Ärzte Zeitung, 04.11.2004
 

HINTERGRUND

Saufen bis zum Umfallen - nach einem gut geführten Arztgespräch vergeht manch einem die Lust darauf

Von Thomas Müller

"Klar, Alkohol kann schädlich sein und süchtig machen, na und?" Die 15jährige Laura aus der Nähe von München findet nichts Schlimmes dabei, häufig auf Partys über den Durst zu trinken. Und die 14jährige Paula findet es toll, wenn bei der Party die Badewanne voll mit Alkopops ist, berichtet sie in einer vor kurzem ausgestrahlten ZDF-Dokumentation. Selbst Lehrer merken: Immer häufiger kommen Schüler nach einer durchzechten Nacht völlig benebelt in den Unterricht.

  Die Hälfte der Kampftrinker ist inzwischen weiblich.

Trinken bis zum Umfallen, das kommt auch in Deutschland unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen zunehmend in Mode. Nach dem jüngsten Drogenbericht der Bundesregierung stieg zwischen den Jahren 2000 und 2002 die Zahl der Jugendlichen, die wegen einer Alkoholvergiftung stationär behandelt wurden, bundesweit um 26 Prozent (von etwa 10 600 auf 13 400).

Und waren es früher überwiegend Jungs, die dem Kampftrinken fröhnten, so haben die Mädchen mittlerweile gleichgezogen: Jeder zweite Jugendliche, der sich ins Koma getrunken hat, ist weiblich - ein Trend, der auch in anderen Industrienationen beobachtet wird.

Wenn jemand jung stirbt, ist meist Alkohol im Spiel

Die Folgen: Verkehrsunfälle unter Alkoholeinfluß sind die Haupttodesursache für Jugendliche und junge Erwachsene. Doch mahnende Worte der Eltern nützen offenbar wenig. Können Ärzte da mehr bewirken?

Vor kurzem wurde in der Zeitschrift "Annals of Family Medicine" (2/5, 2004, 474) eine Studie veröffentlicht, die Mut machen kann: Nehmen sich Ärzte junge Trinker zur Brust, können sie über ein kurzes Gespräch das eine oder andere Leben retten: Ein Teil der jungen Leute trinkt langfristig tatsächlich weniger - und verursacht seltener Verkehrsunfälle.

An der Studie nahmen 226 junge Erwachsene im Alter von 18 bis 30 Jahren teil. Mitmachen durften Männer mit pro Woche mehr als 14 Drinks (je 14 g Alkohol) und Frauen mit mehr als elf Drinks pro Woche - das entspricht bei Männern mehr als acht Flaschen Bier oder zwei Flaschen Wein pro Woche, bei Frauen mehr als sechs Flaschen Bier oder eineinhalb Flaschen Wein.

Die Hälfte der Teilnehmer wurde von ihrem Arzt auf ihren Alkoholkonsum angesprochen, die andere nicht. Das Gespräch verlief etwa so: "Als Ihr Arzt bin ich sehr besorgt darüber, wieviel Sie trinken und wie Sie damit Ihrer Gesundheit schaden. Hier ist eine Liste mit Situationen, in denen Leute oft zuviel Alkohol trinken. Welche Situation trifft auf Sie zu? Und wie denken Sie, können Sie solche Situationen vermeiden?"

Die Patienten erhielten zudem Tips, wie sie ihren Durst in Schranken halten können. Solche Tips sind etwa, seltener mit Saufkumpanen auszugehen, alkoholische Getränke nicht schnell zu trinken, vor jedem Alkohol-Getränk eine großes Glas Wasser oder Saft zu trinken. Schließlich wurde mit den Patienten ein Ziel vereinbart, etwa: "Was halten Sie davon, pro Woche auf drei Drinks zu verzichten? Was ist für Sie ein realistisches Ziel?" Die Gespräche dauerten etwa zehn bis 15 Minuten. Nach vier Wochen erhielten die Patienten eine zweite Konsultation mit dem Arzt.

Die jungen Leute wurden nun vier Jahre lang regelmäßig zu Trinkgewohnheiten, Unfällen und Straftaten befragt. Das Ergebnis: Teilnehmer, die mit ihrem Arzt über ihre Trinkgewohnheiten gesprochen hatten, reduzierten den Alkoholkonsum im Schnitt um 44 Prozent - von 16,2 auf 9 Drinks/Woche. Teilnehmer ohne ein solches Arztgespräch tranken nur 25 Prozent weniger - 13,9 statt zuvor auf 18,3 Drinks/Woche. Vor Beginn der Studie betranken sich die Teilnehmer im Schnitt an sechs Abenden pro Monat. Junge Erwachsene mit Konsultation reduzierten dies auf dreieinhalb Abende pro Monat, die ohne Konsultation auf knapp fünf Abende pro Monat.

Das Interessante dabei: Wer nach dem Arztgespräch seinen Trinkverhalten änderte, tat dies meist sofort und blieb in den folgenden vier Jahren bei einem moderateren Konsum.

Seltener Unfälle nach Gespräch über Alkoholkonsum

Das spiegelte sich auch bei der Zahl der Autounfälle wider. 67 Prozent der Teilnehmer ohne Konsultation hatten in vier Jahren einen Autounfall, mit Konsultation waren es 55 Prozent. Neun der jungen Erwachsenen mit Arztgespräch wurden dabei verletzt, 20 waren es in der anderen Gruppe - einer starb. Auch Straftaten gab es bei Teilnehmern mit ärztlicher Beratung offenbar seltener: 16 dieser jungen Menschen wurden verhaftet, 26 waren es in der Kontrollgruppe.

Lesen Sie dazu auch:
Alkohol schwächt die Potenz - das macht auf Jugendliche Eindruck

FAZIT

Hausärzte können durch kurze Gespräche Patienten dazu bewegen, weniger Alkohol zu trinken. Dies haben inzwischen viele Studien ergeben. Auch junge Erwachsene hören auf ihre Ärzte und drosseln ihren Alkoholkonsum zum Teil deutlich. Bei jungen Menschen sind Unfälle mit Alkoholbeteiligung die häufigste Todesursache. Ein Arztgespräch zum Thema Alkohol kann daher Leben retten.

 

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