Ärzte Zeitung, 27.02.2006

HINTERGRUND

Trotz vieler Enttäuschungen gibt es Hinweise, daß ein Malaria-Impfstoff prinzipiell entwickelt werden kann

Von Michaela Petter

Seit mehr als 50 Jahren versuchen Forscher, einen wirksamen Impfstoff gegen Malaria zu entwickeln. Fast 30 Präparate werden derzeit in klinischen Studien getestet. "In den vergangenen Jahren gab es viele Enttäuschungen", berichtet Privatdozent Jürgen May vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg.

Dennoch gibt es Hinweise darauf, daß ein wirksamer Malaria-Impfstoff prinzipiell entwickelt werden kann. So sind Menschen in Gebieten mit wiederholten Infektionen mitunter weniger anfällig für Malaria. Eine schwere Malaria bekommen vor allem Kleinkinder.

Zunächst ein Erfolg, dann ein Irrweg

STICHWORT

Chemoprophylaxe der Malaria

Viele tropische Länder und einige subtropische sind Malaria-Gebiete. Bei Reisen reicht es meist aus, ein Medikament für den Notfall dabei zu haben. Eine Chemoprophylaxe empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit (DTG) noch für wenige Regionen: für Reisen ins tropische Afrika und nach Indonesien östlich von Bali, in die Amazonas-Provinzen in Brasilien, nach Papua-Neuguinea und auf die Solomonen. Zur Auswahl stehen Mefloquin (Lariam®), die Kombination aus Atovaquon und Proguanil (Malarone®) und Doxycyclin. Auch in den Thai-Provinzen Trat und Tak ist eine Chemoprophylaxe nötig. Hier sollte das Kombipräparat oder Doxycyclin verwendet werden. Für die übrigen Malariagebiete reicht ein Stand-by-Medikament: Mefloquin, die Kombination aus Atovaquon und Proguanil oder die aus Artemether und Lumefantrin (Riamet®).

1973 injizierten zudem US-Forscher gesunden Personen Sporozoiten, die zuvor durch Bestrahlung abgeschwächt worden waren. Die Personen entwickelten einen wirksamen Schutz gegen Infektionen mit Malaria. Doch der Ansatz erwies sich als Sackgasse. Um eine taugliche Vakzine zu erhalten, müßte man die Plasmodien aufwendig in Mücken vermehren. Hierfür wären die Produktionskosten zu hoch.

Der komplizierte Lebenszyklus des Parasiten bietet viele Ansatzpunkte für einen Impfstoff. Wenn die Sporozoiten durch einen Mückenstich in den Menschen gelangen, infizieren sie zunächst die Leber und beginnen sich dort zu teilen.

Nach einigen Tagen werden die neuen Zellen frei und befallen das Blut, wo sie durch einen steten Zyklus von Vermehrung und Zerstörung der Blutzellen die Malaria-Symptome auslösen. Bei einem weiteren Stich können Parasitenstadien wieder in eine Mücke gelangen und dort wiederum zu infektiösen Sporozoiten heranreifen: So breitet sich die Krankheit aus.

"Die präerythrozytären Impfstoffe richten sich gegen die Invasion der Sporozoiten in die Leberzellen", sagt May. Der am weitesten fortgeschrittene Impfstoffkandidat aus dieser Kategorie trägt den komplizierten Namen RTS,S/AS02A. Er wird zurzeit vom Unternehmen GlaxoSmithKline zusammen mit Forschern aus Barcelona und von der Malaria Vaccine Initiative (MVI) in klinischen Studien getestet (wir berichteten).

Der Impfstoffkandidat zielt auf ein Eiweiß mit dem Namen CSP auf der Oberfläche der Sporozoiten. Nach Studienergebnissen bietet der Impfstoff zwar keinen vollständigen Schutz, kann aber die Zahl der Malariaschübe über 18 Monate um 35 Prozent reduzieren. Schwere Komplikationen treten weitaus seltener auf (Lancet 366, 2005, 2012).

