Ärzte Zeitung, 14.07.2005

Dement oder depressiv? Ein Kurztest hilft weiter!

Ältere haben oft gleichzeitig Depressionen und kognitive Störungen - dann ist zweigleisige Therapie nötig

BERLIN (grue). Demenz und Depressionen sind häufige psychiatrische Krankheiten im höheren Lebensalter. Sie voneinander abzugrenzen ist schwierig, zumal beide oft gemeinsam auftreten. Eine differenzierte Diagnose ist aber nötig, um die Therapie darauf abzustimmen.

Es ist gut möglich, typische Demenzsyndrome von vorübergehenden kognitiven Einbußen während einer Depression zu unterscheiden, sagte Professor Ion-George Anghelescu von der Charité Berlin auf einer Veranstaltung des Unternehmens Merz in Berlin.

Eine Depression beginne meist plötzlich, die Patienten erkennen ihren Zustand und klagen darüber, sie haben eine stabile depressive Symptomatik, aber keinerlei Orientierungsstörungen.

Eine Demenz kündigt sich dagegen meist durch langsam zunehmende Wortfindungsstörungen, Lernschwierigkeiten, Orientierungsprobleme und Patzer beim Ausführen gewohnter Tätigkeiten an.

Daß die Erkrankungen öfters verwechselt werden, liege auch daran, daß in beiden Fällen die Merkfähigkeit beeinträchtigt ist. "Ein Depressiver scheut dabei den mühevollen Prozeß des sich Erinnerns, während ein Demenz-Patient sich tatsächlich nicht erinnern kann", so Anghelescu. Auffällig sei auch, daß depressive Patienten ihre kognitiven Leistungen eher unterschätzen und demente Patienten zur Überschätzung neigen.

Bei der Abgrenzung helfen ferner kernspintomographische Aufnahmen und standardisierte Tests. So erreichen depressive Patienten im klassischen, allenfalls zehn Minuten dauerndem Mini-Mental-Status-Test selten weniger als 24 der maximal möglichen 30 Punkte, sagte Anghelescu.

Bei einem solchen Testergebnis bestehen allenfalls leichte kognitive Beeinträchtigungen. Bei der Testwiederholung schnitten Depressive wegen des Lerneffekts dann noch besser ab. Im Gegensatz hätten Demenz-Patienten meist konstant unter 24 Punkte, womit ein Verdacht auf eine solche Erkrankung besteht.

Demenz und Depression könnten sich wechselseitig verstärkten, eine Komorbidität sei häufig. Dann sollte die Therapie zweigleisig sein: Wegen einer Alzheimer-Demenz sollten die Patienten einen Cholinesterase-Hemmer oder Memantine (vom Unternehmen angeboten als Axura®) bekommen, wegen der Depression - falls Medikamente nötig sind - etwa einen SSRI oder ein anderes modernes Antidepressiva wie Venlafaxin.

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