Ärzte Zeitung online, 19.02.2018

Gehirnerschütterung ohne Erschütterung

US-Diplomaten leiden unter geheimnisvoller Krankheit

Plötzlich leiden US-Diplomaten auf Kuba unter Schwindel, Kopfschmerzen und anderen Beschwerden, nachdem sie ein merkwürdiges Geräusch gehört haben. War es ein feindlicher Angriff?

Von Thomas Müller

US-Diplomaten leiden unter geheimnisvoller Krankheit

Chemischer Angriff, Massenpanik, Schallwellen-Attacke: Die mysteriösen Beschwerden von US-Diplomaten sind noch nicht aufgeklärt.

© coramax / stock.adobe.com

PHILIADELPHIA. Haben die Kubaner eine akustische Waffe ausprobiert, Mitarbeitern der US-Botschaft etwas ins Essen gemischt oder sind diese einfach nur hysterisch geworden?

Jedenfalls haben die US-Behörden eine Reihe seltsamer Erkrankungen bei 24 Botschaftsmitarbeitern in Havanna sehr ernst genommen und an der Universität in Philadelphia eine umfangreiche Untersuchung veranlasst. Danach zeigten die Betroffenen Symptome einer leichten Gehirnerschütterung, nur dass sich keiner den Schädel irgendwo angeschlagen hatte.

Hochfrequentes Geräusch und Druckgefühl

Das Phänomen wurde zwischen Ende 2016 und Mitte 2017 bei 24 Mitarbeitern der kubanischen Botschaft beobachtet. Die meisten haben in ihren Wohnungen oder Hotelzimmern plötzlich ein sehr lautes, hochfrequentes Geräusch wahrgenommen, dass sie als metallisches Schleifen oder durchdringendes Quietschen beschrieben. Zwei nannten ein tiefes Brummen und Summen, drei konnten sich an kein Geräusch erinnern.

Die Hälfte der Patienten erwähnte zudem ein Druckgefühl oder Vibrationen, wie bei einem fahrenden Auto, in das Luft durchs geöffnete Fenster wirbelt. Das war auch bei zwei der Betroffenen ohne akustische Wahrnehmung der Fall. Geräusche und Druck schienen aus einer bestimmten Richtung zu kommen; einige sagten, dass Geräusche und Symptome nachließen, sobald sie ihre Position wechselten. Fünf behaupteten, sie hätten sich ohne Erfolg die Ohren zugehalten.

Sehr unterschiedlich waren die Angaben zur Dauer des Phänomens: Ein Botschaftsangehöriger beschrieb nur zwei über zehn Sekunden dauernde Impulse, andere sprachen von einem kontinuierlichen über mehr als 30 Minuten anhaltenden Geräusch.

Von 21 Betroffenen, die nachuntersucht werden konnten, berichteten 20 über multiple Beschwerden, die unmittelbar mit den Geräuschen oder dem Druckgefühl einsetzten. Dazu zählten sie Kopfschmerzen, Ohrschmerzen, Tinnitus, Übelkeit, Benommenheit, aber auch Verwirrtheit und Orientierungslosigkeit.

In den folgenden Tagen und Wochen klagten die Betroffenen zunehmend über neurologische Beschwerden wie Gedächtnisprobleme, Fatigue, erhöhte Lichtempfindlichkeit, Tinnitus, Gleichgewichtsprobleme oder ungewöhnliche Kopfschmerzen. Kognitive Probleme wurden von 90 Prozent erwähnt, Schlafprobleme von drei Vierteln, ebenso viele nannten Hörveränderungen, zwei Drittel beschrieben jeweils Seh- und Balanceprobleme.

Fast alle begaben sich deswegen in ärztliche Behandlung, alle bis auf einen Patienten klagten auch nach mehr als drei Monaten über anhaltende Symptome, zwei Drittel waren noch nicht arbeitsfähig.

Dennoch versuchten viele der Betroffenen wieder rasch zur Arbeit zurückzukehren, häufig trotz Krankschreibungen. Sie beschrieben periodische Exazerbationen – schlechte Tage mit Konzentrationsschwäche, Fatigue und leichter Reizbarkeit gefolgt von guten Tagen mit weniger ausgeprägten Beschwerden. Bei sechs der Betroffenen vermerkten die Vorgesetzten spürbare Leistungseinbußen.

