Ärzte Zeitung, 18.04.2006

IM GESPRÄCH

In Deutschland gibt es 30 000 Frauen mit Genitalverstümmelungen

Von Anja Krüger

Genitalverstümmelungen bei Frauen sind auch für Ärzte in Deutschland ein wichtiges Thema. Darauf weisen Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt und die Bundesärztekammer hin. Die BÄK hat Empfehlungen zum Umgang mit beschnittenen Patientinnen herausgegeben, um behandelnden Ärzten Rechtssicherheit zu geben und Kenntnisse für eine angemessene medizinische und psychologische Betreuung zu vermitteln.

Nach Schätzungen der WHO gibt es weltweit 130 Millionen Frauen, deren Genitalien verstümmelt worden sind. "Wir haben lange Zeit gedacht, daß das für uns kein Thema ist", sagte Schmidt. "Tatsächlich leben in Deutschland aber Schätzungen zufolge 30 000 Frauen, die eine Genitalverstümmelung über sich ergehen lassen mußten."

In Somalia, Mali oder dem Sudan werden mehr als 90 Prozent der jungen Frauen Opfer dieser Praktiken. In Deutschland dürfen solche Eingriffe nicht ausgeführt werden. "Ungeachtet des religiösen oder kulturellen Hintergrundes dieses Beschneidungsrituals wird ein solcher Eingriff als Körperverletzung strafrechtlich verfolgt und ist nach dem Berufsrecht zu ahnden, wenn Ärztinnen und Ärzte daran beteiligt sein sollten", sagte die Vize-Präsidentin der BÄK, Dr. Cornelia Goesmann.

Betroffene kommen meist schwanger in die Praxis

Vielen Ärzten mangele es an Erfahrung im Umgang mit Patientinnen, die Opfer einer Genitalverstümmelung sind. "Unter den Frauen, die zur Behandlung kommen, dürften vor allem schwangere Frauen sein, die eine Eröffnung der Vernarbungen unter der Geburt benötigen, und solche, die unter den erheblichen psychischen und körperlichen Folgen einer Genitalverstümmelung leiden", sagte Goesmann. Zu den chronischen Komplikationen gehören Dyspareunie, Vaginalstenose und Menorrhagie. Viele Frauen leiden an Angst, Depressionen und schweren Traumata.

Die BÄK rät Ärzten, bei betroffenen Frauen eine einfühlsame Anamnese bei Bedarf mit einer Dolmetscherin vorzunehmen und ihnen gegenüber den Terminus "Beschneidung" zu verwenden. Ärzte in Deutschland werden meistens mit der Infibulation konfrontiert, der Entfernung der ganzen oder eines Teils der äußeren Genitalien und dem Zunähen des Orificium vaginae bis auf eine minimale Öffnung.

"Verlangen Frauen mit Infibulation nach erfolgter Aufklärung die Wiederherstellung des körperlichen Zustands wie vor der Geburt, muß der Arzt die Behandlung dann ablehnen, wenn dies erkennbar zu einer gesundheitlichen Gefährdung der Frau führen würde, da diese ebenso wie eine Infibulation eine gefährliche Körperverletzung darstellt", heißt es in den Empfehlungen.

Frauenrechtsorganisation begrüßt Initiative der BÄK

Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes begrüßt die Initiative der BÄK. "Wir betrachten die Empfehlungen als ganz wichtigen Schritt", sagte Franziska Gruber von Terre des Femmes. Nach einer im vergangenen Jahr veröffentlichten Umfrage unter 500 Gynäkologen in Deutschland, die die Organisation gemeinsam mit Unicef und dem Berufsverband der Frauenärzte initiierte, besteht bei Medizinern zu diesem Thema ein großer Informationsbedarf.

"Wir sehen es als großen Fortschritt an, daß sich die Empfehlungen eindeutig dagegen aussprechen, daß Frauen reinfibuliert werden", sagte sie. "Bisher bestand unter Ärzten große Unsicherheit darüber, wie sie damit umgehen sollen."

Daten über in Deutschland vorgenommene Genitalverstümmelungen liegen nicht vor. "Wir gehen davon aus, daß die meisten Mädchen dadurch gefährdet sind, daß die Eltern sie in ihrer Heimat genitalverstümmeln lassen wollen", sagte Gruber. Bei der Umfrage berichteten 7,1 Prozent der Ärzte von Kontakten zu Patienten, die eine Beschneidung der Töchter im Herkunftsland planen.

"Wir begrüßen sehr, daß die Prävention in den Empfehlungen einen großen Stellenwert hat", sagte sie. So werden Ärzte aufgefordert, die Geburt eines Mädchens zum Anlaß für ein Aufklärungsgespräch mit den Eltern zu nutzen, wenn die Mutter beschnitten ist. Terre des Femmes hat eine mehrsprachige Aufklärungsbroschüre herausgegeben, die Ärzte in ihren Praxen auslegen können. Sie kann kostenlos unter genetialverstuemmelung@frauenrechte.de angefordert werden.

Die Organisation fordert weitere Maßnahmen. "Das Thema muß in die medizinische Aus- und Weiterbildung aufgenommen werden", sagte Gruber. Außerdem müßten Beratungsangebote für betroffene Frauen und Mädchen ausgebaut werden.

Die Empfehlungen der Bundesärztekammer finden Sie im Internet unter www.bundesaerztekammer.de/30/Richtlinien/Empfidx/Genitalverstuemmelung.html

FAZIT

In Deutschland leben Schätzungen zufolge 30 000 Frauen mit Genitalverstümmelungen. Konfrontiert werden Ärzte mit solchen Patientinnen vor allem dann, wenn diese schwanger in die Praxis kommen. Vielen Ärzten mangelt es an Erfahrung im Umgang mit Patientinnen, die Opfer einer Genitalverstümmelung geworden sind. Für sie hat die Bundesärztekammer spezielle Empfehlungen entwickelt. Der Aufklärung und Information kommen bei der Behandlung der betroffenen Frauen besondere Bedeutung zu.

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