Ärzte Zeitung, 07.06.2012

Fußball: Verletzungen schmälern Teamerfolg nicht

Knapp 40 Verletzungen pro 1000 Spielstunden ziehen sich deutsche Fußballspieler zu. Pro Verein kommt es dadurch zu einer Ausfallzeit von rund 1000 Tagen. Offenbar schmälern die Fehlzeiten den Mannschaftserfolg aber nicht, denn eine Korrelation ließ sich nicht feststellen.

Von Professor Christian H. Siebert

Fußball-Verletzungen: Die Muskeln leiden, aber nicht der Erfolg

Torwart Lars Unnerstall am Boden. In dieser Situation wohl nur ein geringer Trost, dass eigentlich Mittelfeldspieler am stärksten verletzungsgefährdet sind.

© Team2 / imago

Sportverletzungen kann man definieren als Folge einer einmaligen plötzlichen und unerwarteten Gewalteinwirkung im unmittelbaren Zusammenhang mit der sportlichen Tätigkeit. Beim Fußball gelten die Einsätze der Sportmediziner zu 60 bis 80 Prozent den Sportverletzungen.

Bei einer Fußballverletzung ist die Frage: Muss sie zu einer Vorstellung beim Arzt führen, muss sie eine Ausfallzeit zur Folge haben, oder zählen gar nur sportart-spezifische Verletzungen? Dafür fehlt in Deutschland eine verbindliche, Liga-übergreifende Dokumentation.

Einheitliche internationale Richtlinien wären erforderlich, um Vergleiche der Profifußballer in aller Welt zu ermöglichen. Zwar wurde 1999 die 1. und 2. Bundesliga der Männer in Island untersucht, doch ist fraglich, inwieweit deren Leistungsniveau mit dem in anderen europäischen Ländern vergleichbar ist. Die meisten Verletzungen beim Fußballer treten erwartungsgemäß beim Tackling auf.

Beim Training kam es zu 2,9 Läsionen pro 1000 Stunden

Zudem haben Forscher die amerikanische Profiliga in der 1. Saison 1996 durchleuchtet, es handelte sich um zehn Mannschaften mit jeweils 20 gemeldeten Spielern.

Hier wurden Verletzungen als "minor" definiert, wenn die Ausfallzeit weniger als eine Woche war, als "moderate", wenn sie ein bis vier Wochen Ausfallzeit mit sich brachten. Alles, was mehr als einen Monat Ausfallzeit nach sich zog, wurde als "major" eingestuft.

Die 237 Spieler absolvierten in der Saison 6.567 Spiele und 57.117 Trainingseinheiten, also insgesamt 64.000 Fußballstunden. Die Verletzungsrate (Verletzungen pro Sporteinheiten) betrug im Spielbetrieb 35,3 Verletzungen in 1000 Stunden.

Im Trainingsbetrieb war sie mit 2,9 pro 1000 Stunden deutlich geringer. 60 Prozent der Verletzungen wurden als "minor", 26 Prozent als "moderate", 14 Prozent als "major" eingestuft.

Besonders verletzungsgefährdet sind Mittelfeldspieler

Von den Spielerpositionen wiesen die Mittelfeldspieler (37,6 Prozent), gefolgt von den Verteidigern (29,6 Prozent) und Stürmern (20,5 Prozent) die höchste Verletzungsrate auf. 29 Prozent der Verletzungen traten im letzten Saisonanteil auf.

Die untere Extremität war am meisten betroffen (77 Prozent), wobei Muskelverletzungen, vor allem an Adduktoren und Ischiocruralen, mit 53 Prozent am häufigsten vorkamen.

Eine solche stringente Darstellung gibt es für die deutsche Bundesliga nicht, so dass sogar renommierte Sportmediziner auf Medieninformationen zurückgriffen. Hier wurde die Saison 2004/05 der 1. Bundesliga mit 171 Spielern in 18 Mannschaften bei 713 Pflichtspielen und 11.765 Spielstunden dargestellt.

Leider muss man die Belastbarkeit der Informationen in Frage stellen, da sie meist nicht von medizinischen Abteilungen, sondern Presseabteilungen stammen. Interessanterweise liegt aber die Rate mit 37,5 Verletzungen pro 1000 Spielstunden recht nahe den Werten in anderen Literaturquellen.

Als Ausfallzeiten wurden 997 Tagen pro Verein angegeben. Es bestand jedoch keine Korrelation zwischen den Fehlzeiten und dem Mannschaftserfolg.

FIFA dokumentiert Verletzungsraten der Nationalteams

Bei Großereignissen dokumentiert die FIFA die Verletzungsraten der Nationalkader. Durch den FIFA Medical Assessment and Research Center, der seit 1998 aktiv ist, veröffentlichten Forscher Daten nach der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland.

97 der 145 Verletzungen führten zu Ausfallzeiten. Man kam auf 68,7 Verletzungen pro 1000 Spielstunden, also 2,3 pro Spiel. Diese Quote war geringer als in Japan, sank aber 2010 weiter auf 2,0 Verletzungen pro Spiel.

