Ärzte Zeitung online, 16.09.2019

Ärztemangel

Ohne Folklore – wie kommen Ärzte und das Land zusammen?

Sind Ärzte auf dem Land künftig nur noch im MVZ zu finden? Versorgen sie mit dem Arztmobil oder per Internet? Auf einer AOK im Dialog-Veranstaltung suchten Ärzte, Kassenvertreter und Politiker nach Antworten.

Von Anno Fricke

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AOK-Dialog über den Abschied vom Landarzt-Idyll: Sascha Hingst, RBB, Kirsten Kappert-Gonther, Gitta Connemann , BÄK-Präsident Dr. Klaus Reinhardt und Christopher Hermann, AOK-Chef in Baden-Württemberg (v.l.n.r.)

© (c) AOK-Bundesverband

BERLIN. War das Leben als Landarzt in vergangenen Zeiten idyllisch? Nein, räumten die Teilnehmer an der AOK im Dialog-Veranstaltung „Landarztidyll war gestern, was kommt morgen?“ unisono ein. Der Beruf kannte nur wenig Freizeit. Auch nachts und am Wochenende hätten die Menschen in der elterlichen Praxis geläutet und um ärztlichen Beistand gebeten, berichtete der Präsident der Bundesärztekammer Dr. Klaus Reinhardt.

Kein politisches Konzept kann also zurück in ein politisches Idyll führen. Gleichwohl muss das Land weitab von den Weichbildern der großen Städte für die medizinische Versorgung nicht verloren sein. Auch darauf konnten sich Gitta Connemann, stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Kirsten Kappert-Gonther, Fraktionssprecherin der Grünen für Gesundheitsförderung, der Vorstandsvorsitzende der AOK Baden-Württemberg Dr. Christopher Herrmann und Reinhardt schnell einigen.

Kassenvertreter Herrmann plädierte dafür, den Kräften vor Ort das Heft des Handelns in der Hand zu lassen. Er erlebe bei der Kommunalpolitik ein Anwachsen des Problembewusstseins. „Vor Ort hat man die Zusammenhänge besser drauf wie aus der Überfliegerebene in Berlin“, ordnete er die unterschiedlichen politischen Perspektiven ein.

Kasse als Ankermieter

Eine Ortskrankenkasse könne lokal flexibel agieren, betrieb Hermann Eigenwerbung. Sie könne zum Beispiel als Ankermieter Gebäude anmieten, die Ärzte, Apotheker und Therapeuten dann mit medizinischem Leben erfüllen könnten.

Dem Glauben an Patentrezepte erteilte Hermann eine Absage. Er warnte davor, die Möglichkeiten der Digitalisierung zu unterschätzen. Jetzt müsse man sortieren, was sich gut nutzen lasse. Telemedizin werde dazu gehören. Beispiel: dermatologische Versorgung. In lokalen Zentren könnten professionelle Aufnahmen von Hautveränderungen gemacht und an ein Derma-Zentrum geschickt werden.

Binnen 48 Stunden liege die hautärztliche Expertise vor, Zeit und Geld könnten eingespart werden. Sie sei ein „hervorragender Bereich“, um Ärztemangel auf dem Land zu begegnen. Gleiches gelte auch für die Delegation ärztlicher Aufgaben zum Beispiel an „Verahs“, d.h. Versorgungsassistentinnen in der Hausarztpraxis, insbesondere in der Betreuung chronisch kranker Menschen.

Diesem Konzept, das es unter anderen Namen auch außerhalb Baden-Württembergs gibt, konnte auch der BÄK-Präsident das Wort reden. Er forderte von den Kassen, die eigens dafür ausgebildeten Helferinnen und Helfer auch dann schon zu finanzieren, wenn eine Region noch nicht als unterversorgt gelte. „Warum warten?“, fragte Reinhardt.Er warnte allerdings vor Forderungen nach zu viel „Augenhöhe“ zwischen Arzt und anderen medizinischen Fachberufen. Damit drohten neue Schnittstellen im System.

Tele-Erstkontakt? Warum nicht!

Telemedizin, auch beim ersten Kontakt zwischen Arzt und Patient, könne Druck aus dem Versorgungsmangel in ländlichen Regionen nehmen, pflichtete BÄK-Präsident Reinhardt Kassen-Mann Hermann bei. Allerdings müsse der Begriff Land sauber definiert sein. „Es gibt zwei Klassen von Land – die Speckgürtel um die Ballungsräume und weiter draußen“, sagte Reinhardt.

Nur in letzteren werde es in jeder Hinsicht problematisch. Man werde sicher nicht dafür sorgen können, dass in diesen Räumen auch weiterhin ärztliche Versorgung wie in den vergangenen 50 Jahren zur Verfügung steht. Vielleicht müsse der Arzt dorthin ja mit dem Sprechstunden-Truck anreisen.

Der Landarzt in jedem Dorf sei heute schon Folklore, sagte Gitta Connemann, Abgeordnete in Friesland. Auch sie betonte die Heterogenität ländlicher Räume. In der Eifel herrsche „Riesenarbeitslosigkeit“, im Emsland Vollbeschäftigung. Bei der Ansiedelung von Ärzten müssten heute die beruflichen Perspektiven ihrer Partner stets mitbedacht werden.

Netze und Kooperationen

Man brauche nicht an jedem Ort einen Arzt, sagte Kappert-Gonther. Die Menschen bräuchten aber die Sicherheit, dass bei Krankheit eine Versorgungsmöglichkeit vor Ort erreichbar sei. Diese Erwartung gelte auch für weitere Gesundheitsberufe, insbesondere die Hebammen.

„Das Modell der Einzelpraxis gibt es nicht mehr“, sagte die Politikerin. Junge Ärzte organisierten sich zunehmend in Netzen und anderen Formen des Zusammenarbeitens. Es gehe ihnen nicht nur ums Geld, sondern auch um Freiheiten zur Lebensgestaltung.

Kappert-Gonther sprach sich daher für Kern-MVZ in jeder Gesundheitsregion aus, die über Kooperationen dort die Gesundheitsversorgung organisierten.

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