Ärzte Zeitung, 03.05.2004

Jugendliche träumen nicht vom Aus-, sondern Einstieg

Pubertierende haben es nicht leicht, sich abzugrenzen

Radikal, gewalttätig, zu unpolitisch, ohne Benehmen, süchtig nach Marken oder Vergnügen - die Liste der Klagen über Jugendliche ist lang. Doch die Generation, darin sind sich viele Wissenschaftler einig, wird heute zu Unrecht verurteilt.

Mehrere Autoren haben sich mit den Bedingungen beschäftigt, unter denen Kinder heute erwachsen werden müssen. Ihr Fazit: Eine Gesellschaft, die Selbstentfaltung, Flexibilität und Spaß als oberste Maxime hat, in der Fitness und Jugend Kult sind, macht es den Pubertierenden nicht gerade leicht.

"Das Leben ist heute für Jugendliche viel komplizierter und unübersichtlicher", beobachtet zum Beispiel Axel Dammler vom Münchner Marktforschungsinstitut Icon Kids. So gebe es mehr als 200 Ausbildungsmöglichkeiten, unzählige Freizeitaktivitäten, TV-Programme und Magazine.

"Die ‚Bravo‘ hat kein Monopol mehr", sagt Dammler. Die Pubertät ist vor allem eine Zeit der Abgrenzung, in der Reibungsflächen gesucht werden. Doch in einer Gesellschaft, die "massiv in das Terrain von Jugendlichen" eindringt, sei Abgrenzung kaum möglich, so Dammler.

"Konkurrenz, wie es sie vor allem unter Freundinnen gibt, findet zunehmend auch auf der Eltern-Kind-Ebene statt", kritisiert auch die Psychologin und Verhaltensforscherin Christiane Tramitz in ihrem Buch "Kindergeheimnisse" (Droemer Verlag), in dem vor allem Kinder in der Pubertät zu Wort kommen. Ob Mode, Musik oder Sport - die heterogene und offene Gesellschaft hat nahezu alle Nischen besetzt.

So berichtet Tramitz, daß Jugendliche heute zu immer drastischeren Mitteln der Abgrenzung greifen: magersüchtige Mädchen zum Beispiel, die dem Schlankheitswahn ihrer Mütter hinterhereiferten. Auch Jugendszenen, so heißt es in dem Buch "Jugend in Deutschland" (dtv) von Ute und Wolfgang Benz, seien heute - anders noch als in den 60er und 70er Jahren - kein Mittel des Protestes mehr. Und in der Fülle der Harmonie suchenden Boygroups ist auch Musik kein Ausdruck einer Antihaltung.

So komme es, daß - laut Studien - für Jugendliche heute traditionelle Werte wie Familie, Harmonie und Freunde, wieder ganz besonders wichtig sind. "Vom Ausstieg träumt heute keiner mehr. Man ist froh, wenn der Einstieg gelingt", bringt es Wippermann auf den Punkt.

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