Ärzte Zeitung, 14.05.2007

Chirurgen gelingt transvaginale Gallenblasen-Op

Weiterentwicklung der minimal-invasiven Chirurgie / Kollegen stellen Vorteile des narbenfreien Eingriffs infrage

STRASBOURG (skh). Weder offene noch laparoskopische, sondern endoluminale Chirurgie - erstmals weltweit hat ein französisches Ärzteteam einer Patientin in einer narbenfreien Operation die Gallenblase entfernt. Der Eingriff erfolgte mit einem Endoskop durch die Scheide der Patientin.

Als Zugang zur Bauchhöhle wählte Professor Jacques Marescaux von der Universitätsklinik Strasbourg einen Schnitt im hinteren Scheidengewölbe. Die einzige äußere Hautinzision war ein zwei Millimeter durchmessender Zugang für ein Kamerasystem, über das der Einschnitt in die Scheidenwand kontrolliert wurde.

Patientin hatte nach dem Eingriff keine Schmerzen

Das Team aus Chirurgen, Gastroenterologen und Gynäkologen führte das Endoskop dann durch die Bauchhöhle zwischen Magen und Leber hindurch an die Gallenblase heran. Die Operation verlief ohne Komplikationen. "Erstaunlicherweise hatte die Patientin nach dem Eingriff keine Schmerzen", sagte Marescaux zur "Ärzte Zeitung". Die 30-Jährige wurde nach einer 48-stündigen Überwachungsphase nach Hause entlassen.

Für Marescaux, der in Tierexperimenten auch mit Eingriffen über einen transgastrischen Zugang Erfahrungen gemacht hat, sind endoluminale Operationstechniken eine logische Weiterentwicklung der minimal-invasiven Chirurgie. So würden künftig etwa bei Appendektomien oder bei einer Resektion von benignen Lebertumoren bei den Patienten nicht einmal mehr kleine Narben entstehen.

Privatdozent Jürgen Zieren, Oberarzt an der Charité mit dem Schwerpunktgebiet minimal-invasive Chirurgie sieht das neue Verfahren dagegen kritisch: Ein Zugang in die Bauchhöhle über ein bakteriell besiedeltes Organ wie die Scheide oder den Magen berge ein hohes Komplikationsrisiko etwa für Peritonitiden, so Zieren. Zudem seien schon heute die Narben nach einer modernen Laparoskopie extrem klein und nach ein bis zwei Jahren kaum noch sichtbar. Lediglich in Ausnahmen etwa bei Patienten, für die Narben an der Bauchdecke aus beruflichen Gründen nicht akzeptabel sind, könnte das Verfahren eine Option sein, vermutet Zieren.

Weitere Informationen über endoluminale Techniken in der Chirurgie unter: www.ircad.org oder unter www.websurg.com

STICHWORT

Endoluminale Chirurgie

Bei der endoluminalen Chirurgie nutzen Chirurgen die natürlichen Körperöffnungen, um von deren Lumen aus per Endoskop an inneren Organen zu operieren. Tierexperimentelle Studien zu den verschiedenen Verfahren begannen bereits 2004. Erprobt werden endoluminale Eingriffe etwa an Appendix oder Gallenblase über transgastrische und transcolische Zugänge. Eine transvaginale Operation wurde bislang bei Patienten nur einmal von US-Kollegen vorgenommen, diese aber unter laparoskopischer Kontrolle. (skh)

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