Ärzte Zeitung online, 23.02.2018

Krebskongress

Onkologische Bewegungstherapie kommt an

Zahlreiche Studien belegen günstige Effekte der onkologischen Bewegungstherapie auf Schmerzen, Lymphödeme, Kognition oder Regeneration, teilweise sogar auf das Überleben von Krebspatienten. Nun werden viele Anstrengungen unternommen, diese supportive Behandlung auch in der Fläche anzubieten und nicht nur an Studienzentren.

Von Friederike Klein

Onkologische Bewegungstherapie auf dem Weg vom Zentrum in die Peripherie

Grundsätzlich gelten zwar für Krebspatienten dieselben Bewegungsempfehlungen wie bei Gesunden. Doch eine individuelle Anpassung ist ratsam. (Symbolbild mit Fotomodell)

© Walter Luger / stock.adobe.com

BERLIN. In Köln bietet die OTT-Akademie – die Abkürzung OTT steht für Onkologische Trainingstherapie – einwöchige Weiterbildungen für Sport- und Physiotherapeuten wie auch für Ärzte an. 132 Teilnehmer konnten inzwischen schon einen solchen Kurs mit einer Prüfung erfolgreich abschließen und damit eine OTT-Lizenz erwerben, berichtete Anja Großek vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Sporthochschule Köln.

Alle zwei Jahre ist die Teilnahme an Refresherkursen verbindlich, um die Lizenz zu erhalten. Verbunden damit ist die Möglichkeit der Abrechnung der OTT mit den Krankenkassen. Bislang bieten schon zehn Standorte eine solche qualifizierte OTT an.

Netzwerken für größere Verbreitung

Einen anderen Weg geht das Projekt OnkoAktiv, das vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg koordiniert wird. Ziel ist die Einbindung von Angeboten vor Ort. Dem Netzwerk beitreten können alle Rehabilitationsanbieter, aber auch kommerzielle Gesundheitsanbieter und Sportvereine, die ja flächendeckend Bewegungsangebote vorhalten.

2011 lokal in Heidelberg gestartet, sind jetzt schon Standorte in fünf Bundesländern im Netzwerk vertreten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Netzwerk sich weiter ausdehnt, ist Anja Großek überzeugt.

Zwei Satellitenzentren in Frankfurt und Coburg geben auch die Möglichkeit, in Zukunft multizentrische Studien mit den Patienten durchzuführen. Aktuell nehmen bereits etwa 800 Patienten an einem Angebot der onkologischen Sport- und Bewegungstherapie des Netzwerks teil, sind immerhin schon 28 Prozent in Studien erfasst.

Die Angebote sind nicht auf die Phase nach der Therapie begrenzt. Schon während der Therapie wird nach einer individuellen Beurteilung und Tauglichkeitsprüfung im Team eine Empfehlung für den einzelnen Patienten entwickelt und mit ihm besprochen. Anschließend erfolgt die Vermittlung an einen möglichst wohnortnahen Anbieter einer entsprechenden Bewegungstherapie.

Individuell angepasste Intensität

Die individuell angepassten Empfehlungen sind wichtig. Grundsätzlich gelten zwar für Krebspatienten dieselben Bewegungsempfehlungen wie bei Gesunden, erläuterte Professor Dr. phil. Friederike Rosenberger vom NCT in Heidelberg. So werden pro Woche 150 Minuten Ausdauertraining mit moderater Intensität oder 75 Minuten mit hoher Intensität empfohlen.

Doch was ist eine moderate Intensität bei Krebspatienten, deren Physiologie durch die Folgen von Erkrankung, Therapie und langer Inaktivität verändert ist?. Laut Rosenberger eignet sich von den üblichen Parametern zur Intensitätssteuerung für Krebspatienten nur die maximale Herzrate, die sowieso im Rahmen der Sporttauglichkeitsuntersuchung erhoben wird. Wie bei Gesunden gilt auch hier: Eine Belastung zwischen 64 und 76 Prozent der maximalen Herzrate entsprechen einer moderaten Intensität, eine Belastung bis 77 bis 95 Prozent der maximalen Herzrate entsprechen einer hohen Intensität.

Kontraindiktionen beachten!

Nebenwirkungen der Sport- und Bewegungstherapie wurden nach Angaben von Dr. Jan Schleicher, Hämatoonkologe am Klinikum Stuttgart, in Studien kaum beschrieben.

Kontraindikationen gibt es nach einem Expertenkonsensus aus dem Jahr 2009 einige. Nicht geeignet ist die onkologische Bewegungstherapie bei akuter Erkrankung wie Infekten, Durchfall, akuten Entzündungen, Schub einer Autoimmunkrankheit, asthmatischem Anfall oder Verletzungen des Halteapparates. Auch dekompensierte Herzinsuffizienz, Diabetes, Hypertonie, COPD oder eine instabile Angina pectoris schließen eine onkologische Sport- und Bewegungstherapie aus. Weitere absolute Kontraindikationen sind Schmerz unbekannter Genese oder belastungsbedingter Schmerz, eine laufende Bestrahlung der Herzgegend beziehungsweise eine Ganzkörperbestrahlung. Auch am Tag der Gabe von kardiotoxischen Therapeutika sollte keine Bewegungstherapie erfolgen.

Relative Kontraindikationen sind Knochenmetastasen – aber die Lokalisation in einer Extremität schließt natürlich nicht das Training anderer Körperteile aus, betonte Schleicher in Berlin. Bei Epilepsie sollten Aktivitäten unterbleiben, bei denen der Patient im Anfall gefährdet ist.

Bei Anämie erreichen Patienten unter Umständen schnell ihre Ausbelastungsherzfrequenzen. Dennoch ist nach Erfahrung von Dr. Schleicher auch bei einem Hb-Wert von 8 g/dl noch Bewegung möglich, wenn sie nur einer Alltagsbelastung entspricht.

Bei Thrombopenie besteht je nach Thrombozytenzahl ein erhöhtes Blutungsrisiko. Hier ist nach Angaben von Schleicher zumindest bei Thrombozytenzahlen von über 20.000/μl ein Ausdauertraining ohne deutliche Blutdruckanstiege möglich – soweit keine anderen Risikofaktoren für Blutungen vorhanden sind.

Nach einer Operation sollte die Wundheilung abgeschlossen sein, ehe mit einer Bewegungstherapie begonnen wird. Künstliche Körperöffnungen oder Sonden seien per se keine Kontraindikation, betonte Schleicher. Das gelte auch für Leukopenie und Therapie mit Immunsuppressiva – eine Infektionsgefahr kann durch Mundschutz, Handschuhe und Desinfektionsmaßnahmen vermindert werden.

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