Ärzte Zeitung online, 18.01.2010

Expertin hält die Wirksamkeit von "Hirn-Doping" für völlig überschätzt

MÜNSTER (dpa). Studenten, die mit Hilfe von Medikamenten besser zu lernen glauben, überschätzen oft völlig die Leistungssteigerung, so die Wissenschaftlerin Davinia Talbot aus Münster.

"Die Hoffnung dabei ist, dass etwa der Wirkstoff Methylphenidat in Ritalin® hilft, sich besser zu konzentrieren", sagte Talbot. Sie forscht an der Universität Münster als Medizin-Ethikerin. Bei einem interdisziplinären Projekt des Bundesforschungsministeriums untersuchte sie mit Experten aus Philosophie, Jura und Medizin Vor- und Nachteile des "Hirn-Dopings". Die Wirksamkeit sogenannter Neuro-Enhancer sei bisher nicht nachgewiesen, sagte die Medizinethikerin zur Nachrichtenagentur dpa. In erster Linie gehe es bei solchen Mitteln um die Steigerung der kognitiven Leistung und der emotionalen Befindlichkeit.

Eingenommen werden laut Experten vor allem drei Medikamentengruppen. Hauptsächlich in den USA sei Methylphenidat unter Studenten als Vorbereitung auf Universitätsprüfungen bekannt. Eine zweite Gruppe bilden die Antidepressiva. "Kurzfristige Effekte gibt es nicht, Studien über langfristige Effekte bei Gesunden fehlen", sagte Talbot. "Dennoch gibt es einzelne Fallberichte amerikanischer Psychiater, die die Medikamente mit zum Teil erstaunlichen Effekten einsetzen." Die Expertin sieht dieses "Glück auf Rezept" jedoch eher skeptisch.

Beim Hirn-Doping kommt auch der Wirkstoff Modafinil zum Einsatz. "Das ist ein Wachmacher, den man typischerweise bei Schlafstörungen einsetzt. Gesunde Probanden bleiben zwar wach, aber ihre Leistungsfähigkeit lässt nach." Musiker schwören wiederum auf andere Medikamente, weiß die Expertin: "Betablocker gegen Bluthochdruck werden eingenommen, um gegen das Lampenfieber anzukämpfen. Man schwitzt weniger und das Zittern lässt nach."

Die Medikamente sind allesamt verschreibungspflichtig. "In einer Studie der DAK unter 3000 Arbeitnehmern zwischen 20 und 50 Jahren gaben 1,9 Prozent der Befragten an, harte Mittel zur kognitiven Leistungssteigerung einzunehmen. Diese haben sie vermutlich aus Opas Medizinschrank oder zum Beispiel von Internet-Apotheken, die es mit dem Gesetz eventuell nicht ganz so genau nehmen", schätzt Talbot. "Das ist ein gefährliches Selbstexperiment, die Langzeitfolgen sind kaum abzuschätzen." Die Expertin hofft daher auf breit angelegte Studien zum Thema Neuro-Enhancement. "Wir müssen die Substanzen näher untersuchen, um zu wissen, worauf wir uns einlassen oder was wir ablehnen wollen."

Dann sei ein gesellschaftlicher Diskurs fällig. "Lesen und Schreiben war früher auch nur dem Klerus vorbehalten, warum sollten wir, falls die Mittel wirksam und verträglich sind, diese verbieten?", fragt Talbot. "Für das Arbeiterkind müssten die Medikamente ebenso erhältlich sein wie für den Spross aus der Arzt-Familie. Möglicherweise müsste der Staat Neuro-Enhancement dann subventionieren." Bereits frühzeitig müsse allerdings überlegt werden, wie dem zunehmenden Leistungsdruck begegnet werden könne, denn eine Gesellschaft, in der nur noch Ellbogen zählten, sei schließlich nicht wünschenswert.

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