Ärzte Zeitung online, 15.04.2018

Medikamentenanamnese

Arzneischäden im Magen-Darm-Trakt oft unterschätzt

Laut Schätzungen kommt es bei 20 bis 50 Menschen pro 100.000 zu Arzneimittelschäden im Gastrointestinaltrakt.

Von Roland Fath

Die schleimhautschädigende Wirkung von NSAR ist altbekannt. Aber dennoch werden Arzneimittelschäden im Gastrointestinaltrakt häufig unterschätzt. "Wir haben es nicht mit etwas Seltenem zu tun", betonte Professor Christian Strassburg vom Universitätsklinikum Bonn beim DGIM 2018 in Mannheim. Laut Schätzungen kommt es bei 20 bis 50 Menschen pro 100.000 zu Arzneimittelschäden im Gastrointestinaltrakt – vermutlich sei diese Zahl zu niedrig gegriffen, so der Gastroenterologe – und 5-10 Prozent der Betroffenen müssten stationär behandelt werden. Das Schwierige ist die Vorhersage des Risikos.

"Jeder Mensch reagiert in Bezug auf mögliche Arzneimittelschäden völlig anders", sagte Strassburg. Denn es gibt eine Vielzahl relevanter Einflussfaktoren: außer dem pharmakologischen Schädigungsprofil einzelner Substanzen, der Dosis und Komedikationen zählen auch Alter, Komorbiditäten, genetische Disposition und Umwelteinflüsse.

Strassburg nannte als Beispiel einen älteren Patienten mit koronarer Herzkrankheit und einem Schlaganfall in der Anamnese, der mit zwei Plättchenhemmern und einem COX-2-Hemmstoff behandelt wurde. Das Ulkusrisiko sei bei diesem Patienten mehr als zehnfach erhöht, eine Säurehemmung obligat.

Entscheidend für das richtige Handeln sind möglichst genaue Kenntnisse der Medikamentenanamnese und des pharmakologischen Schädigungsprofils, betonte Strassburg. Das Ulkusrisiko variiert bei einer Therapie mit klassischen NSAR zum Beispiel von Substanz zu Substanz. Relativ gering sei die Risikoerhöhung unter ASS, etwas höher unter Diclofenac, deutlich höher unter Piroxicam, Ketoprofen und Azapropazon. In der Kombitherapie potenziert sich das Risiko.

Auch funktionelle Arzneimittelschäden am Gastrointestinaltrakt, die sich in Übelkeit. Erbrechen oder Diarrhoe äußern, werden nach Ansicht von Strassburg unterschätzt. Dies gilt insbesondere für die Chemotherapie bei Krebspatienten. 70-80 Prozent aller Behandelten litten unter Übelkeit und Erbrechen, Nebenwirkungen, die von den Patienten mit am meisten gefürchtet würden. Etwas seltener betroffen seien ältere und männliche Patienten sowie Personen mit hohem Alkoholkonsum, so Strassburg.

Beachtet werden sollte das emetogene Potential von Arzneimitteln, die in 5 Klassen eingeteilt werden. Besonders hoch ist das emetogene Potential von Cisplatin (Klasse 5), vergleichsweise gering das von Tyrosinkinasehemmern wie Imatinib (Klasse 1). Bei einer Kombinationstherapie mit mehreren Substanzen erhöht sich das emetogene Risiko überproportional, betonte Strassburg. Unterschieden werden akute Übelkeit, die relativ schnell nach Anwendung der Chemotherapie auftritt (1-2 bis zu 24 Stunden), und verzögert auftretende Übelkeit (nach mehr als 24 Stunden). Letztere trete vor allem bei einer hochdosierten Platin-basierten Chemotherapie und bei Einsatz von Anthrazyklinen auf. Frühzeitig sollte mit einer prophylaktischen Behandlung begonnen werden.

Diarrhoen treten meist innerhalb von drei Tagen nach Applikation auf, gehäuft bei älteren Patienten. Kausale Therapiestrategien gibt es nicht, es müsse rein symptomatisch behandelt. Auch neue Checkpoint-Inhibitoren wie Nivolumab machen Diarrhoen, berichtete Strassburg. Die Inzidenz liege bei rund 10 Prozent.

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