Auf den ersten Blick sieht das nicht nach einem Riesenerfolg aus. Doch der Hauptautor der Studie, Dr. Pedro Alonso von der Universität in Barcelona, ist zufrieden. "Weltweit sterben jährlich drei Millionen Menschen an Malaria", sagt Alonso. "Ein Impfstoff, der 40 bis 50 Prozent Wirksamkeit hat, könnte jährlich mehr als einer Million Menschen das Leben retten."

Bei Malaria-Impfstoffen strebe man nicht unbedingt an, die Infektion im Keim zu ersticken, so der Wissenschaftler. Vielmehr versuche man, Komplikationen wie Anämie oder den Befall des Gehirns durch Malaria zu verhindern - beides ist vor allem für Kinder lebensgefährlich. Der in Mosambik getestete Impfstoff erreicht dieses Ziel. Um mehr als zwei Drittel wurden schwere Malaria-Erkrankungen reduziert.

Wie beständig ist der Schutz? "Aus unserer Studie schließen wir, daß die Immunität mindestens anderthalb Jahre anhält - und es deutet nichts darauf hin, daß sie dann nachläßt", so Alonso. Er vermutet, daß mild verlaufende Malaria-Infektionen, denen die Kinder stetig ausgesetzt sind, wie natürliche Auffrischungen der Impfung wirken. GlaxoSmithKline hofft nun, bis 2010 einen marktreifen RTS,S/AS02A-Impfstoff entwickeln zu können.

Bis dahin hat sich wahrscheinlich auch herausgestellt, was von den anderen Strategien zu halten ist, die verfolgt werden. CSP wird noch in vielen anderen Zusammensetzungen als Impfstoff getestet.

Darüber hinaus befinden sich vor allem Eiweiße der Blutstadien des Parasiten in klinischen Studien. "Impfstoffe gegen die Blutstadien sind gegen die Krankheit Malaria gerichtet", sagt May. Das prominenteste unter den Blutstadienantigenen, MSP-1, wird seit Jahren von mehreren Forscherteams weltweit in klinischen Studien untersucht. Obwohl es meßbare Immunreaktionen auslöst, gibt es bisher keine Hinweise auf einen langfristig schützenden Effekt.

Ein altruistisches Konzept könnte Erfolg bringen

Ein ganz anderes Konzept wird mit einer transmissionsblockierenden Vakzine verfolgt. Hiermit wird nicht versucht, einen Einzelnen vor einer Infektion zu schützen. Die Vakzine richtet sich vielmehr gegen die Parasitenstadien, die von Mücken aufgenommen und dann auf andere Menschen übertragen werden. Diese altruistische Methode könnte in afrikanischen Dorfgemeinschaften erfolgreich sein, erfordert aber großflächige Anwendung und wird als ethisch bedenklich eingestuft, da Geimpfte nur indirekt davon profitieren.

Die beste Lösung für das Malaria-Dilemma ist vermutlich eine Kombination unterschiedlicher Ansätze. Wissenschaftler hoffen, auf diesem Weg einen Schutz von bis zu 90 Prozent zu erreichen. Doch bis dahin wird viel Zeit vergehen, sagt May.

Der Beitrag wurde erstmals - in einer längeren Version - am 3. Februar 2006 in der "Berliner Zeitung" veröffentlicht.

FAZIT

Der komplizierte Lebenszyklus des Parasiten macht die Entwicklung einer Malaria-Vakzine einerseits äußerst schwierig. Andererseits bietet dieser Lebenszyklus aber auch viele Ansatzpunkte für einen Impfstoff. Der derzeit am weitesten fortgeschrittene Impfstoff erzeugt zwar keinen vollständigen Schutz. Wissenschaftler betonen jedoch, daß auch ein 50prozentiger Schutz schon mehr als einer Million Menschen jährlich das Leben retten könnte. Endgültigen Erfolg wird bei dieser Erkrankung wohl erst die Kombination mehrerer Impfstrategien bringen.

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