Ärzte Zeitung, 06.02.2006

Harsche Vorwürfe nach Schiffs-Katastrophe

Rund 400 Menschen beim Fährunglück gerettet / Etwa 1000 Tote / Schwere Kritik an Rettungsteams

KAIRO/SAFAGA (dpa). Nach der Schiffs-Katastrophe im Roten Meer mit vermutlich 1000 Toten haben Überlebende schwere Vorwürfe gegen die Besatzung und Rettungsteams erhoben. Verzweifelte Angehörige von Vermissten lieferten sich gestern und auch schon am Samstag vor dem Hafengelände der Stadt Safaga gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Der Katatstrophe entronnen: Ein Boot mit Geretteten des Fährunglücks legt im Hafen von Safaga an. Foto: dpa

Als Ursache des Untergangs der 36 Jahre alten Fähre "Al Salam Boccaccio 98" wurde ein Feuer vermutet. Die italienische Lizenz-Gesellschaft RINA, die das Schiff 2005 überprüft hatte, geriet in die Kritik. Nach offiziellen Angaben konnten bis gestern etwa 400 der insgesamt 1414 Menschen an Bord gerettet werden. Für die rund 1000 Vermissten bestanden nur noch geringe Chancen, im etwa 20 Grad warmen Wasser zu überleben.

Es gab zu wenig Rettungsboote

Nicht alle Passagiere hätten Schwimmwesten erhalten, sagten Ägypter, die sich im Krankenhaus von Safaga von dem Unglück erholten. Es habe zu wenige aufblasbare Rettungsboote an Bord gegeben, und die Küstenwache sei erst rund zwölf Stunden nach Ausbruch eines Feuers am Unglücksort eingetroffen.

Von den Überlebenden, die an Land gebracht wurden, waren viele unterkühlt. Einige standen unter Schock. Sie wurden in Decken gehüllt. Viele kamen in Krankenhäuser. Die Fähre, die Freitag in Safaga hätte ankommen sollen, sank 90 Kilometer vor dem Zielhafen. Außer in Safaga forderten auch in dem Urlaubsort Hurghada Angehörige der Vermißten Gewißheit über das Schicksal ihrer Verwandten.

Gegen die Proteste wütender Angehöriger setzte die Polizei auch Tränengas ein. Augenzeugen berichteten, verzweifelte Ägypter hätten die Polizisten zuvor mit Steinen beworfen. Die Schlägerei vor dem Hafengelände in Safaga endete, nachdem Behördenvertreter gesagt hatten, daß es zahlreiche Überlebende gebe, die von ihren Verwandten bald besucht werden dürften.

Der ägyptische Präsident Mubarak erklärte, die Angehörigen von Toten sollten jeweils 30 000 ägyptische Pfund (rund 4350 Euro) erhalten. Der Staat werde zudem jedem Überlebenden 15 000 Pfund auszahlen, berichtete die ägyptische Nachrichtenagentur MENA. Mubarak und Ministerpräsident Ahmed Nazif besuchten am Samstag Verletzte in Krankenhäusern in Safaga und in Hurghada.

Wie Überlebende berichteten, brach am Donnerstagabend, etwa eineinhalb Stunden nachdem die Fähre den saudiarabischen Hafen Dhiba verlassen hatte, unten im Schiff ein Feuer aus. Die Passagiere liefen auf das oberste Deck und warteten dort etwa vier Stunden. Dann begann das Schiff langsam zu sinken. Das Wasser des Meeres löschte den Brand, während die Fähre leicht zu einer Seite kippte. In Panik liefen die Passagiere zur anderen Seite, doch dann sank das Schiff noch weiter, bis es schließlich völlig unter der Wasseroberfläche verschwand.

Einige Menschen, die Schwimmwesten ergattert hatten, sprangen ins Meer, andere schafften es, sich auf die aufblasbaren Boote der Fähre zu retten. Viele ertranken. "Die Wellen waren hoch, und das Wasser war kalt, aber es gab keinen Sturm", sagte ein Ägypter, den die Küstenwache am Freitag von einem Rettungsboot geholt hatte.

Unklar war weiter, was den Brand an Bord des Schiffes ausgelöst hatte. Einige Überlebende berichteten, das Feuer sei auf dem Autodeck entstanden, andere erzählten, die Flammen hätten aus der Maschine geschlagen. Wieder andere sagten, Reisende hätten mit Gaskochern an Bord Essen zubereitet.

Namen der Überlebenden im Fernsehen verlesen

In Italien geriet die Lizenzierungs-Gesellschaft RINA in die Kritik. Erst im vergangenen Jahr hatte die Gesellschaft dem Schiff "Al Salam Boccaccio 98", das 1970 in Italien gebaut und 1998 nach Ägypten verkauft worden war, ein Sicherheitszertifikat ausgestellt. Die RINA hatte auch den im Dezember 1999 vor Frankreich zerborstenen Öltanker "Erika" geprüft und zertifiziert.

Im ägyptischen Fernsehen und im Hafen von Safaga wurden am Samstag die Namen der Überlebenden verlesen.

Unter den Passagieren waren 1200 Ägypter, 100 Saudis, 96 Besatzungsmitglieder sowie je ein Reisender aus Kanada, Indonesien, den Philippinen. Die restlichen Passagiere kamen aus anderen arabischen Staaten.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Tumorpatienten bei Schmerztherapie unterversorgt

Viele Krebskranke erhalten keine adäquate Schmerztherapie. Das hat eine erste Analyse der Online-Befragung "PraxisUmfrage Tumorschmerz" ergeben. mehr »

ADHS-Arznei lindert Apathie bei Alzheimer

Eine Therapie mit Methylphenidat kann die Apathie bei Männern mit leichter Alzheimerdemenz deutlich zurückdrängen. mehr »

Zehn Jahre "jünger" durch Sport

Wer Sport treibt, ist motorisch gesehen im Schnitt zehn Jahre jünger als ein Bewegungsmuffel. mehr »