Ärzte Zeitung, 27.09.2019

Health-in-All-Policies

Warum Gesundheit nicht nur Herrn Spahn etwas angeht

Viele wichtige Einflussfaktoren auf die Gesundheit finden sich jenseits des Gesundheitssystems. Deshalb sind auch andere Politikfelder gefragt.

Von Thomas Hommel

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Freie Fahrt für freie Radler: Fahrradwege sind ein Paradebeispiel für Verhältnisprävention und wirksame Gesundheitsvorsorge.

© picture alliance/dpa

Vergangenen Donnerstag, am 19. September, war es wieder so weit. Dieses Mal die Kaufmännische Krankenkasse (KKH). Per Presseinformation teilte die Krankenkasse mit, was vor ihr schon andere berichtet hatten: In Deutschland bringen immer mehr junge Menschen zu viele Kilo auf die Waage. So ist die Zahl der Kinder bis 17 Jahre, die unter Adipositas leiden, von 2008 bis 2018 laut der KKH-Studie um 30 Prozent gestiegen.

Nur wenig später meldete sich die Sprecherin für Gesundheitsförderung der Grünen-Fraktion im Bundestag Dr. Kirsten Kappert-Gonther zu Wort. „Eine wirksame Gesundheitsförderung“, kommentierte sie, „beginnt in den Lebenswelten, im Alltag: genügend Fuß- und Radwege, gutes und gesundes Essen in Kita und Schule.“

Individualansatz reicht nicht

Der steigende Anteil von Kindern und Jugendlichen mit krankhaftem Übergewicht zeige, dass der bisherige Ansatz der Individualprävention keine ausreichende Wirkung entfalte. Die Stigmatisierung dicker Menschen werde dadurch sogar noch verstärkt. „Stattdessen müssen Gesundheitsbelastungen im Alltag gesenkt werden, beispielsweise durch eine Verkehrs- und Agrarwende.

Mancher mag fragen: Was haben die Verkehrs- und Agrarwende mit dicken Kindern zu tun? Folgt man dem Gedanken Health-in-All-Policies (HiAP) der WHO, dann hängt das alles sehr wohl zusammen. Adipositas sei eben nicht nur ein Problem, das nur Gesundheitspolitiker angehe. Es betreffe auch jene, die Städte und Verkehrswege planten und so für mehr Bewegungsmöglichkeiten sorgen könnten. Oder Agrarpolitiker, die Einfluss auf die Ernährung von Kindern nehmen und einen übermäßigen Fleischkonsum eindämmen könnten.

Prävention schon auf dem Acker

„Die Kernidee des Ansatzes ist klar: Entscheidungen zur Gesundheitspolitik strahlen in fast alle anderen Politikbereiche aus; umgekehrt sind Entscheidungen in anderen Politikbereichen alle mittelbar oder unmittelbar gesundheitsrelevant“, erläutert der Public-Health-Professor Klaus Hurrelmann von der Berliner Hertie School den WHO-Ansatz.

Das Paradebeispiel sei die Ernährung: Werden verhaltens- und verhältnispräventive gesundheitspolitische Maßnahmen eingeleitet, um den Fleischkonsum zu reduzieren, strahlt das in die Agrar-, die Wirtschafts-, die Bildungs-, die Familienpolitik und so weiter aus. Und umgekehrt: Führt das Ernährungsministerium die Lebensmittelampel ein, betreibt es akute Gesundheitspolitik. „Im Prinzip“ lasse sich jede politische Entscheidung einer „gesundheitlichen Verträglichkeitsprüfung“ unterziehen.

Grünen-Politikerin Kappert-Gonther führt eine weitere Kette an: „Die Verkehrswende nutzt direkt der Gesundheit der Bevölkerung, etwa durch Reduktion der Feinstaubbelastung, weniger Lärm und dafür mehr Bewegung an der frischen Luft. Weniger Pestizide in der Landwirtschaft, dafür gutes und gesundes Essen im Alltag der Menschen. Deshalb brauchen wir die Agrarwende. Umwelt- und Klimaschutz sind Gesundheitsförderung.“

Auch deshalb müsse das seit 2015 geltende Präventionsgesetz im Sinne von HiAP reformiert werden. Bislang setze das Gesetz einseitig auf Verhaltensprävention – und werde primär bei den Kassen abgeladen. Grundsätzlich in Ordnung, aber nicht ausreichend.

Sabine Dittmar, die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, will die Erfolge des Präventionsgesetzes (PrävG) nicht kleinreden. Die Krankenkassen hätten seit Inkrafttreten „erhebliche Anstrengungen unternommen, mit gesundheitsfördernden Maßnahmen stärker in den Alltag von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien vorzudringen“.

2017 hätten AOK, TK & Co für Primärprävention in Lebenswelten 153 Millionen Euro ausgegeben. „Das ist fast viermal so viel wie vor dem Inkrafttreten des Präventionsgesetzes.“ Knapp 4,5 Millionen Menschen seien seither „in ihren Lebenswelten“ erreicht worden – 27 Prozent in Kitas und 28 Prozent in Grundschulen.

Solche Anstrengungen seien „wichtig und richtig – trotzdem müssen wir weiterdenken“, sagt Dittmar und lässt durchblicken, dass auch sie den HiAP-Ansatz für richtig hält.

„Die Herstellung gesunder Lebensbedingungen, die beispielsweise beeinflusst werden durch gesunde Arbeits- und Wohnbedingungen, Bildung, Umwelt, Einkommen und finanzielle Planungssicherheit, Verhaltensmuster, Konsumverhalten oder Lebensstile, kann nur gelingen, wenn alle Politikbereiche auf allen Ebenen diese Aufgabe für sich erkennen und annehmen.“

Schwenkt die Groko um?

Beispiel Diabetes. Das nationale Gesundheitsziel verlangt, bei der Bevölkerung die Risiken zu reduzieren, die die Entstehung von Typ-2-Diabetes begünstigen.

„Was wäre“, fragt SPD-Expertin Dittmar, „wenn sich die Bundesregierung über alle Ressorts dieses Ziel zu eigen machen würde? Vermutlich hätten wir dann längst verbindliche Vorgaben etwa zur Reduktion von Zucker in zuckergesüßten Getränken oder eine Nährwertkennzeichnung.“ Ihr Appell: „Wir müssen das Denken in engen Zuständigkeitsgrenzen überwinden.“

Bleibt abzuwarten, ob sich die Koalition auf eine breitere Sichtweise beim Thema Gesundheit verständigen kann. Zuckersteuer und Nährwertampel jedenfalls gehören derzeit zu den großen Zankäpfeln zwischen Union und SPD.

Dem Vernehmen nach liegt das weniger an den Gesundheits- als vielmehr an den Ernährungs- und Finanzfachleuten der beteiligten Fraktionen. Immerhin: Auch das ist ein Beleg für Health-in-All-Policies.

Lesen Sie dazu auch:
Drei Fragen an Professor Busse: „Verkehrssicherheit ist echte gelebte Prävention“

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Dr. Joseph Kuhn 
Richtige Einsichten
Wenn der Bundestag bei seinen Entscheidungen in den verschiedenen Politikfeldern künftig öfter auch die gesundheitlichen Auswirkungen im Kopf haben würde ("Health in all policies"), wäre das eine wirklich wegweisende Einsicht und ein großer Fortschritt für "Public Health", um noch einen Anglizismus anzubringen. Schon dass wir dafür keine guten deutschen Begriffe haben, zeigt, wie sehr Deutschland bei solchen Ansätzen hinterherhinkt.  zum Beitrag »

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