Netzwerkstörung wie bei leichtem Schädel-Hirn-Trauma

Die neuropsychologischen Tests sind noch nicht abgeschlossen. Vollständige Untersuchungsergebnisse liegen hier zu sechs Patienten vor, berichten Neurologen um Dr. Randel Swanson vom Center for Brain Injury and Repair an der Universität in Philadelphia im Fachblatt "JAMA" (doi: 10.1001/jama.2018.1742).

Bei allen sechs ließen sich Beeinträchtigungen der Exekutivfunktion feststellen, bei den meisten auch motorische, auditorische und visuelle Defizite. Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit waren bei etwa jedem Zweiten gestört.

Die Untersuchung durch die Experten erfolgte im Schnitt 203 Tage nach Beginn der Beschwerden. Als besonders belastend empfanden die Patienten zu diesem Zeitpunkt noch immer Gedächtnisprobleme und eine kognitive Verlangsamung.

Zu allen 21 Patienten liegen mittlerweile Resultate neurologischer Untersuchungen vor. Während klinischer Tests zeigten 17 von 21 noch Gleichgewichtsstörungen. Beeinträchtigt waren die statische posturale Stabilität, das dynamische Gleichgewicht sowie der vestibulo-okuläre Reflex. Eine periphere vestibuläre Dysfunktion fanden die Ärzte bei 4 von 13 Patienten anhand einer thermischen Prüfung.

Die Experten um Swanson konnten drei der Betroffenen per Audiometrie ein reduziertes Hörvermögen attestieren, neun hatten über eine persistierende Hörschwäche nach dem Ereignis geklagt.

Alle 21 Patienten unterzogen sich einer MRT. Drei zeigten T2-Hyperintensitäten, diese boten jedoch keine Erklärung für die Beschwerden, ansonsten waren die Aufnahmen unauffällig.

Die meisten Untersuchten wurden schließlich einem umfangreichen Rehaprogramm unterzogen.

Hinweise auf Netzwerkstörung im Gehirn

Die Ärzte um Swanson erkennen Hinweise auf eine umfangreiche Netzwerkstörung im Gehirn, wie sie bei einer leichten Gehirnerschütterung zu beobachten ist. Einer Art Massenhysterie als Erklärung stehen sie skeptisch gegenüber – viele der Defizite aus den klinischen Untersuchungen ließen sich nicht durch bewusste oder unbewusste Manipulation hervorrufen.

Zudem hätten die Betroffenen keine Tendenzen gezeigt, sich krank zu stellen, ganz im Gegenteil, die meisten seien hochmotiviert und bestrebt gewesen, möglichst schnell wieder zur Arbeit zurückzukehren.

In einem Editorial (doi:10.1001/jama.2018.1780) merken Neurologen um Dr. Christopher Muth von der Universität in Chicago jedoch an, dass viele der nachgewiesenen Defizite auch in der Allgemeinbevölkerung auftreten und es daher nicht verwunderlich sei, dass bei einer gründlichen Untersuchung diverse Abweichungen von der Norm festgestellt werden.

Zudem sei die Symptomatik weder einheitlich noch spezifisch – die Betroffenen hatten alle recht prävalente Symptome genannt. Da sich die Fälle auf etwa ein halbes Jahr verteilten, habe sich das Problem vermutlich herumgesprochen. Es sei daher möglich, dass viele der Betroffenen besonders auf solche Beschwerden geachtet hätten.

Erklären lässt sich das Phänomen jedenfalls nicht über einen akustischen Angriff. Schallwellen können zwar in hoher Intensität und aus nächster Nähe verabreicht das Hirngewebe stören oder gar zerstören – etwa beim fokussierten Ultraschall, eine Fernwirkung ist biologisch jedoch nicht plausibel.

Als mögliche Auslöser könnten Krankheitserreger oder Toxine infrage kommen, so die Ärzte um Muth. Da die klinischen Untersuchungen jedoch erst Wochen und Monate nach den Ereignissen stattfanden, sei es schwer, die Ursache aufzuspüren.

Die USA hatten im September 2017 aufgrund der mysteriösen Erkrankungen zeitweise einen Großteil des Personals aus Havanna abgezogen. Immer wieder wurde der Verdacht geäußert, hier habe es einen gezielten Angriff auf die Botschaftsmitarbeiter gegeben.

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