Cannabinoid-Therapie

 
Sonderbericht
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Antikachektische Wirkung von Dronabinol nutzen

Eine Cannabinoid-Therapie kann auch zur Appetitsteigerung eingesetzt werden. Dies gilt z. B. bei Patienten mit Tumorkachexie, alters- oder demenzbedingter Kachexie und bei Kachexie anderer Ursache.

Für die Therapie mit dem Rezepturarzneimittel Dronabinol gibt es mehrere Berichte über Patientenkohorten, bei denen das Cannabinoid erfolgreich bei Kachexie unterschiedlicher Genese eingesetzt wurde. So wurde beispielsweise beim 11. Internationalen Kongress der International Psychogeriatric Association im Jahr 2003 von 48 im Mittel 77-jährigen Patienten berichtet, die an Anorexie im Rahmen einer Alzheimer-Demenz litten.1

Klinisches Hauptproblem dieser Patienten, die alle in einem Seniorenheim lebten, war die Agitation. Aus diesem Grund hatte jeder Patient vor Beginn der Dronabinol-Therapie bereits mehr als drei verhaltensmodifizierende Medikamente erhalten, darunter immer auch atypische Neuroleptika. Mit dem Ziel, die Agitation zu mindern und die Kachexie zu bessern, wurde bei den Patienten eine Behandlung mit Dronabinol begonnen. Die initiale Dosis betrug 5 mg pro Tag, verteilt auf zwei Einzeldosen. Je nach Wirksamkeit und Verträglichkeit wurde Dronabinol dann bis maximal 10 mg pro Tag aufdosiert.

Deutliche Besserung der Agitation

Die Behandlung führte bei allen Patienten zu einer Gewichtszunahme. Bei 31 Patienten (65 Prozent) kam es aber auch zu einer deutlichen Besserung der Agitation und bei gut jedem dritten Patienten zu einer Verbesserung im Mini Mental Status Test (MMST) um einen bis drei, im Mittel 1,6 Punkte. Bei 33 Patienten (69 Prozent) sahen die Pflegekräfte, die die Wirksamkeit per Fragebogen evaluierten, auch funktionelle Verbesserungen. 35 Prozent der Patienten zeigten dagegen keine Besserung der Agitation. Bei diesen Patienten wurde die Behandlung mit Dronabinol innerhalb von zwei Wochen wieder beendet.

Die Verträglichkeit der Dronabinol-Therapie war insgesamt gut: Zu Stürzen, Synkopen, Krampfanfällen oder einer Verstärkung der Agitation oder einer bestehenden depressiven Symptomatik kam es nicht.

Zunahme um im Mittel 1,5 kg

Der positive Effekt von Dronabinol bei Appetitmangel geriatrischer Patienten wird von einer anderen Fallsammlung bestätigt: Insgesamt 28 im Mittel knapp 80-jährige Bewohner von fünf Pflegeheimen in der US-amerikanischen Stadt Saint Louis nahmen an der Studie teil.2 Bei allen Patienten war es zu einem starken Gewichtsverlust (> 5 Prozent in 30 Tagen oder 10 Prozent in 180 Tagen, BMI < 21 kg/m2) gekommen. Dieser konnte mit Ernährungsinterventionen nicht mehr beeinflusst werden. Die Betreffenden wurden zwölf Wochen lang mit Dronabinol behandelt. Die Startdosis lag bei 2,5 mg täglich abends. Nach einer Woche wurde bei einem Teil der Patienten die Dosis auf 2 × 2,5 mg mittags und abends erhöht.

Die Dronabinol-Therapie führte bei 15 Patienten (53,5 Prozent) zu einer Zunahme des Körpergewichts, wobei sechs dieser Patienten mehr als 4,5 kg zunahmen. Im Mittel nahmen die Patienten etwa 1,5 kg zu. Patienten, bei denen es unter der Dronabinol-Therapie nicht zu einer Gewichtszunahme kam, hatten eine erhöhte Mortalität. Ein Nicht-Ansprechen auf Dronabinol könnte daher ein Indikator für ein erhöhtes Sterberisiko sein, so die Studienautoren.2

COPD: Leistungsfähigkeit gesteigert

Eine dritte Publikation beschreibt den Effekt einer Dronabinol-Therapie im Rahmen einer stationären Rehabilitation bei 17 kachektischen Patienten zwischen 35 und 74 Jahren mit chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung (COPD).3 Behandelt wurde in Form einer Kurzzeittherapie mit 2 × 5 mg Dronabinol täglich über zwei bis drei Wochen.

In dieser Kohorte berichteten 15 von 17 Patienten über eine deutliche Appetitsteigerung und ein besseres Allgemeinbefinden. Das Körpergewicht stieg bei 14 von 17 Patienten um mindestens 1 kg, und die Sechs-Minuten-Gehstrecke verlängerte sich im Mittel um 110 m. Der Autor der Studie empfiehlt daher, bei kachektischen COPD-Patienten während der Rehabilitation die Gabe von Dronabinol zu erwägen. Zusammenfassend können Patienten mit Kachexie unterschiedlicher Genese von Dronabinol in meist geringer Dosierung profitieren.

Appetitmangel bei Palliativpatienten

Laut Hospiz- und Palliativ-Erfassung (HOPE 2017) leiden zwei Drittel der betreuten Patienten unter Appetitmangel.4 Eine Normalisierung des Appetits wird derzeit lediglich bei sechs Prozent dieser Patienten erreicht. Dronabinol kann hier eine zusätzliche therapeutische Option bieten.

Literatur:

1. Patel S et al., 11th International Congress of the International Psychogeriatric Association, Chicago 2003, https://www.cannabis-med.org/studies/ww_en_db_study_show.php?s_id=61
2. Wilson MM et al., Journal of Nutrition, Health & Aging 2007, 11: 195-198
3. Bergmann KC, Pneumologe 2005, 59:V493
4. HOPE 2017 – Bericht Basisbogen, abrufbar unter: www.hope-clara.de/download/2017_HOPE_Bericht.pdf

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