Ärzte Zeitung, 25.11.2004

IM GESPRÄCH

Wo Menschen und Tiere dicht zusammenleben, werden immer wieder gefährliche Erreger entstehen

Von Wolfgang Geissel

Professor Reinhard Kurth: Neuartigen Infektionskrankheiten sind wir nicht schutzlos ausgeliefert. Ausbrüche lassen sich rasch identifizieren. Foto: sbra

Als Anfang der 80er Jahre mit Aids eine neuartige Infektionskrankheit erkannt wurde, setzte bei Ärzten und Wissenschaftlern ein radikales Umdenken ein. Vorangegangen waren große Erfolge im Kampf gegen Infektionserreger: Antibiotika und Impfstoffe hatten seit den 50er Jahren die Tuberkulose, Polio, Pocken, Diphtherie und weitere Erkrankungen eingedämmt. Daran hat Professor Reinhard Kurth, Präsident des Robert-Koch-Instituts, bei seinem Festvortrag zur Medica-Eröffnung in Düsseldorf erinnert.

Durch eine verbesserte Hygiene zum Beispiel mit Abwasserentsorgung und Trinkwasseraufbereitung hatte in Industrieländern vorher bereits die Inzidenz von Infektionskrankheiten stark abgenommen. Infektionen wurden dabei als eine immer geringere Bedrohung wahrgenommen.

HIV zeigt, daß wir weiterhin mit Epidemien rechnen müssen

Mit der Entdeckung von HIV, aber auch von weiteren neuen Infektionskrankheiten wie BSE änderte sich das Bewußtsein schlagartig. Erkannt wurde, "daß wir auch in Zukunft mit neuartigen Infektionskrankheiten rechnen müssen und Epidemien mit unbekannten oder bekannten Erregern zu erwarten sind", sagte Kurth.

«Aids ist die größte medizinische Katastrophe in der Neuzeit.»      
   

Hinzukommt, daß menschliches Handeln die Ausbreitung neuartiger oder auch bereits bekannter Infektionserreger begünstigt. Ein Beispiel ist die intensive Tierhaltung in der Landwirtschaft. So können etwa durch die gleichzeitige Aufzucht verschiedener Tierarten Viren Speziesgrenzen überwinden und dadurch auch für den Menschen gefährlich werden.

Ein Beispiel sind Influenzaviren. Bei Doppelinfektionen mit Vogelviren und Human-Viren können durch Neukombinationen der Erreger äußerst gefährliche Varianten entstehen, die sich durch aktuelle Impfstoffe nicht abwehren lassen und gegen die Menschen keine Abwehrkräfte haben.

In großen Geflügelfarmen können sich Vogel-Influenzaviren zudem schnell ausbreiten. Bei großen Ausbrüchen in mehreren asiatischen Ländern Anfang des Jahres sind dabei auch immer wieder Menschen mit dem Vogelgrippevirus H5N1 infiziert worden und 31 daran gestorben. Gerade dieses Virus macht den Virologen weltweit große Sorgen.

Kurth erinnerte daran, daß durch Übertragung von Viren aus Tieren auf den Menschen im vergangenen Jahrhundert verheerende Epidemien und Pandemien entstanden sind. So konnte bei der Asien-Grippe 1957 und bei der Hongkong-Grippe 1968 belegt werden, daß die Erreger durch Rekombination von Human- und Vogel-Influenzaviren entstanden waren. "Die nächste Influenza-Pandemie kommt wie das Amen in der Kirche - man kann nur nicht sagen wann", sagte Kurth.

Auch HI-Viren sind von Tieren auf den Menschen übertragen worden, HIV-1 von Schimpansen auf den Menschen. Vermutlich haben sich Jäger bei der Affenjagd über Hautverletzungen als erste angesteckt. Die ersten Infektionen bei Menschen hat es wahrscheinlich bereits in den 20er und 30er Jahren gegeben. Nach langsamer Ausbreitung in Zentralafrika ist HIV dann ab 1975 weltweit verbreitet worden. Gerade in Osteuropa, also nicht nur in Entwicklungsländern, nimmt die Inzidenz stetig zu. "Aids ist die größte medizinische Katastrophe der Neuzeit", so Kurth.

Wie schnell ein neuartiges Virus zu einer Bedrohung für die Menschheit werden kann, belegt die Lungenkrankheit Sars. Ausgehend von einem kleinen Infektionsherd in China hat sich das Coronavirus vergangenes Jahr in 30 Staaten ausgebreitet und zu 8400 Infektionen und mehr als 900 Todesfällen geführt.

Prävention und gute Hygiene dämmen neue Erreger ein

Kurth hatte aber auch eine positive Botschaft: "Neuartigen Infektionskrankheiten sind wir nicht schutzlos ausgeliefert." Vor allem in den Industrieländern  wird die Ausbreitung der Erreger durch Prävention und gute Hygiene wirksam eingedämmt. Sorgen bereiten den Infektiologen vor allem die Slums in den Megastädten der dritten Welt, die wegen ihrer großen Bevölkerungsdichte und mangelhaften Hygiene als mögliche Ausgangsorte neuer Epidemien angesehen werden.

In einem von der WHO koordinierten Netzwerk werden Infektionen weltweit überwacht. Ausbrüche mit neuartigen Erregern können so rasch identifiziert werden. Darüber hinaus aber müssen neue Impfstoffe und neue Therapeutika zur Behandlung von Patienten mit Infektionen entwickelt werden. "Diese müssen auch in Entwicklungsländern zur Verfügung stehen", sagte Kurth.

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