Ärzte Zeitung, 12.12.2016
 

Neue S3-Leitlinie zu Polytrauma

Was ist wann von wem zu tun?

Eine neue S3-Leitlinie enthält 308 klare Empfehlungen zum Vorgehen bei Polytrauma. Was hat sich geändert?

Von Wiebke Kathmann

Was ist wann von wem zu tun?

Nicht bei jeder Milzruptur ist eine Op nötig.

© Spotmatik / Getty Images/iStockphoto

BERLIN. In 2,5 Jahren haben mehr als 200 Autoren aus 20 medizinischen Fachgesellschaften im Konsens den neuesten Stand der wissenschaftlichen Evidenz zu Polytrauma auf 460 Seiten zusammenzutragen. Sie geben 308 Kernempfehlungen zum interdisziplinären und interprofessionellen Vorgehen, die jeweils im anschließenden Fließtext erläutert werden.

Sie sind klar nach den drei Zeitbereichen Präklinik (Unfallort und Transport), Schockraum (1 h) und OP (akut notwendige Operationen) gegliedert.

Dank der guten Verschlagwortung des digitalen Dokuments müssen Unfallchirurgen aber nicht das ganze Opus lesen, schon bald können sie zudem über eine App Antworten auf ihre Fragen ganz konkret und schnell abrufen. Wichtige Neuerungen werden zudem in Publikationen und in Qualitätszirkeln kommuniziert.

Gut strukturiert

"Die gut strukturierte Leitlinie bietet somit die Möglichkeit, sich in der akuten und komplexen Situation des Polytraumas schnell noch einmal zum Vorgehen zu vergewissern," erklärte Professor Bertil Bouillon, Direktor der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sporttraumatologie Köln-Merheim, Kliniken der Stadt Köln.

Die neue Leitlinie ermögliche es, sich mit wenig Aufwand in kürzester Zeit auf den neuesten Stand des Wissens zu bringen, sagte der Experte beim DKOU– Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie.

Für die Patientenselektion zu den Klinken der verschiedenen Versorgungsebenen wurden die Kriterien geschärft, damit die richtigen Patienten zeitgerecht in die richtige Klinik gelangen und überregionale Klinken nicht länger mit mittelschwer Verletzten überlastet werden.

Zudem gibt es Neuerungen beim Thema Wiederbelebung. Der Notfallarzt soll nun nach Sauerstoffgabe und Herzmassage eine kurze Checkliste durchgehen, um festzustellen, ob ein Spannungspneumothorax, eine Herzbeuteltamponade oder eine starke Blutung vorliegen, die ertastet beziehungsweise gestoppt werden können.

Es wird also noch mehr Wert auf das initiale Stoppen einer Blutung gelegt, damit die Überlebenschance höher ist. Und das Legen einer Thoraxdrainage gehört jetzt standardisiert zur Versorgung eines Schwerverletzten am Unfallort dazu, um einen Stillstand von Vitalfunktionen mit Notwendigkeit einer Wiederbelebung möglichst zu vermeiden.

Zusatzinfos aus CT nutzen

Während früher eine Bildgebung mit CT bei hämodynamisch beeinträchtigten Patienten völlig verneint wurde, will man heute die wertvollen Zusatzinformationen zu inneren Blutungen, Frakturen und Quetschungen von Organen nutzen. Denn mit den heutigen hochauflösenden Geräten geht kaum noch Zeit verloren.

Voraussetzung ist, dass das CT direkt im Schockraum oder einem angrenzenden Raum steht, was heute weitestgehend Standard ist.

Bouillon: "Wir haben also die Kriterien geschärft, welcher blutende Patient eine Kontrastmittel-verstärkte CT-Untersuchung erhalten sollte und wer nicht. Damit wollen wir dazu beizutragen, unnötige und zusätzlich traumatisierende Operationen zu vermeiden.

Denn wir haben erkannt, dass nicht jede Leber- oder Milzruptur operiert werden muss, seit wir durch Verfahren zur Blutstillung, wie der radiologisch unterstützen Embolisation, auch so auf der sicheren Seite bleiben können".

Eine weitere wichtige Neuerung ist dem Wissen um die große Bedeutung der Gerinnung für das Überleben von Schwerverletzten geschuldet. Denn über die Stillung der akuten Blutung hinaus ist auch die Unterstützung der Gerinnungsfähigkeit des Blutes von Bedeutung, weil sie für den Verschluss kleiner Leckagen verantwortlich ist.

Für die operative Erstversorgung bedeutet zum Beispiel die Erkenntnis, dass nicht jede Leber- oder Milzruptur sofort operiert werden muss, eine Aufwertung von konservativen Verfahren und intensivmedizinischer Betreuung. Denn es muss eine engmaschige Kontrolle der Verletzungen unter anderem durch Ultraschall, vorgehalten werden, um gegebenenfalls binnen 24 Stunden doch noch einzugreifen zu können.

Die S3-Leitlinie zu Polytrauma ist im Internet einsehbar auf: www.awmf.org

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