Von all den erfassten internationalen Wettkämpfen hat die Weltmeisterschaft mit ihren 64 Spielen und 2112 Spielstunden in rascher Folge die höchste Verletzungsrate.

Jede dritte Verletzung betrifft die Muskulatur

Fußball-Verletzungen: Die Muskeln leiden, aber nicht der Erfolg

Spitzenreiter bei Fußballverletzungen: die Muskeln.

© Sven Simon / imago

Generell stehen Muskelverletzungen mit 31 Prozent aller gemeldeten Läsionen obenan. Diese Läsionen verursachen auch 27 Prozent der Ausfallzeiten. Man geht von 0,6 Muskelverletzungen pro Spieler und Saison aus.

Gerade die Rezidivverletzungen führen zu längeren Ausfallzeiten. Nach den Ischiocruralen (37 Prozent) und Adduktoren (23 Prozent) ist auch die Wade (13 Prozent) oft betroffen. Im Mittelpunkt stehen die Muskeln mit zweigelenkigem Verlauf mit hohem Typ II-Faseranteil. Die Verletzungshöhe ist meist am muskulotendinösen Übergang.

Hier kann durch entsprechende Trainingsgestaltung präventiv viel erreicht werden, begleitet von adäquater Flüssigkeitssubstitution und Ernährung vor, während und nach dem Spiel. Einer Publikation zufolge werden die Verletzungen am ehesten noch durch Koordinations- und Konzentrationsschwächen verursacht.

Ein anderer Autor sieht fehlende Ruhezeiten als Ursache und fordert Ruhephasen von 96 bis 120 Stunden. Begründung: Die Verletzungsrate nach sechs Tagen Pause betrug 4,1 pro 1000 Stunden, bei weniger als vier Tagen Pause schnellte sie auf 25,6 pro 1000 Stunden hoch.

Schädelhirntraumata vor allem durch Ellenbogen-Treffer

Ein Augenmerk sollte auf Schädelhirntraumata liegen. Bezogen auf die Gesamtzahl der Verletzungen wird die Kopfregion in etwa 6 Prozent der Fälle verletzt. Man kommt auf 1,7 Schädelhirnverletzungen pro 1000 Spielstunden sowie auf 0,5 wirkliche Gehirnerschütterungen pro 1000 Stunden. Am häufigsten ist es der Ellenbogen, der zum Kopf geht. Meist entstehen diese Verletzungen bei Kopfballduellen.

Damen verletzen sich doppelt so häufig wie Herren, wobei vor allem der Kreuzbandapparat und somit die Kniegelenke gefährdet sind. Bei einer Erfassung des deutschen Frauenprofifußballes in der Saison 2003/04 haben von 12 Mannschaften lediglich 9 Daten geliefert, und zwar zu 31 Spiel- und 183 Trainingsstunden.

Mit 2,2 VKB-Rupturen pro 1000 Spielstunden (6 Prozent aller Spielerinnen) sind in diesem Bereich die schwerwiegenden Verletzungen zu finden. Eine Verletzungsrate von 6,8 Verletzungen pro 1000 Stunden wurde dokumentiert.

Vorschäden und Alter erhöhen das Risiko

Als Risikofaktoren für Verletzungen werden in der Literatur vor allem Vorschäden der entsprechenden Körperregion und das Alter der Spieler genannt. Strukturelle Veränderungen in der Wirbelsäule sowie schlechte Hüftbeweglichkeit und Muskelverkürzungen erhöhen das Risiko.

Bereits 1983 wurde berichtet, dass die Verletzungsursache zu 42 Prozent bei den Spielern selbst lag, zu 17 Prozent an deren Ausrüstung und zu 24 Prozent an der Spielfläche.

Weitere 12 Prozent wurden auf das Regelwerk zurückgeführt. In Prävention und Rehabilitation hat sich der Schienbeinschoner als wertvollste Einzelmaßnahme erwiesen.

Autor Professor Christian H. Siebert von der Medizinischen Hochschule im Annastift, Hannover, ist Präsident der Sektion Sportorthopädie-Sporttraumatologie der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC).

Den vollständigen Text lesen Sie in dem Sonderheft von Springer Medizin: "UEFA Fußball Europameisterschaft 2012"

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Hüpfen und Einbeinstand halten fit

Hüpfen, Treppensteigen oder auf einem Bein Zähneputzen: Mit bewussten, einfachen Übungen können alte Menschen ihre Beweglichkeit erhöhen und die Sturzgefahr senken. mehr »

Gala mit Herz und Verstand

Mit einer festlichen Gala hat Springer Medizin pharmakologische Innovationen und ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet. Die Preisträger vermittelten Hoffnung auf Heilung und auf Hilfe, hieß es am Donnerstagabend. mehr »

Das sind die Gewinner des Galenus-von Pergamon-Preises 2017

Mit dem Galenus-von-Pergamon-Preis, der auch international große Anerkennung findet, wurden erneut Exzellenz in der deutschen pharmakologischen Grundlagenforschung und die Entwicklung innovativer Arzneimittel gekürt. mehr »