Ärzte Zeitung online, 22.02.2018

Personalisierte Onkologie

Tumor ist nicht gleich Tumor – Ist auch jede Metastase anders?

Tumor ist nicht gleich Tumor. Aber auch bei Metastasen gibt es Unterschiede, die künftig stärker in Therapieentscheidungen einfließen dürften – bis hin zur gezielten, kurativen Lokaltherapie bei molekular definierten Metastasen.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Tumor ist nicht gleich Tumor – Ist auch jede Metastase anders?

Krebszelle: Der Primärtumor besteht oft aus vielen verschiedenen genetischen Subklonen. Diese können auch eine unterschiedliche "Neigung" zur Metastasierung besitzen.

© Juan Gärtner / stock.adobe.com

BERLIN. Krebstherapien werden immer stärker auf die molekulargenetischen Eigenschaften des jeweiligen Tumors zugeschnitten. Der genetische Fingerabdruck, und weniger das betroffene Organ, bestimmt bei nicht mehr operablen Tumoren zunehmend die Wahl der Therapie. Dabei wird oft so getan, als seien die genetischen Eigenschaften eines Tumors und der aus ihm hervorgehenden Metastasen homogen und über den Krankheitsverlauf konstant.

Ein Primärtumor, viele Klone, unterschiedliche Metastasen

Das sei aber nicht der Fall, sagte Professor Mechthild Krause, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Strahlentherapie und Radioonkologie am Universitätsklinikum Dresden: "Wir wissen heute, dass der Primärtumor oft aus vielen verschiedenen genetischen Subklonen besteht, deren Zahl im Zeitverlauf auch zunehmen kann."

Diese unterschiedlichen Subklone können eine unterschiedliche "Neigung" zur Metastasierung besitzen. Und wenn sich zirkulierende Tumorzellen eines "metastasierungsfreudigen" Subklons an einer Stelle absiedeln, dann können sie dort weitere Mutationen entwickeln, die im Primärtumor gar nicht vorhanden waren. Die Konsequenz: Primärtumor und Metastase können sich auf molekularer Ebene unter Umständen deutlich voneinander unterscheiden.

Krause berichtete über eine US-amerikanische Forschungsarbeit, die belegt, wie ausgeprägt die Unterschiede sein können. Mit Next Generation Sequencing Technologien hatten die Krebsexperten des Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York bei Patienten mit Lungentumoren und Hirnmetastasen Primärtumor und Absiedelungen molekulargenetisch verglichen. Dabei fanden sie nicht nur heraus, dass die klonale Zusammensetzung unterschiedlich war. Auch die Zahl der Mutationen unterschied sich teilweise um den Faktor zehn (Cancer Discov 2015; 5(6):610-21).

Auch bei Metastasen kann Heilung ein Therapieziel sein

Klinisch ist das durchaus relevant. Krause erwähnte unter anderem Patienten mit sogenannter Oligometastasierung, also Krebspatienten mit nur einigen wenigen Metastasen, die keine Tendenz zur raschen Ausbreitung haben. Diese Patienten könnten beispielsweise mit gezielten strahlentherapeutischen Verfahren lokal behandelt werden, und zwar, sofern es sich wirklich nur um Einzelmetastasen handelt, nicht palliativ, sondern mit kurativer Intention.

Das passiert auf Basis klinischer Einschätzungen teilweise heute schon. Das Problem ist aber, dass Ärzte es einer Metastase nicht ohne Weiteres ansehen können, wie sie sich verhält: "Derzeit machen wir eher Übertherapie, weil wir Patienten für oligometastasiert halten, obwohl sie eigentlich eine palliative systemische Therapie bräuchten", so Krause. Hier könnten künftig neue Biomarker ins Spiel kommen: Eine Art "metastatisches Profiling" von Tumor und Metastase soll künftig Informationen darüber liefern, wie wahrscheinlich weitere Metastasen sind.

Bei einer solchen Herangehensweise müssten letztlich auch klinische Studien anders konzipiert werden als jene, die bei Patienten mit Metastasen heute üblich sind, betonte die Expertin. Nötig seien dann Studien mit dem Endpunkt "permanente Heilung", ergänzt durch bisher unübliche Endpunkte wie eine Verringerung sekundärer Metastasten. Bis dahin ist es freilich noch ein Stück Weg. Aber die Richtung ist klar: Nicht nur auf den Tumor, auch auf die Metastase kommt es an.

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