Ärzte Zeitung online, 14.12.2018

Mindestmengen und Qualitätsindikatoren

Qualitätsagenda für Kliniken stockt

Die Botschaft des „Qualitätsmonitors 2019“ ist eindeutig: Noch immer wagen sich zu viele Krankenhäuser mit geringer Erfahrung an komplexe Therapien und gefährden damit die Sicherheit der Patienten.

Von Thomas Hommel

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TAVI: Laut „Qualitätsmonitor“ versorgen etwa 30 Prozent der 97 Kliniken, die diese Eingriffe im Jahr 2016 durchführten, weniger als 100 Fälle pro Jahr.

© science photo library

BERLIN. Zu zögerlich, zu halbherzig: Anlässlich der Vorstellung des neuen „Qualitätsmonitors 2019“ hat der AOK-Bundesverband die bisweilen lasche Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben für Mindestmengen und Qualitätsindikatoren in der Krankenhausplanung kritisiert. Eine „Strategie der Verschleppung“ von Klinikvertretern und Ländern führe letztlich dazu, „dass unnötig Menschenleben aufs Spiel gesetzt werden“, sagte der Vorstandsvorsitzende des Verbandes, Martin Litsch. In der aktuellen Krankenhaus-Gesetzgebung der großen Koalition, aber auch in der Klinikplanung der Bundesländer sei der Wille, für eine bessere Versorgungsqualität zu sorgen, nicht mehr erkennbar. „Die Luft ist raus.“

„Wahrlich keine Raketentechnik“

Der AOK-Chef verwies unter anderem auf den derzeitigen Stand bei den planungsrelevanten Qualitätsindikatoren (PlanQI). Das Verfahren geht zurück auf das Krankenhaus-Strukturgesetz (KHSG) von 2016 und soll den Planungsbehörden der Bundesländer ermöglichen, bei der Klinikplanung die Qualität der medizinischen Versorgung der Häuser zu berücksichtigen. Litsch sprach in diesem Zusammenhang von einem „Desaster“, da die Umsetzung der PlanQI viel zu lange dauere und sich die Bundesländer teils darüber hinweg setzten. „Bis heute gibt es nur ganz schmale Ergebnisse – und das, obwohl es hier wirklich nicht um Raketentechnik geht.“

Die AOK fordere die Politik deshalb auf, ein „Krankenhaus-Strukturgesetz II“ auf den Weg zu bringen. Dieses Gesetz müsse dafür sorgen, dass die Fristen für die Umsetzung der planungsrelevanten Qualitätsindikatoren deutlich verkürzt und die Prozesse im Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) beschleunigt würden.

Jürgen Klauber, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) und einer der Mitherausgeber des „Qualitätsmonitors“, sagte, die Publikation liefere klare Belege dafür, dass die Vorgabe von Mindestmengen für stationäre Behandlungen und eine stärkere Zentralisierung von Leistungen in bestimmten, vor allem hochkomplexen Versorgungsbereichen Leben retten könnten. Ein Dauerthema bleibe die „Gelegenheitschirurgie“ bei bestimmten Krebs-Indikationen wie etwa Brustkrebs.

Alle zwei Wochen ein Eingriff

Klauber wies darauf hin, dass ein Viertel der 781 behandelnden Kliniken im Jahr 2016 maximal acht Brustkrebs-Operationen erbracht hat. Ein weiteres Viertel führte im Mittel 26 Operationen durch, was etwa einen Eingriff alle zwei Wochen bedeutet. Von zertifizierten Brustkrebs-Zentren würden dagegen 100 Brustkrebs-Operationen pro Jahr gefordert, betonte Klauber. „Eine eingespielte Prozesskette für solche Operationen kann es nur in Häusern mit hohen Fallzahlen geben.“

Die Realität sehe jedoch anders aus: Zu viele Kliniken mit geringer Erfahrung wagten sich noch immer an komplexe Therapien und gefährdeten damit die Patientensicherheit.

Sterblichkeitsrate differiert deutlich

Das gelte auch bei Katheter-gestützten Aortenklappen-Implantationen, den TAVIs, so Klauber. Laut „Qualitätsmonitor“ versorgen etwa 30 Prozent der 97 Kliniken, die diese Eingriffe im Jahr 2016 durchführten, weniger als 100 Fälle pro Jahr. In Krankenhäusern mit Fallzahlen unter 100 liegt die Zahl der Todesfälle dem Report zufolge im Vergleich zum erwarteten Wert um 46 Prozent höher.

In den Kliniken mit mindestens 200 Eingriffen liegt die Sterblichkeitsrate dagegen um 32 Prozent niedriger. Klauber: „Schon mit einer Fallzahlvorgabe von 100 ließe sich eine deutliche Senkung der Krankenhaussterblichkeit bei den TAVI-Patienten erreichen. Noch besser sind Kliniken mit 200 Fällen.“ Nötig sei zudem eine kombinierte kardiologische und herzchirurgische Versorgung vor Ort.

Als Beispiel für die unzureichende Umsetzung von Mindestmengen führte Professor Rainer Rossi, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin (DGPM), die Behandlung von Frühgeborenen an. Internationale Studien belegten, so Rossi, eine bessere Versorgung von Frühgeborenen mit geringem Geburtsgewicht in Kliniken mit höherer Fallzahl und besserer Ausstattung.

Mehr Strukturqualität nötig

Auch eine im „Qualitätsmonitor“ veröffentlichte Analyse auf Basis von AOK-Abrechnungsdaten (wir berichteten) zeigt, dass Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht unter 1500 Gramm eine schlechtere Überlebenschance haben, wenn sie in Kliniken versorgt werden, die weniger als 34 Fälle pro Jahr vorweisen können. Die Sterblichkeitsrate in diesen Krankenhäusern liegt etwa 50 Prozent höher als in Kliniken mit 91 oder mehr Fällen (siehe Interview auf dieser Seite).

Der jährlich erscheinende „Qualitätsmonitor“ ist eine gemeinsame Publikation des Vereins Gesundheitsstadt Berlin, des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) und der Initiative Qualitätsmedizin. Sie liefert für ausgewählte Krankheitsbilder und Behandlungen Daten zu Fallzahlen und Qualitätskennzahlen. Neben den TAVIs und dem Bereich Geburtshilfe stehen in der aktuellen Ausgabe Herzinfarkte, Harnblasen-Entfernungen sowie Eingriffe an der Bauchspeicheldrüse und der Speiseröhre im Fokus. In einer Klinikliste werden die Ergebnisse von 1401 Krankenhäusern bundesweit dargestellt, in denen 2016 beziehungsweise 2015 eine dieser Behandlungen dokumentiert worden ist.

Der „Qualitätsmonitor 2019“ steht kostenlos als e-Book zum Herunterladen bereit: www.wido.de

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