Ärzte Zeitung, 21.12.2016
 

Forschung

Hilft Plazenta essen der Gesundheit?

Als Argument für die Plazentophagie wird das gut verfügbare Eisen im Mutterkuchen angeführt, mit dem sich die Eisenspeicher der Mütter rasch auffüllen lassen sollen. Ob das zutrifft, wurde nun erstmals untersucht.

Von Dagmar Kraus

LAS VEGAS. Für die meisten ist die Vorstellung, die eigene Plazenta zu verspeisen, wohl einfach nur eklig. Die Anhänger der Plazentophagie hingegen sehen das als das Natürlichste der Welt an, tun dies doch fast alle Säugetiere.

Schließlich habe der Mutterkuchen eine ganze Reihe positiver gesundheitlicher Effekte: Nicht nur Depressionen soll er vorbeugen, auch die körperliche Regeneration soll er fördern und vor allem die leeren Eisenspeicher rasch wieder auffüllen. Tatsächlich bewiesen ist davon allerdings nichts.

US-amerikanische Wissenschaftler haben sich nun des Themas angenommen und den Effekt der Plazentophagie speziell auf den Eisenstatus randomisiert, doppelblind und placebokontrolliert untersucht (Journal of Midwifery & Women´s Health 2016, online 3. November).

Bei insgesamt 23 gesunden Frauen mit einer normal verlaufenden Schwangerschaft hatten die Mediziner viermal den Eisenstatus anhand der Parameter Hämoglobin, Transferrin und Ferritin bestimmt: das erste Mal in der 36. Schwangerschaftswoche, dann innerhalb von 96 Stunden nach der Geburt, danach zwischen dem fünften und siebten Tag post partum sowie in der dritten Woche nach der Entbindung.

Plazentakapsel oder Placebokapsel

Die Probandinnen wurden angehalten, ausreichend Eisen mit der Nahrung aufzunehmen, und sollten außerdem im Anschluss an die Entbindung 20 Tage lang entweder Plazentakapseln oder Placebokapseln, die das Biofleisch von Weiderindern enthielten, schlucken: Am ersten bis vierten Tag dreimal täglich zwei Kapseln mit 550 mg Inhalt, am fünften bis zwölften Tag zweimal täglich zwei 550-mg-Kapseln und weitere acht Tage einmal täglich zwei Kapseln.

Mit einem Hb-Wert unter 11,0 g/dl waren 5 der 23 Frauen in der 36. Schwangerschaftswoche anämisch. Erwartungsgemäß sank der Eisengehalt gemessen als Hämoglobinkonzentration unmittelbar nach der Geburt, um sich innerhalb von sieben Tagen wieder zu erholen.

Auch das Serum- oder Plasmaferritin stieg – wie zu erwarten – am Ende der ersten Woche nach der Entbindung. Die Transferrinwerten hingegen stiegen unmittelbar nach der Geburt als Antwort auf den Eisenverlust, um in den folgenden acht Wochen parallel zu den steigenden Eisenwerten wieder zu fallen.

Kein relevanter Unterschied

Ein statistisch relevanter Unterschied zwischen der Plazenta- und der Placebogruppe war dabei nicht festzustellen, weder für den Parameter Hämoglobin noch für Ferritin oder Transferrin. Und das obwohl der durchschnittlich gemessene Eisengehalt in den Plazentakapseln mit 0,664 mg/g höher war als in den Placebokapseln mit 0,093 mg/g.

Mit dieser Studie werde wohl zum ersten Mal der oft zitierte potenzielle Nutzen der Plazentophagie im Hinblick auf den Eisenstatus wissenschaftlich fundiert überprüft, betonen die Studienautoren.

Die Plazentaeinnahme habe im Vergleich zu Placebo den Eisenstatus weder verbessert noch verschlechtert. Ein postpartales Eisendefizit lasse sich somit mit Plazentakapseln nicht ausgleichen, so ihr Resümee.

[08.01.2017, 11:30:37]
Thomas Georg Schätzler 
Ausführlich zur Plazento-Phagie ...
"Promis wie Kim und Kourtney Kardashian haben mit ihrer Ankündigung, die eigene Plazenta zu essen, einen regelrechten Trend ausgelöst. Von Plazentophagie sprechen Experten, wenn jemand seinen Mutterkuchen verspeist."
http://m.baby-und-familie.de/Geburt/Plazenta-essen-Eklig-oder-gar-gesund-509057.html

"Studienüberblick - Nein, Sie müssen Ihre Plazenta nicht essen - Roh, gekocht oder gemahlen und in Kapseln verpackt? Vor allem in den USA ist es ein Trend, dass Mütter die eigene Plazenta verzehren. Die Liste der angeblichen positiven Effekte ist lang - doch Forscherinnen winken ab."
http://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/plazenta-essen-muss-nicht-sein-sagen-forscher-a-1037687.html

