Ärzte Zeitung online, 10.05.2019

Onkologie

Bessere Versorgung im Netzwerk

Präzisionsmedizin kann bei einem Teil der Patienten mit fortgeschrittenem Lungenkrebs das Leben verlängern. Aber Diagnostik und Therapieentscheidungen sind komplex. Die AOK unterstützt die Vernetzung von onkologischen Spitzenzentren mit behandelnden Ärzten und Kliniken. So bekommen Patienten heimatnah die bestmögliche Versorgung.

Von Taina Ebert-Rall

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© AOK-Bundesverband

BERLIN. Lungenkrebs ist eine der häufigsten Krebserkrankungen und die häufigste Krebstodesursache. In Deutschland erkranken jährlich rund 56.000 Menschen an einem Lungenkarzinom. Die Diagnose wird in den meisten Fällen erst spät gestellt, eine komplette Tumorentfernung ist dann oft nicht mehr möglich. Für diese Patienten war die Chemotherapie über Jahrzehnte die einzig mögliche medikamentöse Therapie – allerdings mit eher unbefriedigender Wirksamkeit. Doch es gibt seit einigen Jahren einen echten Fortschritt.

„Bei einigen der Patienten mit nichtkleinzelligem Lungenkrebs haben die Tumoren Veränderungen im Erbgut, die das Wachstum des Tumors anfeuern, sogenannte Treibermutationen“, erläutert Dr. Gerhard Schillinger, Arzt im AOK-Bundesverband. „Für die Hemmung dieser Treibermutationen gibt es seit einigen Jahren bei 15 bis 20 Prozent der Patienten mit nichtkleinzelligem Lungenkrebs zugelassene Medikamente, weitere zehn Prozent können in Studien behandelt werden.“

Für die betroffenen Patienten mit solchen Treibermutationen habe die sogenannte personalisierte Medizin eine deutliche Verbesserung des Überlebens gebracht. „So haben zum Beispiel Patienten mit Mutationen im Rezeptor für einen Wachstumsfaktor, dem EGF-Rezeptor, einen Überlebensvorteil von ein bis zwei und in einigen Fällen bis zu fünf Jahren, wenn sie die zielgerichteten Medikamente erhalten“, sagt Schillinger.

Noch profitieren zu wenige Patienten

Anhand von Daten der Krankenkassen ist allerdings erkennbar, dass dieses stetig wachsende Wissen noch immer viel zu langsam bei den Patienten ankommt. Und von Patienten mit neu aufgetretenem mit Chemotherapie behandeltem Lungenkrebs erhalten demnach nur etwa 50 bis 70 Prozent die personalisierten Medikamente gegen EGF-Rezeptor-Mutationen, die zu erwarten wären – und dies zehn Jahre nach Zulassung dieser Medikamente. Bei den später hinzugekommenen Medikamenten gegen Lungenkrebs mit ALK-Fusionen und ROS1-Mutationen ist der Anteil den Erkenntnissen zufolge noch deutlich schlechter.

AOKs kooperieren mit Zentren

Auch bei der Auswertung der vertragsärztlich durchgeführten molekulargenetischen Tests auf die Treibermutationen zeigt sich, dass nur ein sehr kleiner Teil der Patienten auf alle Mutationen untersucht wird, für die Medikamente zugelassen sind und zur Verfügung stehen.

Deshalb kooperieren AOKs nun mit onkologischen Spitzenzentren, die sich zum „nationalen Netzwerk Genomische Medizin (nNGM) zusammengeschlossen haben. In diesem bundesweiten Netzwerk arbeiten diese Spitzenzentren mit Krankenhäusern und onkologischen Praxen zusammen.

Im Kern geht es in den Versorgungsverträgen der AOKs darum, dass Tumorproben von Patienten mittels hochmoderner molekularer Diagnostik von Experten an einem der onkologischen Spitzenzentren untersucht werden. Dabei ist, so Schillinger, die besonders hohe Qualität der molekulargenetischen Diagnostik entscheidend dafür, ob Patienten die optimale Therapie erhalten.

Moderne Verfahren ermöglichen es zudem, mit einer einzigen Probe auf alle relevanten Mutationen zu untersuchen. Das erspart den Patienten dann oft eine weitere Probenentnahme und das damit verbundene Risiko. Anschließend beraten die Spezialisten für die personalisierte Lungenkrebsbehandlung aufgrund der molekularpathologischen Befunde die behandelnden Ärzte zur bestmöglichen Therapie.

Dass eine solche Netzwerkbildung funktioniert, hat das nationale Netzwerk Genomische Medizin an der Universität zu Köln in Kooperation mit der AOK Rheinland/Hamburg und weiteren Krankenkassen bereits bewiesen. Nun wird dieses Netzwerk bundesweit ausgerollt. Den Aufbau der hierfür notwendigen Strukturen hat die Deutsche Krebshilfe durch die Förderung des Projekts ermöglicht.

Mit dem Projekt wird erreicht, „dass die Patienten dort behandelt werden können, wo ihre Familien und Freunde sind“, so Schillinger weiter. Durch die Vernetzung ihrer Ärzte mit den Spitzenzentren ist nach seinen Worten auch in ländlichen Regionen eine optimale Therapie gewährleistet: „Patienten bekommen eine bestmögliche molekulare Diagnostik und eine Therapie gemäß der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse.“ Außerhalb von Zentren sei es für Ärzte, die ein breites Spektrum der Medizin abdecken müssen, oft kaum zu schaffen, „bei der rasanten Forschungsentwicklung im Bereich der Präzisionsmedizin von Lungenkrebs, immer alle aktuellen relevanten Publikationen zu überblicken“.

In vielen Regionen gelebter Alltag

Für die Patienten bedeutet solch eine verbesserte Versorgung gewonnene Lebensjahre. Da die Behandlungsdaten erfasst werden, wird zudem dafür gesorgt, dass das Wissen für die beste mögliche Behandlung weiter zunimmt. Bisher haben die AOKs Bayern, Bremen, Hessen, Niedersachsen, NordWest und Rheinland/Hamburg mit dem Netzwerk Genomische Medizin einen Vertrag geschlossen, weitere AOKs wollen dem Vertrag demnächst beitreten.

Kliniken und Vertragsärzte in der Nähe, die an dem Netzwerk als Netzwerkzentrum oder Netzwerkpartner teilnehmen, sind im Internet auf der Seite des nationalen Netzwerks Genomische Medizin (www.nngm.de) zu finden.

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