Ärzte Zeitung online, 15.06.2010

Ärzte: Frühchen in Spezialzentren entbinden

BERLIN (dpa). Kleine Frühgeborene haben nach Auffassung von Ärzten bessere Überlebenschancen, wenn sie in größeren Spezialkliniken entbunden werden. Nur in einem Teil der derzeitigen sogenannten Level-1-Perinatalzentren sei die Erfahrung der Mediziner durch die hohen Fallzahlen groß genug, betonten Experten bei einem Fachgespräch in Berlin.

"Im Ranking der OECD-Staaten liegt Deutschland bei seiner Neugeborenen-Sterblichkeit nur auf Rang 12 von 22", sagte Professor Christian Poets (Universität Tübingen). Die Routine und Erfahrung von Ärzten und Pflegern sowie die optimale Ausstattung stünden in direktem Zusammenhang mit den Überlebenschancen der Frühchen, betonte der Elternverband "Das frühgeborene Kind". Bislang dürfen Kliniken Frühchen mit weniger als 1250 Gramm Geburtsgewicht nur versorgen, wenn sie mindestens 14 solcher sehr frühen Geburten pro Jahr nachweisen können.

Eine Studie der AOK kommt zu dem Ergebnis, dass eine Beschränkung auf Zentren mit mindestens 31 solcher Geburten pro Jahr bundesweit 91 Mini-Frühchen das Leben retten würde. Würden nur Zentren zugelassen, die mindestens 49 dieser Geburten pro Jahr vorweisen können, könnten demnach sogar 110 Todesfälle verhindert werden.

Am Donnerstag will der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, Krankenhäusern und Kassen nach jahrelanger Debatte über die sogenannte Mindestmengenregelung für die Versorgung von Frühchen mit weniger als 1250 Gramm Geburtsgewicht entscheiden. Derzeit stufen sich in Deutschland 140 Perinatalzentren als Level-1-Einrichtung ein. Bei einer Mindestmenge von 50 Geburten sehr leichter Frühchen blieben nur noch 65 Kliniken übrig, erläuterte AOK-Experte Günther Heller. Dagegen wehrt sich die Deutsche Krankenhausgesellschaft, die mehr Level-1-Zentren erhalten will. Ihr Argument: Längere Anfahrtswege zu den Kliniken würde die Gefahr für die Kinder erhöhen.

Zahlen aus Portugal oder Finnland, wo die Versorgung kleiner Frühchen zentralisiert wurde, widerlegten dies, kontern die Kritiker. Sie werfen den Krankenhäusern vor, die Änderung aus wirtschaftlichen Interessen abzulehnen. Für eine solche Frühgeburt könnten bis zu 130 000 Euro abgerechnet werden. "Zu viele Kinderspitäler finanzieren sich durch Frühgeborene", kritisierte Charité-Direktor Professor Christoph Bührer.

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