnis für den Hype nach Lockerung des Fernbehandlungsverbots

Eine komplette Abkehr von der Telematikinfrastruktur sei nicht zielführend, warnte Dr. Markus Müschenich, Vorstand des Bundesverbands Internetmedizin.

"Warum bauen unsere Autobauer so gute Autos: Weil es Autobahnen gibt, auf denen diese fahren können." Dasselbe gelte für das Gesundheitswesen: "In dem Moment, wo wir die Datenautobahn haben, werden auch die Innovationen und Anwendungen kommen."

Wenig Verständnis zeigte der BÄK-Präsident gegenüber dem Hype, der nach der Lockerung des Fernbehandlungsverbots durch den Deutschen Ärztetag im Mai nun um die Fernbehandlung gemacht wird. "Die Tür war schon auf, wir haben nur ein Scheunentor daraus gemacht", sagte er.

Denn Fernbehandlung war in vielen Bereichen bereits vorher erlaubt, jetzt dürfen Ärzte aber auch ohne persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt via Kommunikationsmedien behandeln. Die weitere Lockerung hält Montgomery für sinnvoll. Die Ärzte würden aber durchaus die Grenzen kennen.

"Digitales Budget" gefordert

"Ferndiagnose und Fernbehandlung werden den persönlichen Kontakt niemals komplett ersetzen", stellte er klar. Geklärt werden müsse aber auch die Finanzierung. "Einige fordern ein digitales Budget", sagte Kongressveranstalterin Dr. Ingrid Völker.

Denn wenn Telemedizin und digitale Anwendungen konsequent genutzt werden, lassen sie sich nicht mehr einem Sektor zuordnen. "Wir brauchen eine große Finanzierungsinitiative", so Professor Annette Grüters-Kieslich, Vorstandschefin der Uniklinik Heidelberg.

Die Unimedizin habe für solche Anwendungen nicht das Geld. Sie forderte aber ebenso, dass man in einer digitalen Welt auch die Ausbildung in der Medizin neu denken müsse. "Es werden ja zeitnah neue Berufe entstehen", doch bislang kümmere sich noch niemand darum. (reh)

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