Ärzte Zeitung online, 16.09.2008

Transfusionsmediziner befürchten künftig immensen Mangel an Blut

DÜSSELDORF (dpa). Einen immensen Mangel an Blutprodukten zur Patientenversorgung befürchten Transfusionsmediziner in den nächsten Jahren. Laut einer Studie von Wissenschaftlern der Universität Greifswald fehlen in etwa fünf Jahren rund 40 Prozent des benötigten Blutes.

Dem wegen der zunehmenden Alterung der Gesellschaft enorm ansteigenden Blutbedarf stehe eine stark sinkende Spendenbereitschaft jüngerer Menschen gegenüber. Darauf wies Professor Rüdiger E. Scharf, Direktor des Instituts für Transfusionsmedizin der Universität Düsseldorf, am Dienstag zu Beginn der Jahrestagung Europäischer Transfusionsmediziner in Düsseldorf hin.

Die Blutgewinnung aus Stammzellen mache "beeindruckende" wissenschaftliche Fortschritte, sagte Kongress-Präsident Scharf: "Es wird wahrscheinlich eine Perspektive für die Zukunft sein, es ist aber noch Zukunftsmusik."

Transfusionsmediziner spricht sich für Lockerung des Spender-Höchstalters aus

Um die Blutversorgung zu verbessern, sprach sich der Düsseldorfer Transfusionsmediziner für eine Lockerung des jetzt auf 68 Jahre festgelegten Spender-Höchstalters aus. "Jede kalendarische Festlegung ist willkürlich", sagte Scharf. Hier sollte die Feststellung einer individuellen Altersgrenze nach oben dem verantwortlichen Arzt überlassen werden. Dies müsse aber genauso "gesellschaftlich-politisch" diskutiert werden, wie eine mögliche Lockerung der in Deutschland besonders strikten Gesundheitsvorschriften für die Spender.

An der Uniklinik Düsseldorf würden bis zu 20 Prozent möglicher Spender aufgrund der Gesetzeslage abgewiesen. Für Gesunde gelte die Maxime: "Blutspenden ist wie Joggen fürs Knochenmark".

Niemand weiß, warum die Mitte-30-Jährigen so wenig spendebereit sind

Keinerlei gesicherte Erkenntnisse gebe es darüber, warum die Spendenbereitschaft der Generation, die jetzt Mitte 30 sei, so stark nachlasse, sagte der Blutexperte. Vermutlich seien es andere persönliche Wertvorstellungen als bei älteren Menschen. "Wir müssen Gesunde dazu bekommen, an Krankheit zu denken, das ist sehr schwer." Selbst Mediziner hätten eine schlechte Blutspende-Moral, erklärte Scharf: "Mir haben gestandene Männer unter unseren Chirurgen gesagt, sie hätten Angst vor der Nadel."

An der Jahrestagung in Düsseldorf nehmen bis zum 19. September rund 1200 Transfusionsmediziner aus mehreren europäischen Ländern teil. Dabei soll über die Therapie erhöhter Thrombose-Neigung bei Schwangeren ebenso diskutiert werden, wie über Stammzell-Biologie, die Körperabwehr bei Infektionen oder über Blutwäsche.

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