Ärzte Zeitung, 08.04.2004

Viele Daumenlutscher handeln sich Fehlstellungen der Zähne ein

Spätfolgen der Gebißveränderungen können Paradontose und Zahnausfall sein

Erstmals hat in diesem Jahr der Berufsverband Deutscher Kieferorthopäden (BDK) einen bundesweiten "Tag der offenen Praxis" veranstaltet. Die rechtzeitige Korrektur von Zahnfehlstellungen sei wichtig, damit auch Menschen höheren Alters problemlos feste Kost zu sich nehmen können, so Dr. Peter Bailly, Kieferorthopäde in Frankfurt am Main, der seine Gemeinschaftspraxis am 19. März 2004 für Interessierte und Fachbesucher geöffnet hatte. Ihn hat unser Mitarbeiter Thomas Meißner gefragt, warum und wann Zahnfehlstellungen korrigiert werden sollten.

Ärzte Zeitung: Herr Dr. Bailly, angeblich benötigen 60 Prozent aller Kinder und Jugendlichen eine kieferorthopädische Behandlung. Stimmt das und, wenn ja, woran liegt das?

Bailly: Wenn man jede Form der Abweichung korrigieren wollte, müßte man sogar bei 80 Prozent der Gebisse behandeln. Die GKV befürwortet eine kieferorthopädische Therapie, wenn das Kauen, Beißen oder das Sprechen gestört sind. Es gibt also medizinische Notwendigkeiten - die sind bei etwa 50 Prozent der Kinder und Jugendlichen gegeben - und ästhetische Gründe für eine Therapie. Für manche Patienten sind selbst relativ kleine Unregelmäßigkeiten eine starke psychische Belastung .

Ärzte Zeitung: Wie viele Zahnfehlstellungen sind angeboren, wie viele erworben?

Bailly: Etwa ein Drittel sind angeboren. Bei den meisten Patienten dürfte es sich um eine Kombination angeborener und erworbener Ursachen handeln. Wir unterscheiden zwischen dentalen und skelettalen Abweichungen. Die angeborenen Fehlstellungen sind stets skelettale Abweichungen. Durch Daumen- oder Bettzipfellutschen kommen viele Fehlstellungen hinzu. Aber auch durch eine bestimmte Mimik, wenn also in besonderer Art Lippen und Zunge bewegt werden, entstehen Zahnfehlstellungen.

Ärzte Zeitung: Welche medizinischen Gründe gibt es, eine Zahnfehlstellung zu korrigieren?

Bailly: Spätfolgen einer Zahnfehlstellung sind Parodontose, vorzeitiger Zahnausfall und in höherem Alter oft Kiefergelenkprobleme. Das orthognathe, also gesunde und optimal arbeitende Gebiß kann hundert Jahre und mehr funktionieren. Der Besuch beim Kieferorthopäden ist also eine optimale Prophylaxe.

Ärzte Zeitung: Worauf können denn auch Hausärzte und Pädiater achten, etwa bei den üblichen Vorsorgeuntersuchungen?

Bailly: Werden Schnuller über das dritte Lebensjahr hinaus benutzt, sollte man regelmäßig das Gebiß kontrollieren. Mit Sicherheit hat es Folgen, wird der Schnuller über das vierte Lebensjahr hinaus benutzt. Mit einem Zungengitter, einer Spezialspange, die an den Backenzähnen fixiert wird, kann übrigens in kurzer Zeit das Lutschen abgewöhnt werden.

Grundsätzlich sollte jedes Kind zwischen acht und neun Jahren einmal beim Kieferorthopäden vorgestellt werden. Denn es gibt Fehlstellungen, die nicht ohne weiteres durch den Nicht-Fachmann erkannt werden und die in diesem Alter relativ leicht korrigierbar sind. Zum Beispiel haben manche Daumenlutscher eine gestörte Abbeißfunktion. Durch Mundvorhofplatten schließt sich der Biß und es ist unter Umständen keine weitere Therapie nötig.

Ärzte Zeitung: Wie hoch ist die Rezidivgefahr bei kieferorthopädischen Eingriffen?

Bailly: Das hängt unter anderem auch von der Compliance der Patienten ab. Bei sachgerechter Therapie ist die Rezidivgefahr gering. Manche Kinder, besonders Jungen, haben manchmal noch spät einen Wachstumsschub, so daß bei skelettalen Fehlstellungen ein Rezidiv möglich ist. Manche Jungen wachsen noch mit 18. Einer frühen Behandlungsphase muß daher manchmal eine zweite Therapiephase nach Wachstumsabschluß und besonders nach Einstellung des zweiten Backenzahns, der zwischen zwölf und 14 Jahren kommt, folgen. Manchmal machen wir auch eine Röntgenaufnahme der Handwurzel, um zu sehen, ob der Patient noch wächst.

Ärzte Zeitung: Was hat es mit der unsichtbaren Zahnfehlstellungskorrektur auf sich?

Bailly: Die Invisalign®-Technik kommt aus den USA und ist in erster Linie eine Domäne der ästhetischen Korrektur. Bei größeren Zahnfehlstellungen sind Brackets unverzichtbar, weil wir damit die Krafteinwirkung gezielter setzen können, man kann die Therapie besser variieren. Bei Invisalign® wird ein Abdruck und eine Röntgenaufnahme des Gebisses gemacht.

Die Befunde werden zum Unternehmen in die USA geschickt, wo computergesteuert mehrere Spangenmodelle hergestellt werden, die jede einzelne Zahnbewegung beinhalten. Je nach Schweregrad der Fehlstellung wird in Costa Rica die erforderliche Menge dieser hauchdünnen, durchsichtigen Plastikschienen hergestellt. Wir setzen die zehn bis zu mehr als 50 Schienen dann in der entsprechenden Reihenfolge und je nach Fortschritt der Zahnkorrektur ein.

Ärzte Zeitung: Was kostet eine Zahnfehlstellungskorrektur?

Bailly: Die Kosten sind ja nach Behandlungsmethode sehr unterschiedlich und können zwischen 2000 und 5000 Euro liegen. Die neue Gesundheitsgesetzgebung hat die Zahl der diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten bei den PAtienten, die durch die gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden, reduziert. Eine Grundbehandlung wird bei Patienten bis zum 18. Lebensjahr übernommen, zusätzliche Leistungen müssen selbst bezahlt werden.

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