Ärzte Zeitung, 19.03.2008

HINTERGRUND

Raus aus dem Abseits - intensive Betreuung und neue Konzepte für kranke Männer

Von Christoph Fuhr

Wie können Männer mit ihren spezifischen Gesundheitsproblemen besser versorgt werden? DAK-Chef Herbert Rebscher setzt auf den Aufbau von Ärzte-Netzen für Männergesundheit - und auf gut fortgebildete Hausärzte, die diese Netze koordinieren.

 Raus aus dem Abseits - intensive Betreuung und neue Konzepte für kranke Männer

"Indianerherz kennt keinen Schmerz": Wer mit dieser in der Kindheit verinnerlichten Weisheit aus der Wertewelt Winnetous durchs Leben geht, der ist als Mann eher geneigt, Warnzeichen des eigenen Körpers zu überhören. "Männer sind einsame Streiter, müssen durch jede Wand, müssen immer weiter", hat einst der Barde Herbert Grönemeyer gesungen.

Härte zeigen, ehrgeizig sein, Stress und Angst verdrängen: Vor dem Hintergrund dieser Verhaltensmuster muss es nicht wundern, dass viele Männer Vorsorgemuffel sind und die von den Kassen angebotenen Kontrollen ignorieren. Die empfohlenen ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen wie der "Check-up 35" sind zwar mehr als 80 Prozent der Männer ein Begriff, aber nur die Hälfte hat bisher daran teilgenommen. Das hat die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) in einer repräsentativen Befragung für ihren Gesundheitsbericht 2008 ermittelt.

DAK wertet jährlich die Krankschreibungen aus

Jedes Jahr wertet die DAK die Krankschreibungen von mehr als 2,6 Millionen erwerbstätigen Mitgliedern aus. Diesmal hat sie zusätzlich eine Umfrage unter Männern initiiert, um deren Risiken und Gesundheitsverhalten zu ermitteln (wir berichteten).

Häufige Todesursache bei Frauen und Männern sind koronare Herzerkrankungen. Bei Männern treten sie im Schnitt allerdings zehn bis 15 Jahre früher auf. Im Vergleich zu Frauen sterben Männer mehr als doppelt so oft an den Folgen von Lungenkrebs und alkoholischen Leberkrankheiten. Etwa fünfmal häufiger als Frauen sind Männer zudem im vergangenen Jahr wegen Schlafstörungen in Kliniken eingeliefert worden.

Das vermeintlich starke Geschlecht, sagt die Stiftung Männergesundheit, sei allzu oft schwach. In Deutschland sterben Männer im Schnitt zwischen fünf und sechs Jahre früher als Frauen. Nicht immer sind die gesundheitlichen Unterschiede so groß gewesen wie heute. "1850 etwa war die Lebenserwartung der Geschlechter gleich", sagte Lothar Weißbach von der Deutschen Gesellschaft für Urologie bei der Vorstellung des DAK-Reports in Berlin. Erst während der Industrialisierung habe sich das Gesundheitsbewusstsein der Männer anders entwickelt als das der Frauen.

Noch sind die Gründe für die vorzeitige Männersterblichkeit nicht völlig geklärt "Ursache für die geringere Lebenserwartung sind aber nicht allein die Gene", erläutert Martin Kordt, Gesundheitsökonom bei der DAK. Außer biologisch-genetischen Faktoren seien auch Umwelt, Persönlichkeit, Erziehung und das eigene Verhalten für das Wohlergehen von Männern von großer Bedeutung.

Bemerkenswert ist, dass es den deutschen Männern aus eigener Sicht eigentlich gar nicht schlecht geht. Mit durchschnittlich elf Tagen pro Jahr sind sie 2007 immerhin einen Tag kürzer krank gewesen als Frauen. Vier von fünf Männern bezeichnen in der DAK-Studie ihren Gesundheitszustand sogar als gut bis ausgezeichnet.

Der berufliche Erfolg wird längst nicht mehr als Maßstab aller Dinge für die eigene Befindlichkeit gesehen. Für 87 Prozent ist die geistige Leistungsfähigkeit der ausschlaggebende Faktor mit Blick auf Gesundheit und Wohlergehen, dahinter folgen Energie und Lebensfreude (81 Prozent) sowie Familie und Partnerschaft (76 und 75 Prozent). Der berufliche Erfolg belegt in der Befragung nur Platz neun (54 Prozent).

Bemerkenswert viele Männer (87 Prozent) treiben nach eigenen Angaben aktiv Sport oder gehen Spazieren, zwei Drittel bemühen sich um eine gesunde Balance von Job und Privatleben. Und dennoch: Interesse und Teilnahmebereitschaft an den angebotenen Vorsorgeuntersuchungen der Kassen sind eher gering.

"Männergesundheit hängt vor allem von zwei Faktoren ab - dem männlichen Rollenbild und der sozialen Lage", sagt Anne Maria Möller-Leimkühler von der Psychiatrischen Universitätsklinik München: Je stärker sich Männer an maskulinen Klischees orientierten und je geringer ihr sozialer Status sei, desto eher erkranken sie ernsthaft.

DAK fordert mehr Forschung, Aufklärung und Beratung

Aus Sicht der DAK ist in Zukunft mehr Forschung, Aufklärung und Beratung erforderlich, um Männer-Gesundheitsprobleme offensiv anzugehen "Ärzte und Kassen müssen stärker zusammenarbeiten, um Männern Ängste und Vorbehalte zu nehmen", sagt Gesundheitsökonom Kordt. "So können Männer aktiv Lebensjahre hinzugewinnen."

Der Urologe Weißbach setzt dabei auf mehr Männerärzte. "Die meisten Frauen gehen regelmäßig zum Gynäkologen", sagt er. Bisher sei der regelmäßige Besuch einer Praxis für Andrologie allerdings selten. DAK-Chef Professor Horst Rebscher hingegen plädiert für ein anderes Konzept: Er sieht keinen Bedarf für Männerärzte, sondern fordert den Aufbau interdisziplinäre Netze für Männergesundheit. "Auf diesem Sektor muss verstärkt Fortbildung angeboten werden", sagt Rebscher. Vor allem Hausärzte sollten sich als Koordinatoren der Behandlung qualifizieren.

STICHWORT

DAK-Report

Jedes Jahr wertet die DAK die Krankschreibungen von mehr als 2,6 Millionen erwerbstätigen Mitgliedern aus. Dabei geht es um die Frage, welche Krankheiten die größte Bedeutung mit Blick auf die Statistik zur Arbeitsunfähigkeit haben. Der Krankenstand lag 2007 bei 3,2 Prozent und ist im Vergleich zum Vorjahr um 3,2 Prozent gestiegen. Zusätzlich hat die DAK in diesem Jahr eine Umfrage unter Männern initiiert, um deren Krankheitsrisiken zu ermitteln.

Das starke Geschlecht ist oft schwach.

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