Ärzte Zeitung, 13.10.2005

Ärztin: "Ein Strom des Leids ergoß sich über uns"

BENSHEIM (ag). Die deutsche Ärztin Dr. Chris Schmotzer arbeitet in einem Krankenhaus der Christoffel-Blindenmission (CBM) in Pakistan. Nach dem Erdbeben am Samstag ist sie noch am Abend mit einem Team und medizinischen Material in den Kaschmir aufgebrochen, um vor allem im Leprahospital in der total zerstörten Stadt Balakot zu helfen. Hier ihr Bericht aus dem Kaschmir:

Im Kaschmir: die deutsche Ärztin Dr. Chris Schmotzer. Foto: CBM

"Um es kurz zu machen: Balakot gibt es praktisch nicht mehr, man sah nur zusammengebrochene Häuser, Menschen, die schlotternd vor Kälte in den Feldern saßen, und Verletzte und Tote.

Weinend wurden wir von Kindern der Patientenfamilien empfangen, alle hatten Angehörige verloren oder suchten noch nach Vermißten. Es gab weder Strom noch Wasser noch Telefonverbindungen. Wir waren offensichtlich das erste Team, das es dorthin geschafft hatte.

Da es den ganzen Tag noch Nachbeben gab, machten wir in der Hospitaleinfahrt ein "Behandlungszentrum" auf. Von den Gebäuden des Hospitals steht fast nichts mehr. Ein Schrank aus den Trümmern wurde mein Schreibtisch, Türen auf Steinen ergaben die Behandlungstische.

Bald fing der Ansturm der Verletzten an... Ein Strom des Leids ergoß sich über uns, Menschen starben vor unseren Augen, und viele waren so im Schock, daß sie zu keinen klaren Gedanken fähig waren, geschweige denn, uns zu helfen.

Die meisten Verletzten hatten tiefe, dreckige Wunden und Knochenbrüche aller Schweregrade und Lokalisationen. Leider sah ich auch zwei Kinder, die wohl in der Nacht erfroren sind, ohne größere Verletzungen gehabt zu haben."

Lesen Sie dazu auch:
Warnung vor Seuchen im Erdbebengebiet

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