Ärzte Zeitung, 13.04.2005

"Sensible Gratwanderung": Kongreß über Kriegskindheit

Morgen beginnt der Kongreß in Frankfurt/Main

FRANKFURT/MAIN (dpa). Die 70jährige Hessin kam bei einem Auffahrunfall mit einem Schleudertrauma davon. Doch danach quälten sie plötzlich massive Angstzustände. Dabei tauchte die Erinnerung an eine Bahnfahrt am Ende des Zweiten Weltkriegs auf.

Die damals Neunjährige mußte auf ihre kleine Schwester aufpassen, als der Zug auf einer Brücke hoch über dem Nord-Ostsee-Kanal von englischen Tieffliegern mit Maschinengewehr-Salven durchlöchert wurde.

    30 Prozent der Generation der Kriegskinder leiden noch.
   

Um solche Kriegserfahrungen von Kindern - wie sie der Kasseler Psychoanalytiker Hartmut Radebold schildert - und die langfristigen Folgen geht es bei einem internationalen Kongreß an der Frankfurter Universität, der morgen beginnt.

"Die Generation der Kriegskinder und ihre Botschaft für Europa 60 Jahre nach Kriegsende" lautet das Thema, das Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen drei Tage lang erstmals in Deutschland beleuchten. Die Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt, Marianne Leuzinger-Bohleber, nennt es eine "sensible Gratwanderung", das Thema in die öffentliche Diskussion zu bringen, ohne die Holocaust-Erinnerungskultur zu relativieren.

Nach Schätzungen Radebolds, der als Nestor der deutschsprachigen Psychotherapie älterer Menschen gilt, haben etwa 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Krieg "schwerwiegend und langfristig etwas erlebt".

Dabei hat er "drei zentrale Bereiche der Beschädigung" ausgemacht: Die Erfahrungen passiver und aktiver Gewalt, Trennung und Verluste wichtiger Bezugspersonen sowie der Verlust von Heimat, Sicherheit und Geborgenheit. Bei den meisten sei es jedoch kein einzelnes Ereignis, sondern eine Kombination aus zwei bis vier.

"Das ist noch kaum richtig als Forschungsgegenstand erkannt worden, deshalb wissen wir so wenig." Allein in Deutschland seien Schätzungen zufolge etwa 2,5 Millionen Kriegskinder als Halbwaisen und noch einmal bis zu 200 000 als Vollwaisen groß geworden.

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