Ärzte Zeitung, 18.02.2005

Das erste Mal - und plötzlich bleibt die Regel aus

In Deutschland werden immer mehr Teenies schwanger - jedes Jahr um die 13 000 / Aufklärung ist oft lebensfern

BERLIN (ddp). Sie schwärmen für Brad Pitt, Britney Spears oder Robbie Williams. Bis zur Mittleren Reife haben sie noch ein oder zwei Jahre - dann bleibt die Regel aus. Etwa 13 000 Teenager werden in Deutschland jedes Jahr schwanger. Während die Zahl der Geburten insgesamt seit langem rückläufig ist (1999: 785 000, 2003: 706 700), steigt die Zahl der minderjährigen Eltern kontinuierlich.

Eine junge Mutter mit ihrem Neugeborenen. Teenager aus sozial schwachen Familien geraten durch eine Schwangerschaft häufig in eine Armutsspirale. Foto: dpa

1999 brachten 4740 Kinder Kinder zur Welt, 2003 waren es 5131. Aber auch die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bei Minderjährigen steigt entgegen dem allgemeinen Trend - von 5733 im Jahr 1999 auf 7645 im Jahr 2003.

Die Gründe dafür, daß Mädchen schon mit 14, 15 Jahren schwanger werden, sind vielfältig. Gisela Gille, Vorsitzende der Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau (AGGF), sieht Schüchternheit dafür ebenso als Ursache wie "eine brisante Mischung aus jugendlicher Risikobereitschaft und mangelnder Fähigkeit zu vorausschauendem Planen und Handeln" sowie Alkohol- und Drogenkonsum.

Den Hauptgrund sieht die Frauenärztin aber ebenso wie die meisten Experten in der Aufklärung. An Angeboten mangelt es heute kaum. Es sei jedoch "fraglich, ob vieles, was als Aufklärung gilt, tatsächlich zu einem selbstbewußten und kompetenten Umgang mit Sexualität beiträgt".

Aufklärungsunterricht ist vielen Teenies zu langweilig

Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Danach wird der Aufklärungsunterricht häufig als uninteressant und lebensfern empfunden.

Die Entscheidung für oder gegen ein Kind stellt Teenager vor große Probleme - die auch mit der Entscheidung für das Baby nicht unbedingt kleiner werden. Häufig will oder muß die kindliche Mutter selbst noch betreut und versorgt werden. Eigene Entwicklungsverzögerungen gibt sie an ihr Kind weiter, wissen Experten.

Zudem drohe Teenager-Müttern soziale "Ausgrenzung", sagt Regine Wlassitschau vom Bundesverband der ProFamilia. Sie könnten oft kein "normales" Leben als Jugendliche mehr führen, keine Freunde mehr treffen oder ausgehen - und die Schule nicht weiter besuchen.

Entscheidung oft gegen das Kind und für die Ausbildung

Vor allem schwangere Teenager aus sozial stärkeren Schichten entschieden sich daher oft für eine Abtreibung und die weitere Ausbildung, berichten Beratungseinrichtungen. Verläßliche Studien zu den Kontexten von jungen Müttern und Abtreibungen gibt es bisher nicht.

Bei ProFamila geht man jedoch davon aus, daß der soziale Hintergrund sogar eine größere Rolle als die Aufklärung spielt. Vor allem Mädchen aus zerrütteten Familien erscheine das Muttersein in vielen Fällen als eine neue Perspektive, heißt es in einem Bericht des ProFamilia-Landesverbandes Nürnberg.

Viele Teenager versprächen sich vom Muttersein nicht nur einen "neuen Lebensimpuls" und einen "von der Gesellschaft anerkannten Status, der Sicherheit und Orientierung verspricht", sondern auch Geborgenheit und Liebe und eine langfristige Bindung an den Vater des Kindes, weiß man bei Casa Luna, einem Wohn- und Hilfsprojekt in Bremen. Fatalerweise gerieten die jungen Mütter, denen die berufliche Etablierung fehle, jedoch oftmals in eine Armutsspirale. Häufig seien sie viele Jahre - wenn nicht lebenslang - von Sozialhilfe abhängig.

Bessere Aufklärung ist notwendig. Da sind sich die Experten einig. Doch diese müsse sich allen Potentialen und Lebenswegen von Mädchen und Frauen zuwenden, meint Diplom-Pädagogin Barbara Wittel-Fischer. Die häufig bei der Lebensgestaltung zu beobachtende Zweiteilung von Beruf und Familie müsse aufgehoben werden, fordert sie. Schon früh sollte daher mit Mädchen (und Jungen) darüber gesprochen werden, was es bedeute, mit einem Kind oder nur für den Beruf zu leben und welche Formen sonst noch denkbar seien.

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