Ärzte Zeitung, 29.10.2004

HINTERGRUND

Leberzell-Verpflanzung kann Patienten mit akutem Leberversagen vor der Organtransplantation bewahren

Von Nicola Siegmund-Schultze

Professor Michael Manns aus Hannover: Auch Leberteile eignen sich als Zellquelle. Foto: sbra

Menschliche Organe für die Transplantation werden vermutlich auch in Zukunft knapp bleiben. Deshalb suchen Forscher nach Alternativen oder zumindest nach Möglichkeiten, die Wartezeit bis zur Verpflanzung zu überbrücken. Für Patienten mit stark eingeschränkter Leberfunktion werden zum Beispiel extrakorporale Ersatzverfahren erprobt.

Diese können zwar Entgiftungsfunktionen der Leber übernehmen, Syntheseleistungen der Hepatozyten lassen sich jedoch mit extrakorporalen Systemen kaum ersetzen. Eine neue Perspektive könnte die allogene Hepatozytentransplantation bieten.

Die menschlichen Leberzellen stammen von Gestorbenen

Bei Patienten mit akutem Leberversagen, als Folge einer Intoxikation etwa, kann die Übertragung fremder, also allogener Hepatozyten eine Transplantation bei manchen Patienten überflüssig machen. Denn bei ihnen besteht die Chance, daß sich die eigene Leber wieder erholt. Für Patienten mit chronischem Leberversagen könnte eine Hepatozytentransplantation die Wartezeit überbrücken oder manchem Alkoholkranken unter den Zirrhotikern die Chance eröffnen, überhaupt auf die Warteliste zu kommen. Voraussetzung ist nämlich, daß diese Patienten mindestens sechs Monate trocken sind.

Über die Anfänge klinischer Studien zur Übertragung allogener Hepatozyten hat Professor Michael Manns bei der Jahrestagung der Deutschen Transplantationsgesellschaft in Kiel berichtet. Manns leitet die Abteilung Gastroenterologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

  Pro Injektion werden fünf Milliarden Zellen verabreicht.

Die Leberzellen humanen Ursprungs stammen von gestorbenen Spendern, deren Organe zur Transplantation vorgesehen waren, sich aber dann als ungeeignet erwiesen haben. Auch Leberteile von Split-Lebern gestorbener Spender eigneten sich grundsätzlich, sagte Manns. Deshalb sehen die Forscher in der Hepatozytentransplantation auch eine Möglichkeit, Organe möglichst optimal für leberkranke Patienten zu nutzen.

In Deutschland werden die Programme zur Erforschung der Übertragung allogener Hepatozyten in enger Zusammenarbeit mit der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) entwickelt, da die DSO die Organspende nach dem Tode koordiniert.

Die Aufbereitung und Verwendung der Hepatozyten erfolge nach GMP-Kriterien und unterliege dem Deutschen Arzneimittelgesetz, dennoch müßten nach derzeitiger Einschätzung von Juristen die Spender oder deren Angehörige der Verwendung zugestimmt haben, sagte Manns.

Eine Hepatozytenmenge von etwa fünf Prozent der Leberzellmasse eines Patienten sei für die Behandlung nötig, so der Gastroenterologe. Dies entspreche etwa fünf Milliarden Hepatozyten pro Injektion. Die Zellen werden extern aufbereitet, die MHH arbeitet dazu mit dem Unternehmen Cytonet zusammen.

Um die Sicherheit der Methode zu untersuchen, hat das Team um Manns sieben Patienten mit alkoholbedingter Leberzirrhose im fortgeschrittenen Stadium behandelt. Den Probanden wurden dreimal Leberzellen durch die Haut intraperitoneal injiziert. "Die Zellen wandern zwar vom Peritoneum nicht in die Leber", erläuterte Manns im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". "Aber sie bilden im Peritoneum offenbar Gerinnungsfaktoren und Albumin, allerdings vermutlich keine Gallenflüssigkeit." Ein Patient sei kurz nach der Behandlung an den Komplikationen der alkoholischen Zirrhose gestorben, die übrigen hätten längere Zeit überlebt und möglicherweise von der Behandlung profitiert.

Einer 64jährigen Frau mit akutem Leberversagen nach Intoxikation und Enzephalopathie konnte die Arbeitsgruppe um Manns in einem individuellen Heilversuch helfen. Ihr wurden die Zellen über die Pfortader injiziert, eine andere Applikationsart. Von der Pfortader gelangen die Zellen direkt in die Leber. Ammoniak- und Bilirubinwerte sanken bei der Patientin, sie erholte sich und konnte von der Warteliste zur Lebertransplantation genommen werden.

Grundsätzlich sei die allogene Hepatozytentransplantation ein erfolgversprechender neuer Ansatz, so der Forscher, möglicherweise auch für Patienten mit genetisch bedingten Lebererkrankungen wie Alpha-1-Antitrypsinmangel oder Crigler-Najjar-Syndrom.

Allerdings ist es in einer Studie von Dr. Ira J. Fox aus Omaha in den USA lediglich mittelfristig zu einer Besserung der Symptome bei Patienten Crigler-Najjar-Syndom gekommen. Noch gebe es allerdings viele Fragen zu klären, sagte Manns, zum Beispiel, wie oft und zu welchen Zeitpunkten die Hepatozyteninjektionen erfolgen müßten und welche Zellmengen optimal seien.

FAZIT

Die allogene Hepatozytentransplantation könnte sich zu einer neuen Therapieform für Patienten mit akutem oder chronischem Leberversagen entwickeln. Auch angeborene Lebererkrankungen würden grundsätzlich zu den Indikationen gehören. Bei akutem Leberversagen kann eine solche Transplantation sogar eine Organübertragung überflüssig machen, da sich die Leber möglicherweise wieder vollständig erholt. Bei chronischem Leberversagen ließe sich die Wartezeit bis zur Transplantation überbrücken. Bislang gibt es nur kleinere Studien und einzelne Heilversuche: Sie sind jedoch erfolgversprechend. Würde sich die Methode bewähren, ließen sich die vorhandenen Organe besser nutzen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Juristische Grauzonen

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