"Dass Eltern die Plazenta gerne nach der Geburt mit nach Hause nehmen möchten, um später darauf ein "Lebensbäumchen" zu pflanzen, ist in unseren Breitengraden durchaus nicht ungewöhnlich. Auch in anderen Kulturen gibt es zahlreiche Bräuche rund um den Mutterkuchen."
http://www.t-online.de/eltern/schwangerschaft/id_51311896/mutterkuchen-woertlich-nehmen-wenn-eltern-die-plazenta-verzehren.html

"Den Anhängerinnen der Plazentophagie – so nennt man den Verzehr des Mutterkuchens – zufolge geht die Wunderliste der Dinge, die die Plazenta leistet, nach der Geburt weiter. Angeblich sorgen Pillen aus Mutterkuchen für einen rosigen Teint und gleichen den Eisenverlust des Körpers aus, sie spenden der Mutter Energie und lindern postnatale Schmerzen.
Sie sollen sogar bei der Milchbildung und gegen Depressionen helfen. Ach ja, eine gute Mutter-Kind-Bindung unterstützen sie mutmaßlich auch. Und während der Wechseljahre sollen sie den weiblichen Hormonhaushalt in Ordnung halten."
http://www.focus.de/familie/geburt/plazenta-essen-liebe-muetter-die-plazent-ist-nicht-so-gesund-wie-gedacht_id_4734803.html

"Geburtsmedizin - Der Verzehr der Plazenta – ein neuer Trend?
Eine amerikanische Psychiaterin horchte auf: Einige ihrer schwangeren Patientinnen berichteten, dass sie planten, ihren Mutterkuchen zu essen – zum Beispiel in Kapselform. Nun legt die Ärztin eine beunruhigende Studie vor." 15.07.2015, von CHRISTINA HUCKLENBROICH
http://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin-ernaehrung/die-plazenta-nach-der-geburt-essen-ein-neuer-trend-13701066.html

"Ein Stück vom guten Mutterkuchen? 22.12.2016
Ist es sinnvoll, die Plazenta zu verspeisen? Plazentophagie ist Gegenstand einer aktuellen Studie aus den USA. Das angeblich gut verfügbare Eisen im Mutterkuchen kann die Eisenspeicher der Mütter mit dieser Sonderform des postpartalen Kannibalismus schneller wieder auffüllen, heißt es."
http://news.doccheck.com/de/blog/post/5292-ein-stueck-vom-guten-mutterkuchen/

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[21.12.2016, 14:02:56]
Thomas Georg Schätzler 
Spezielle Form von Kannibalismus? - Eine Glosse!
Wer jemals auf einem Bauernhof die Spontangeburt eines Säugetieres mitbekommen hat, wird dabei unschwer festgestellt haben, das die Nachgeburt (Plazenta) n i c h t vom entkräfteten Muttertier selbst, sondern von den umherstreunenden, hungrigen Karnivoren in Haus und Hof weggefressen wird. Vegan bzw. vegetarisch lebende Milch-Tiere werden wohl kaum Appetit auf Plazentae haben bzw. Eier-Leger werden von den aggressiveren Fleischfressern verscheucht.

Insofern ist "Effects of Human Maternal Placentophagy on Maternal Postpartum Iron Status: A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled Pilot Study" von Laura K. Gryder et al. im Journal of Midwifery & Women’s Health publiziert (DOI: 10.1111/jmwh.12549) nichts weiter als eine irregeleitete Forschungsfantasie.

Damit werden Zurück-zur-Natur-Wünsche von "Yuppies" (young urban professionals) bedient, die mangels ausreichender körperlicher Fitness und Willenskraft doch keine Spontane-, Unterwasser-, Sanfte- oder Kopfstand-Geburten zu Stande gebracht haben. Das durch den damit erforderlichen Kaiserschnitt (Sectio caesarea) fehlende authentische Geburtserlebnis soll dann über den scheinbar gesunden Gourmet-Genuss der eigenen Plazenta nachgeholt oder überkompensiert werden?

Bereichert durch die waghalsige Plazenta-Grenzerfahrung, inspiriert durch diese Sonderform des Kannibalismus und gestärkt durch ein Wildnis-Abenteuer der an der Plazenta nagenden Sippe („survival of the fittest“) kann man dann wieder beruhigt per Auto und Aufzug in die nach Feng Shui Prinzipien ausgerichtete Welt der klimatisierten Bürotürme zurückkehren und dort authentische Back- bzw. Kochrezepte unter Verwendung von frischer Muttermilch mit den anderen, aus dem Mutterschutz zurückkehrenden Kolleginnen austauschen?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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